Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
- Journal
- Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
- Volume
- 1937
- Issue
- 3 (15.3.1937)
- Date
- 1937-03-15
- Page
- Seite 7 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 3 Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern 7 Prinzip für die jüdische Schule fordert er. daß wir in unseren Lehrplan nur Stoffe solcher Dichter aufnehmen dürften, die bibelgerecbt dichten, also nur solcher Schriftsteller, die in Richtung jüdischer Weltanschauung sich befinden. Wenn Herr Dr. Buber das allgemein für die jüdische Schule, also auch für die höhere Schule fordert, so müssen wir diese Forderung um so dringender für unsere jüdische Volksschule erheben. Denn mehr denn je verlangt die Zeit, daß wir unserer Jugend eine ausgesprochene jüdische Weltanschauung übermitteln. Es wäre nichts verfehlter, als unsere Jugend mit unjüdisohen Anschauungen bekannt zu machen und dadurch Störung der Vorstellungswelt des Kindes zu veranlassen. Es würde sich bestimmt lohnen, die Werke deutscher Schriftsteller danach zu untersuchen, inwieweit wir sie als bibelgerecht bezeichnen können und inwieweit wir sie als unjüdisch für unsere jüdische Schule ablehnen müssen. Es würde sich dabei auch ergeben, daß wir die Trennung nicht nach Dichtern vornehmen dürften, idaß wir vielmehr innerhalb ihrer Werke zu unterscheiden haben. Dabei würde sich zeigen, daß wir eine Reihe von Gedichten Schillers und Goethes ablehnen müßten, daß wir aber andererseits in vielen Werken dieser Dichter Anschauungen vorfinden, die mit unserer jüdischen volkommen übereinstimmen. Gedichte Unlands, die wir in allen Lesebüchern häufig finidien, müßten nach diesem Auswahlprinzip zum größten Teil abgelehnt werden, weil fast alle seine Dichtungen den Typ des heldischen Menschen zum Inhalt haben, wie er unserer jüdischem/ Anschauung nicht entspricht. Es wäre das eine sehr verdienstvolle Arbeit der fachkundigen jüdischen Deutschlehrer, eine solche Zusammenstellung zu machen, damit diese Stoffe in dem Lesebuch für die jüdische Volksschule, auf das wir immer noch warten. Aufnahme finden. Der Aufgabe, die die jüdische Schule an den jüdischen Lehrer stellt, wenden wir aber erst dann gerecht, wenn auch die Stoffgestalturag vom Jüdischen her erfolgt. Als Juden müssen wir die Stoffe lesen, müssen versuchen, soweit es sich natürlich ergibt, vom jüdischen Geidanken aus Stellung zu nehmen und jeden Stoff danach bewerten. Um an einem praktischen Beispiel zu zeigen, wie ich mir das denke, wählte ich ein Gedicht eines deutschen Dichters und versuchte bewußt, so viel wie möglich Parallelen zum Jüdischen zu finden. Die Aussprache, die sich an die Behandlung des Gedichts anschloß, zeigte mir, daß ein großer Teil der Kollegen sich' über Ziel und Aufgabe des Lehrbeispiels nicht im Klaren war. Diese Lehrstunde hatte einzig und allein den Zweck, an einem praktischen Unterrichtsbeispiel zu zeigen, wie ich mir die Durchführung der Forderung: Durchdringung des Deutschunterrichts mit jüdischem Geiste vorstelle, wie wir als Juden das Gedicht lesen und hierhin Menschlheitsgedanken wiederfinden, die sich mit unserer jüdischen Weltanschauung decken, wie sie in unserem jüdischen Schrifttum niedergelegt sind. Eine solche Behandlungsweise setzt selbstverständlich eine entsprechende Vorbereitung im Religionsunterricht voraus. Die Kinder gingen mit einer spezifisch jüdischen Einstellung an die Begriffe: Freiheit Tugend und G'tt heran; und nur unter dieser Voraussetzung konnte dieses Gedicht behandelt werden. Die Parallelen zum jüdischen Gedankengut haben sich ungekünstelt , aus dem natürlichen Gang des Unterrichts ergeben. Es ist nichts gewaltsam herbeigezogen worden. Ich glaube, daß ich das mir gesteckte Ziel erreicht habe. Die Schüler sind, soweit es auf dieser Altersstufe möglich ist, in die Sprache und den Gedankengehalt 'des Gedichtes eingedrungen und gleichzeitig war diese Behandlung für die Kinder eine lehrreiche, anregende Religionsstunde. Wenn auch nach der oben aufgestellten Forderung in unserem jüdischen Lesebuch'. Lesestoffe nichtjüdischer Dichter Aufnahme finden, so muß doch unser Bestreben sein, dem spezifisch jüdischen Gedankengut und besonders auch dem jüdisch-religiösen, im Deutschunterricht immer mehr Platz einzuräumen. Betrachten wir die Lesebücher katholischer und protestantischer Schulen! Ein großer Teil dieser Bücher befaßt sich mit religiösen Stoffen. Durch Bekanntmachung mit Sitten und Gebräuchen des Volkes soll die Jugend geistig im eigenen Volkstum verwurzelt wenden. Das Fach „Deutsch" ist das spezifischste Gesinnungsfach. Jede Gelegenheit, die sich uns bietet, jüdische Erlebnisse zu übermitteln, müssen wir ergreifen!. Wenn