Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 13 (1937)
- Issue
- 4 (15.2.1937)
- Date
- 1937-02-15
- Page
- Seite 71 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 4 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 71 Organismus und Eigentümlichkeiten der semitischen Sprachen Die hebräische und arabische Sprache beurkunden auch die innere Trefflichkeit ihres Baues, die erstere durch Werke des höchsten dichterischen Schwunges, die letztere noch durch eine reiche, vielumfässende wissenschaftliche Literatur neben der poetischen. Auch ah sich, bloß technisch betrachtet, steht der Organismus dieser Sprachen an Strenge der Konsequenz, kunstvoller Einfachheit und sinnreicher Anpassung des Lautes an den Gedanken nicht nur keinem andern nach, sondern übertrifft vielleicht hierin alle. Dennoch tragen diese Sprachen zwei Eigentümlichkeiten an sich, welche nicht in den natürlichen Forderungen, ja man kann mit Sicherheit hinzusetzen, kaum den Zulassungen der Sprache überhaupt liegen. Sie verlangen nämlich, wenigstens in ihrer jetzigen Gestaltung, durchaus drei Konsonanten in jedem Wortstamm, und Konsonant und Vokal enthalten nicht zusammen die Bedeutung der Wörter, sondern Bedeutung und Beziehung sind ausschließlich, jene den Konsonanten, diese den Vokalen zugeteüt. Wilhelm von Humboldt. richteten, das heißt die große Menge all derer, die neben ihrem weltlichen Beruf Interesse für gelehrte Fragen hatten und sich die Zeit für ihre Erforschung ließen. Darüber hinaus aber besteht ein anderer wesentlicher Unterschied. Während die Mönche die klassische lateinische Sprache verkümmern ließen und in ihrer Anwendung immer sorgloser wurden, haben die jüdischen Autoren sich darum bemüht, die hebräische Sprache schmiegsam und biegsam zu gestalten, für den Ausdruck der zahlreichen neuen Bedürfnisse in den Gebieten des Denkens und Darstellens geeignet zu machen. Gewiß, es kam auch bei den Juden eine Zeit, in der sie ihre klassiche Literatur, nicht etwa nur die mittelalterliche, sondern ebenso die biblische, wenig beachteten, in der sie keine Sorgfalt auf den Ausdruck .verwendeten und die Sprache verkümmern und verderben ließen. Aber es tarn auch wieder eine Zeit des Aufschwungs, seit Moses Mendelssohn gewann man erneut Verständnis für Korrektheit und Schönheit der Sprache. Von da an datiert ihre Wiedergeburt. Freilich zunächst auch ihre Vernachlässigung, weil sie für das Fortkommen im Leben gleichgültig schien, bis sie während der letzten fünfzig Jahre von einigen „Romantikern" wieder in den Vordergrund gestellt und gestärkt wurde, bis sie allmählich zu einer lebendigen Kraft wurde. In Palästina und im ganzen Orient hat es nie an Juden gefehlt, die im Umgang hebräisch sprachen. Aber das war doch ein kleines Häufchen unter den seit mehreren Jahrhunderten dort angesiedelten Sephardim, es war auch nur ein enger Gesichtskreis, in dem sich ihre Gedanken bewegten, für den sie Ausdruck suchten. Was heute vorgeht, ist etwas ganz anderes. Heute handelt es sich nicht um die Sprache der Gelehrten oder irgendeiner anderen kleineren Gruppe, sondern um die Sprache der gesamten jüdischen Bevölkerung. „Das Kind und der Greis, der Mann und die Frau, der Primitive und der Gebildete, der Kaufmann und der Bauer, der Hafenarbeiter und der Universitätsprofessor, der Fromme und der Göttlose '■— für sie alle ist Hebräisch die gemeinsame Sprache, in der sie alles ohne Ausnahme zum Ausdruck bringen oder bringen wollen, was sie bewegt, was ihr Leben