Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 13 (1937)
- Issue
- 7 (1.4.1937)
- Date
- 1937-04-01
- Page
- Seite 151 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 7 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 151 Viel eher wären wir geneigt, uns durch ein solches Gespräch zum Atheismus zu bekehren. Es hat aber auch an Versuchen nicht gefehlt, von der Vernunft her die Widersprüche zuzudecken, die sich zwischen der Allmacht unid der Allgerechtigkeit auftun, an Versuchen, die alle darauf hinauslaufen, den Weltlauf, so wie er ist. als gerecht hinzustellen. Saadja-Gaon und ihm folgend Leibniz meinen, das Übel in der Welt sei für Gott die notwendige Vorbedingung, das notwendige Mittel für die Erzeugung eines maximalen Gutes; Gott würde sich mit der Schaffung eines geringeren "Gutes begnügen müssen, wenn er auf das Übel verzichten wollte. Die Jenseits-Lehren meinen, die Gerechtigkeit realisiere sich in einer Weise, die im Einzelfall für den menschlichen Beobachter undurchschaubar bzw. unerkennbar sei. Hierin ist kein Unterschied zwischen den Positionen;, die, wie C h r i - Stent.um und Islam besondere Welten oder Weltgegenden (Himmel und Hölle) als Ort der Vergeltung ansetzen und dieselbe gleich nach dem Tode beginnen lassen, und solchen, die wie die brachmahnischen und buddhistischen Vorstellungen über das Kartna und die der Kabbalah über das Gilgul die Wiedergeburt und die Schicksale nach ihr zum Instrument des Ausgleichs der moralischen Konten machen. Im Wesen hiervon nicht unterschieden ist der Versuch, den schlichten, unerforschlichen Ratschluß als Erklärungsprinzip zu benutzen, also die Behauptung, das irdische Geschehen selbst sei, in einer aus der Nah-Perspektive des menschlichen Individuums unsichtigen Weise, dergestalt überdeterminiert, daß jedes Leid die Sühne irgendeiner Schuld darstelle.. Hiervon wollen uns Hioibs Freunde und die folgende Hagadah* überzeugen: Moscheh habe einst an einem Brunnen zugesehen, wie ein Mann dort trank, seine Börse verlor und sich entfernte, wie ein zweiter kam, die Börse fand und sich damit entfernte, wie 'ein dritter kam und sich zur Rast im Grase ausstreckte, wie der erste nach Entdeckung seines Verlustes zurückkehrte, den dritten der Aneignung der Börse beschuldigte, mit ihm in Streit geriet und ihn hierbei erschlug. Da habe Moscheh den Ewigen gefragt, wie er so vieles Unrecht habe zulassen können, sei doch der erste unverdientermaßen beraubt, der zweite unrechtmäßig bereichert und der dritte unschuldig erschlagen. Gott habe geantwortet: Der Vater des ersten war dem Vater des zweiten gerade die Summe schuldig, die sich in der Börse befand, so daß nun die Schuld dem Erben erstattet ist, und der dritte hatte einst unentdeckt den Bruder des ersten erschlagen, jetzt aber hat dieser Mord seine Rache gefunden; wie so oft wurde auch diesmal mein Wirken vom Menschen verkannt. Uns erscheinen alle diese Lösungen unzulänglich. Denn einmal beruhen sie auf dem Appell an das blinde Vertrauen; man soll etwas annehmen und glauben, was sich jeder Nachprüfung entzieht. Uns antwortet Gott nicht, wenn wir ihn fragen, wie Moscheh. Und wem von uns wäre gegeben, nach der Weise der Yoghi-Praktiker unsere früheren Leben ins Gedächtnis zurückzubekommen, und so die Gerechtigkeit des Karraa kontrollieren zu können? Aber selbst, wenn sich ergeben sollte, daß fern von dieser Erde oder zwar auf ihr, doch in riesigen Zeitläufen, die gerechte Vergeltung erfolgt, so würde das genau genommen bedeuten, daß die irdische-Gegenwart, das Hier und Jetzt, in Wahrheit von der Ungerechtigkeit beherrscht werden. Die vollentfaltete Gerechtigkeit ist aber gerade eine solche, die das Hier und Jetzt einschließt, ist