Hördt für die Aufstellung des Leseplanes fordert, daß Heimat und Gegenwart die schicksalshaften Ausgangspunkte bilden und die volkseigene Dichtung Gnunidäage des Leseplanes sei. dann ist es doch selbstverständlich, daß wir echt jüdischen Stoffen, die dem Gefühlsleben unserer Kinder naheliegen, den Vorzug geben. Liegen solche Stoffe nicht auch der Fassungskraft und der Neigung der Kinder viel näher, kommt solchen Stoffen die empfängliche Kinderseele nicht leichter entgegen, als irgendeinem anderen Stoffe? Stehen uns aber genügend Stoffe jüdischen Inhalts zur .Verfügung? Arbeiten der letzten Zeit — ich erinnere hier -vor allem an die Gedichtsammlung „Not und Hoffnung" von Feiner-Gut-Rothschild und an das Lesebuch: Das Siebenfache Licht von Emanuel bin Gorion, auf die ich noch zu sprechen komme — haben bewiesen, daß eine Menge sehr brauchbarer Lesestoffe vorhanden ist und daß man heute ernstlich bestrebt ist, die Frage der Lektüre für die jüdische Volksschule zu lösen. Unsere Aufgabe wäre es, aus der Vdelartigikeit der Lesestoffe, die uns heute schon zur Verfügung stehen, nur das Beste auszuwählen, um unsere Jugend in die jüdisch-deutsche Literatur einzuführen. War müssen heute unsere Jugend mit dieser Literatur bekannt machen, denn auch ohne unsere Unterstützung hat 'die jüdische Jugend die Möglichkeit, in Bünden oder Bibliotheken Bücher jüdischer Schriftsteller zu lesen, ohne eine Ahnung vom Leben des Dichters oder Schriftstellers und seiner weltanschaulichen Einstellung zu haben. Ist es nicht geradezu beschämend, wenn unsere Jugend selbst von den größten jüdischen Dichtern nichts weiß? Wenn heute die berechtigte Forderung der Durchdringung aller Unterrichtsgebiete mit jüdischem Gedankengut gefordert wird, so nimmt gerade der Deutschunterricht diesbezüglich eine ganz besondere Stellung ein. Bei der Stoffauswahl müssen wir das Schwergewicht auf spezifisch jüdische Stoffe legen, wenn wir natürlich auch nie übersehen dürfen, id'aß es sich um einen Deutsch Unterricht handelt, dessen letztes Ziel vollkommene Beherrschung der deutschen Sprache ist. Welche Stoffe kommen hier in Frage? 1. Jüdisch-deutsche oder solche aus dem Hebräischen ins Deutsche übertragene Literatur. 2. Geschichtliche und erdkundliche Stoffe, soweit sie von jüdischem Interesse sind. 3. Literaturgeschichte: Das Leben und Wirken jüdischer Dichter und Schriftsteller. Wie sind diese Forderungen in die Praxis umzusetzen? Im Mittelpunkt des Leseunterrichts müßte das Lesebuch stehen. Solange wir noch kein jüdisches Lesebuch haben, müssen wir uns mit Leseheften begnügen. In den oberen Klassen unserer hiesigen Volksschule 'haben wir seit Anfang dieses Jahres anstelle eines Lesebuches eine Sammlung von Beltz-Lesebogen eingeführt. Über 100 Lesehefte, die in diesem Verlag erschienen sind, machen es dem Lehrer verhältnismäßig leicht, das Geeignete an allgemein literarischen, an geschichtlichen, erdkundlichen und naturkundlichen Stoffen auszuwählen. Schon aus der praktischen Erwägung heraus, daß solche Lesehefte billig zu beziehen sind (Einzelheft kostet 11 Pfg.) und es außerdem jedem Kinde möglich ist, sie einzeln anzuschaffen, wäre dieses Lernmittel besonders zu empfehlen. Wie ergänzen wir diese Stoffe allgemeinen Inhalts mit spezifisch jüdischen Stoffen? Die jüdische Schule als Führerin zur Gestaltung jüdischen Erlebens, zur Vertiefung jüdischen Wissens und zur Deutung jüdischer Dichtung kann solange nicht auf Verwirklichung rechnen, solange jüdische Lesestoffe in genügender Auswahl und zu billigem Preise nicht geboten werden können. Es ist bekannt, daß der Schocken-Verlag sich ernstlich um das Erscheinen von jüdischen Leseheften bemüht, die vom Leiter der Schulabteilung der Reichsvertretung Dr. Leschnitzer herausgegeben werden. Bisher ist noch nicht allzuviel für Schulen und besonders zur Verwendung in der Obersrufe der Volksschule wirklich Brauchbares erschienen. Aber jeder, ider sich schon irgendwie mit dieser Arbeit befaßt hat, weiß genau, mit welchen Schwierigkeiten das verbunden ist. Die Frage des wertvollen Stoffes, der künstlerischen Gestaltung, der kindertümlichen Darstellung, der psychologischen Einfühlung in die jeder Klasse eigentümlichen Interessen, das alles zu berücksichtigen ist nicht leicht. Um so höher müssen wir es einschätzen, daß Herr Dr. Leschnitzer den Versuch zur Lösung dieser wichtigen Frage unternahm. Die Praxis wird erkennen lassen, inwieweit die in den jüdischen Leseheften verarbeiteten Stoffe uiniseren Bedürfnissen entsprechen, welche Stoffe zu ergänzen und welche zu streichen sind. Wer die Geschichte des Lesebuchs kennt, der weiß genau, daß nur aiuf diese Art und, Weise das künftige jüdische Lesebuch zustande kommen kann. (Fortsetzung folgt.)