ausfüllt. Man nennt diese Sprache heute vielfach Neuhebräisch, aber neu ist nur dies daran, daß sie alle Bezirke des Lebens in sich aufgenommen hat und daß dieses Leben einen weit reicheren Inhalt hat, als es je im jüdischen Bewußtsein der Fall war. Denken wir gar nicht an die Bereicherung, welche unsere Bildung im vergangenen Jahrhundert erfahren hat, denken wir nur an die Erweiterung der Berufe, welche von Jiudem lin Palästina heiuste ausgefüllt werden; denken wir an so neue Gebiete des Lebens wie Sport und Flugverkehr, Radio und Kino, für die naturgemäß neue Begriffe und neue Worte gebildet werden mußten. Für sie fand sich im früheren Hebräisch nicht immer das geeignete Wort — auch in andern Sprachen werden in diesen Gebieten ja vielfach Fremdworte verwendet —, aber es fand sich in dem reichen Sprachgut der Vergangenheit die Möglichkeit einer Anknüpfung, und es sind verantwortliche Männer an der Arbeit, den Sprachgebrauch zu entwickeln und zu überwachen, damit das übersprudelnde Leben nicht die Grenzen einreißt und die Verbindung mit der alten klassischen Sprache hinwegschwemmt. Denn es besteht kein Gegensatz zwischen dem klassischen und dem gesprochenen Hebräisch; im Gegenteil, dem Kenner der Bibel oder der anderen hebräischen Klassiker wenden viele Worte, diie er völlig ^6116^^^ aber nie mit diem Leben in Verbindung gebracht hat, heute erst recht lebendig, wirklich, gegenständlich. Die Wiederbelebung der hebräischen Sprache ist eine stolze Kulturleistung und ein starker Besitz. Sie ist unabhängig von allen äußeren Einflüssen, weder die Engländer noch die Araber, weder das Mandat noch irgendeine Auslegung desselben können ihr etwas anhaben — wenn wir Juden ihre Bedeutung erkennen und alles daran setzen, das Errungene zu erhalten. Ganz gleich wie die Entwicklung in Erez Jisrael sich gestalten mag, düeVerlebenidiguin'g der hebräisühen Sprache ist schon heute ©ine der wertvollsten Gaben, welche sich von dort in die ganze Diaspora verbreiten. Wenn man immer ungeduldig darauf wartet, daß sich der Einfluß des Palästinaaufbaus im Leben der Diaspora geltend mache, so haben wir hier ein ganz greifbares Ergebnis, an dem wir uns schon heute erfreuen können. Vielleicht müßten wir sagen „bis vor kurzem erfreuen konnten", denn der Eifer für die hebräische Sprache, der in den letzten Jahren vielfach festzustellen war, scheint wieder stark erkaltet zu sein. Viele, welche die Hoffnung aufgegeben haben, in Bälde nach Eraz JisraeLauisaicwarjidierrj, haben 'gliefichzeiitig dlais Interesse für die hebräische Sprache verloren. Ganz zu Unrecht, denn die Belebung der hebräischen Sprache kommt nicht nur dem Verkehr und dem Umgang im Lande der Väter zugute, sondern nicht minder dem Verständnis der jüdischen Literatur und der jüdischen Vergangenheit, auf deren Kenntnis wir heute mehr denn je gestellt sind. Wenn wir es nicht noch einmal erleben wollen, daß wir aus der Bildungswelt, die wir als die unsere betrachtet haben, ausgewiesen werden, wenn wir es nicht erleben wollen, daß alle die heute in die weite Welt zerstreuten Juden den Zusammenhang mit ihrem geistigen und seelischen Erbgut verlieren, sind wir auf die Kenntnis des Hebräischen angewiesen. Hebräisch ist für . uns eine Frage der Kultur, nicht der Konjunktur. I '"" Die Hebräischen Sprachkurse Iliiiteheii geben in anregendem Unterricht dnrch qualifizierte Lehrkräfte für Anfänger und Fortgeschrittene aller Kenntnisstufen Gelegenheit zui Erlernung der Sprache. 7..;->l;j^?' ':-T~J:i ^rgleicM^ : „, ..