Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 13 (1937)
- Issue
- 6 (15.3.1937)
- Date
- 1937-03-15
- Page
- Seite 125 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 125 Februar zu einer Kundgebung in die große Synagoge geladen. Der Vorsitzende 'der Gemeinde Dr. Alfred Neumeyer eröffnete die Veranstaltung mit folgender Ansprache: Meine lieben Gemeindiemitglieder! loh heiße Sie herzlich willkommen im Namen der 'einladenden Korporationen, der KultusgemeiiDde München, des Keren Hajessod und der Jewish Agency. Ich begrüße insbesondere den Vortragenden des heutigen Abends, Herrn Dr. Traub, der uns Münchenern ein lieber Gast ist und von dem wir wissen, daß er sich in unserer Gemeinde wohl fühlt. Sein,' Thema ist: „Palästina vor dem Untersuchungsausschuß." Im Mitelpunkt seiner Außtführungen wird die meisterhafte Rede van Weitzmiann stehen, in der er das geschichtliche Anrecht der Juden auf das Land der Väter darlegt. Vor unserem geistigen Auige aber erweitert sich das Thema des Abends zu einem gewaltigen historischen Aspekt: Das jüdische Volk vor dem Richterstiuhl der Geschichte. Wie kann unsere jüdische Gemeinschaft von heute vor der Geschichte bestehen? Was ist die Leistung unserer Geraeinisohaft in dem Geschehe« der Gegenwart? Die Gefahr liegt vor, daß diese Leistung unter dem Drucke der Verhältnisse eine überwiegend passive, idlaß sie Leistung des Objekts ist, die im Dulden besteht. Groß und bewundernswert ist die Haltung unserer Gemeinschaft, auszuharren und zu ertragen. Sie ist einer der Faktoren, der unsere Fortdauer verbürgt. Zu ihr gesellt sich ein zweiter, 'gleich wichtiger Palktor, der schon den Anstoß zu aktivem Tun in sich birgt, das Denken mit seinem Endziel, das auf die Autfrechterhaltunig des religiösen und 'geistigen Lebens, auf Schule und 'Lennhaus, 'gerichtet ist. Aber Dulden und Denken vermögen ein Voilk, eine Gemeinschaft nicht lebensfähig zu erhalten, wenn nicht auch der Wille zu handeln sich auswirken bann. Die Gemeinschaft imuß arbeiten können, wenn sie nicht verkümmern soll, sie muß .auch Subjekt des Geschehens sein. Und hier kommen wir zu dem Problem des Abends. Wir haben keine madh'tpölitischen Absichten, aber wir wollen in (freier Arbeit unsere Kräfte betätigen, für uns und unsere Kinder, für das Land, in dem wir arbeiten, und für unsere Gemeinschaft, die wir selbstbewußt durch die Jahrhunderte tragen. Da ist uns heute die geschichtliche Aufgabe gestellt aufzubauen neuen Lebensraum in den Ländern der Welt. Im Vordergrund aber steht das Heilige Land. Die jüdische Gesamtheit hat erkannt, daß Palästina eine überragende Stellung im jüdischen Werden und1 Geschehen erlangt hat. An uns ist es bereitzustellen und die drüben nicht im Stiche zu lassen, die aushalten in beispielloser Festigkeit und Selbstbeherrschung. Erst wenn ein großer Teil unserer Menschen lange Zeit duroh die Schule des Agrarlebens hindurchgegangen ist, werden wir erneut die Werte der Schlichtheit und1 Ursprüniglichikeit erwerben, die einst unsere Ahnen auszeichneten und sie befähigten, das klassische Voilk der Religion au werden. Die jüdische Gemeinschaft in Deutschland ist bereit unter Einsatz aller ihrer Kräfte an der Venvirtolichung dieser Aufgabe mitzuarbeiten. Die Gemeinde München hat bisher, gleich anderen süddeutschen Gemeinden, weit über den Durchschnitt des Reichsergebnisses zum Keren Hajessod (beigetragen. Sie wird auch künftig ihre Schuldigkeit tun. Dulden, Denken und Arbeiten sollen uns duroh die Geschichte weitertra'gen. Wir bitten in (diesem Gotteshause um den Beistand des Höchsten, für den wir alle