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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1937-03-15 · 6 (15.3.1937) · p. Seite 122

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
13 (1937)
Issue
6 (15.3.1937)
Date
1937-03-15
Page
Seite 122 (sequence 2)
Language
German
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122 Bayerische Israelitische Gemeindezeitjing Nr. 6 Aus einem byzantinischen Manuskript des 14. Jahrhunderts (Durchzug der Kinder Israel 'durch das Rote Meer) Photo Abraham Das Judentum ist weitgehend eine Religion aus der Wüste, entstanden aus der Unendlichkeit abwechslungsloser Natur, die den Sinn für das Ubernatürliche, das man sich nicht natürlich vorstellen durfte, geschärft hat. Der Einfall in Kanaan brachte dieses Wandervolk mit einer hochstehenden Kultur in nahe Berührung, mit einer Kultur, die seßhaft und schlaff geworden war, die den Menschen sättigte und die den Lohn des Gewerbes in äußeren Gütern seßhafter Belastung pflegte. Die Kanaanäer vermengten sich mit dem Volk Israel, dem neuen Kolonenvolk, das den Gott der Unendlichkeit, der ganzen Erde, der Vergangenheit und der Zukunft mit sich brachte und sich jetzt erst in jahrhundertelange Kämpfe einlassen mußte, bis es die Schwierigkeiten der Anfechtung, die die dauernde Berührung mit Baal und allen anderen Gottheiten für das Volk bedeutete, im. Sinne des mosaischen Gesetzes überwunden hatte. Und es überwand sie erst, als das Schicksal der Deportation unser Volk nach der Zerstörung befiel: als Gott, der Wandelnde, der überall gegenwärtig Seiende, mit ihm1 schützend wegziehen konnte, während alles andere gefühllos und machtlos in Kanaan zurückblieb. Erst wurde 722 das Nordreich Israel zerstört, es blieb nicht viel übrig in der Verbannung, da die Exulanten mit wenig kulturell oder religiös widerstandsfähigen Gütern weggezogen waren. Als aber 586 Jerusalem und sein Tempel zerstört wurden, .da traf die Exulierung ein Volk, das von den Propheten durchgängig zurechtgewiesen und wie es schien, ohne Erfolg zurechtgewiesen worden war, dessen Sündenregister oft und oft gelesen wurde, das aber trotzdem mehr kulturell-religiöse Kräfte mit sich nahm als man nach den vielen Strafreden annehmen durfte. Auf dieser zweiten Wanderung wurde, die jüdische Religion — fern von dem „gelobten" (d. h. versprochenen) Landin ihrer festgeformten monotheistischen, geistigen Gestalt Gemeinbesitz des Volkes. — Die Liturgie überbrückt in diesen Wochen in der Zusammenstellung der Sidra und der Haftara oft einen tiefgehenden Gegensatz biblischer Anschauung. Die Sidra berichtet vom Bau des Stiftszelts, das aufgeschlagen werden konnte und das abgebrochen werden konnte, je nach der Wanderungsnötwendigkeit Es war also das Heiligtum von Nomaden. Die Haftara spricht vom Tempelbau, vom Bau des festen Hauses Gottes in Jerusalem. Vom Gott der Wüste war die Vorstellung mit der Seßhaftmachung des Volkes weiter gediehen zum Begriff auch der göttlichen Ruhe oder Ortsgebundenheit. Aus nomadisierenden Hirten waren Ackerbauer und Viehzüchter geworden, ansässig wie die Kanaanäer, die sie in sich aufgesogen hatten, mit dem Anspruch, diese Seßhaftigkeit zu verteidigen und beizubehalten. Man hat gern vergessen, daß es damals auch Protest gab gegen den Vorgang, der das feste Haus in Jerusalem erstehen ließ. Aber dieser Protest richtete sich nicht etwa gegen das Verbleiben ,im Lande, sondern wollte auf umgekehrtem Weg dieses Verbleiben sichern. Also ein nomadisches Ideal mit dem Ziel, die Seßhaftigkeit zu sichern. Um lange im Lande bleiben zu können, muß die Religion der Wüste in all ihren Geboten und Lebensvorschriften aufrechterhalten werden, dann muß das Volk wissen, daß diese Seßhaftigkeit nicht sein Recht, sondern eine Gnade Gottes ist, der die dankbare Übernahme der Lehre von der vorangehenden Generation fordert, damit langes Leben in dem Lande gewährleistet wird. Vielleicht wäre unser Volk vor dem Verstricktwerden in die Händel der Völker versütoont geblieben^ wenn es nicht Staaten errichtet hätte nach dem Vorbilde der übrigen syrischen Kleinstaaten, sondern wirklich das nomadische Ideal aufrechterhalten hätte. Jerusalem und Palästina wurden erst richtig zu jüdischen Volkswerten umgedeutet und verdichtet, als man sie nicht mehr hatte. Die Verbannung schuf Sehnsucht nach dem geordneten Volksleben, das auf eigenem Boden des ganzen Volkes seine Stätte gesehen hatte. Nicht auf dem Boden einzelner Juden, denn das Land war Gottes, somit des Volkes, um in friedlichem Aufbau allen zu gehören. Durch die Politisierung des jüdischen Staatsideals hatten die Könige und weltlichen Würdenträger viel von der demokratischen Regelung der Wüste, die sich auch in der Ehbpaöht 'ausdrückte, demi' Gesetz geraubt Der Staat war gefallen, das religiöse Ideal war geblieben und mit ihm die Sehnsucht nach normalisiertem Dasein. Nun hatte das feste Haus in Jerusalem eine allgemeine Bedeutung gewonnen, da man es nicht mehr hatte. Alle Parteikämpfe der Sadduzäer und Pharisäer und der kleineren Sekten waren vergessen, und.kaum jemand diskutierte den Gedanken, ob sie wieder aufkommen Kirchgeldzahlung bis längstens 30. März 1937 f : / - - r (Siehe amtliche Nachrichten in dieser Nummer auf Seite 141)

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