eine auch - diesseitige Gegenwartsgerechtigkeit. Aber eine Gerechtigkeit, die allzuviel des Kredites (in Form von Raum und Zeit) bedarf und die infolgedessen auch nicht sinnfällig erlebt wird, ist (auf Grund reinbegrifflicher Vergleichung) gegenüber der diesseitigen Gegenwartsgerechtigkeit, unschwer als unterlegen zu erkennen. Jene Kredit-Gerechtigkeit ist geradezu identisch mit dem Zustande des universalen Elends in der Welt. III. Wir können nunmehr die P r o b 1 e m 1 a g e in folgenden Formeln präzisieren: Vom Boden des europäischen Denkens aus ist die Idee der G e r e c htigkeit unkonkret isierbar, 4 Widergegeben nach Bin Gorian „Aus dem Born Judas". Inselbücherei Bd. 347, S. 4 ff. •VX 'WWX/X/X/X/X/'WWX/WV •wvwwwwwwww Den jungen Auswanderern! Dehnt aus das Herz und reckt euch wie ein Baum! Senkt eure Wurzeln in geweihte Erde. Sucht im Gedräng der heimatflüchfgen Herde Auch euch den Platz im großen Weltenraum! War euer Kindsein nicht verklärter Traum? Erst da ihr reift, hat Mühsal und Beschwerde euch abgedrängt vom Schoß der Muttererde, dem ihr in Schmerzen doch entsproßen kaum. Zieht nun hinaus, euch selbst den Weg zu bahnen! Gedenkt der stolzen Kette eurer Ahnen und des euch Erben anvertrauten Guts — Seid stark durch Demut, frei durch Selbstgenügen. Erlebt die Welt in tiefen Atemzügen und werdet Männer — würdig eures Bluts!! Edith L. Meyer •wwwwwwwwwv«vwvwwwwvwww« 1. weil der Gegensatz zwischen ethischem Formalismus und dem Prinzip der materialen Wertethik unüberbrückbar ist, 2. weil derlebendigeGarantder Gerechtigkeit, der allmächtige Gott, offenbar versagt oder in Wahrheit ein Bösewicht oder überhaupt nicht vorhanden ist; somit scheint das Universale (Gattunigswesen),,Gerechtiigkei't"weder als „nonien", „in mtellectlu" (Begriffsibezeichnung im Geist), noch als „eos reale", „in re" (in der körperlichen Wirklichkeit existiereoider Gegenstand) konstituiert werden zu können. IV. Nun erst kommen wir dazu, dem J u d e n t u m als solchem das Wort zu geben und es zu befragen, wie es sich dieser Problemlage gegenüber verhält. Wir erwähnten bereits Saadj a G a o n, eine Hagadah und eine bestimmte kabbalistische Lehre. Aber an diesen Stellen finden wir nicht den Ausdruck des spezifisch jüdischen Beitrags zur Diskussion. So wenig wir behaupten wollen, die oben wiedergegebenen Lehrmeinungen ständen außerhalb des Judentums, so sehr müssen wir betonen, daß die von Saadja Gaon über Maimonides und die christliche Scholastik zu Leibniz führende Linie nicht zum Kern des Phänomens „Judentum", sondern von diesem weg zu seiner Peripherie hinleitet, ja über seine Grenzen hinausführt. Uns kann es aber nur darauf ankommen, gerade diesen Kern herauszuschälen, eine Bemühung, bei der wir den Gesichtspunkten folgen werden, die Oskar Goldberg in seiner „Wirklichkeit der Hebräer" (Berlin, 1925) und in „Maimonides, Kritik der jüdischen Glaubenslehre", Wien 19355 herausgearbeitet hat. Danach hat die T h o r a, die ein völlig in sich geschlossenes System darstellt, den Vorrang vor allen anderen Quellen, sie enthält den Kern, und die anderen literarischen Dokumente des Judentums sind daraufhin zu prüfen, wieweit sie dem Geist der Thora adäquat sind, und dementsprechend zu beurteilen. Die Thora lehrt aber nicht jene Haltung demütiger Ergebenheit vor Gott und des blinden Vertrauens in die Gerechtigkeit der Vorsehung, wie sie die oben wiedererzählte Hagadah empfiehlt. Oder ist es Demut, wenn Moscheh Gott den Dienst aufkündigt, falls er (nach dem Vorfall mit dem goldenen Kalb) nicht 5 Beide Werke werden jetzt von Dr. Heinrich Glanz, Wien VIII, Langegasse 32, verlegt; vgl. auch das Referat über das zweitgenannte in der Nummer v. 1. Febr. 1936 dieses Blattes.