Objekte des Geschehens sind. Denn es gibt keine menschliche Macht, düe nicht auch anderen Absichten diente als den eigenen, ob sie nun will oder nicht. So wird uns die Vorsehung durch die Geschichte geleiten. Wir aber wollen zu unserem bescheidenen Teil uns bemühen, eine höhere Stufe menschlicher Gesittung in jüdischer Prägung zu erlangen. Herr Rabbiner Dr. Leo Bae r wa l d 'knüpfte an die biblische Forderung des Schekel-Gebens an und bezeichnete die heutige Pflicht jedes Juden, zum Palästina-Aufbau seinen würdigen Beitrag zu entrichten, als eine heilige Pflicht. Zahlenmäßige Erfolge können uns nicht verwirren, und wir dürren den Geist, der das Neübauen des Heiligen Landes in überlieferter Weise zu begleiten hat, nicht zu kurz kommen lassen. Das Wirken für das Heilige Land überbrückt die Gegensätze zwischen den Generationen und Parteigruppen. Der Vorsitzende der Zionistischen Ortsgruppe R.-A. Dr. Alfred Perlmutter nannte den Keren Hajessod die geschichtliche Ghahce, in der wir erweisen können, ob wir wirklioh Ja zu un- Der Aristokrat unter den Mänteln 88.— 98.— 108.— 135.— BAMBERGER * HERTZ Die zuverlässigen Kleiderfachleute serem Judenschioksal sagen und ob wir uns nicht am Abschluß einer Entwicklung, sondern am Beginn einer besseren neuen Zukunft wähnen. Der Leiter des Keren Hajessod in Deutschland Dr. Michael 'Traut) schilderte die vierfache Aufgabe, vor die man die Royal Cammission gesetzt hatte: die Gründe des Araber-Aufstandes zu erforschen, die Durohfiih runig des Mandates in Bezug auf Juden und Araber zu überprüfen, Beschwerden beider Gruppen entgegenzunehmen und Abhdlfevorschläge au machen. Den jüdischen Vertretern vor der Kommission war die Aufgabe gestellt, vor allem sichzu drei Punkten zu äußern: zur Frage der Einwanderung, zu der von Bodenverkäufen und zu der des Rechts der Juden auf Erez Israel. Es war dabei zu beweisen, daß das Land in seiner Aufnahmefähigkeit unterschätzt wurde; beispielsweise sei die Zahl der Siedlungen von 43 (1920) auf 186 im vergangenen Jahr gestiegen. 5 Millionen Pfund hat das nationale Kapital seitdem für Erlösung des Bodens aufgebracht und trotz der Verpflichtung, die der Artikel 6 der Mandatsraacht auferlegt, hat sie nicht mehr als 1% der (angeblich unfcultävierbaren) Regierungsbödien den Juden 'gegeben. Traut) wies nach, wie ununterriahtet die Regierung vor der Kommission über die Bewässerungsenfolge war und wie haltlos die .böse Legende von den verdrängten Arabern ist. Er erinnerte an einzelne Äußerungen Weizmanns, Steins und Ben-Gurions („Nicht das Mandat ist die Bibel der Juden1, sondern 'die Bibel der Juden ist ihr Mandat!"), erörterte die Aussagen und ging den politischen Strömungen im Mittelmeerraum (Irak, Syrien. Arabien, Ägypten), die besser au beachten den Juden gut täte. nach. Eine Erörterung des umstrittenen Paritätsprinzips erscheint Traub als irreale Gedankenspielerei in einem Augenblick, da von den Arabern eine 100%ige Herrschaft angestrebt wird. Wir wollen auf Terror und Gewalt nicht mit gleichen Mitteln erwidern, aber wir müssen alle politischen Anstrenguneen 'machen in dieser für Jahrzehnte entscheidenden Stunde. Traub stellte drei Thesen auf: Palästina hat jetzt und in Zukunft genügend Raum für Juden und Araber. Wir wünschen niemandem zu verdrängen, wohl aber, idne Aufnahmefähigkeit des Landes maximal zu er- ISRAELITISCHE KULTUSGEMEINDE MÜNCHEN LEHRHAUS| Montag, den 22. März, abends 8.30 Uhr, Sitzungssaal der Gemeinde, Herzog-Max-Slrafie 7 Vortrag von Dr. Werner C AH N M AN N Ost und West in der Geschichte der Juden im mitteleuropäischen Raum Eintritt frei!