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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1937-02-15 · 4 (15.2.1937) · p. Seite 70

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
13 (1937)
Issue
4 (15.2.1937)
Date
1937-02-15
Page
Seite 70 (sequence 2)
Language
German
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70 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 4 Da das geistige Leben der Juden auch im Mittelalter niemals stillstand, sondern immer sich regte und bewegte, mußten sie für eine angemessene Ausdrucksweise sorgen und die Sprache weiterentwickeln. Wenn z. B. der bekannte Erklärer Raschi seine musterhaft anschaulichen und plastischen Auslegungen niederschreiben wollte, mußte er sich seine Sprache vielfach selbst gestalten. Ein so großer Sprachkünstler wie Bialik hat oft und nachdrücklich darauf hingewiesen, ein wie gewaltiger Sprachbildner Raschi gewesen ist. Ebenso mußte Moses Maimonides, wenn er sein umfangreiches Werk, den Kodex Mischne Tora, in hebräischer Sprache abfaßte, sich vielfach die Terminologie für seine Darstellung erst selbst schaffen. Diese Gelehrten waren sich der ungeheuren Anstrengung, die sie sich auferlegten, gar nicht bewußt; sie lebten so stark in der überkommenen hebräischen Sprache und waren so innig von der Notwendigkeit des Gebrauchs dieser Sprache durchdrungen, daß sie unmerklich den vorhandenen Sprachschatz weiterbildeten und für ihren Gebrauch bereicherten. Die jüdischen Philosophen, welche in jenen Jahrhunderten ihre Werke über das Judentum schrieben, zogen die arabische Sprache vor, die ihnen für wissenschaftliche Auseinandersetzungen geeigneter erschien, aber das jüdische Volk hatte den Wunsch, diese Werke kennenzulernen, und konnte von ihnen nur Kenntnis nehmen, wenn sie ihm in der Sprache der Vater zugänglich waren. So wurden diese Schriften übersetzt, ganze gelehrte Familien widmeten sich dieser Tätigkeit. Es galt, neue Begriffe, vor allem Abstraktionen in die hebräische Sprache einzaführen, die ihr vorher fremd waren — und auch dies gelang, in kurzer Zeit lagen die klassischen Werke der jüdischen Philosophen in musterhaften Übersetzungen vor, in denen sie ihre Verbreitung — auch über die jüdischen Kreise hinaus — gefunden haben. Aber nicht nur die Werke der Philosophen, auch die anderer Wissenschaften, der Medizin, Mathematik, Astronomie usw. erhielten ein hebräisches Gewand, und nicht etwa nur die Werke jüdischer Autoren, _ sondern auch die der alten Grie- - chen, der Araber, der Scholastiker, die alle zu dem großen Kulturbereich gerechnet wurden, welchen die Juden als ihr Eigen anerkannten. Leschon hakodesch erweiterte hier seinen Begriff, Heiligtum wurde jetzt die gesamte Kulturwelt, alles Kulturschaffen, dem der Jude seine Aufmerksamkeit und sein Studium zuwandte, durch das er ein Kulturträger für das gesamte Abendland wurde. Selbstredend kam dieses eifrige Studieren und Weiterbilden der hebräischen Sprache auch ihrem ursprünglichen Literaturkreis zugute. Namentlich die hebräische Poesie konnte sich infolge ihrer eifrigen Pflege neu entfalten und wie in der biblischen Zeit einen klassischen Ausdruck gewinnen. Nicht etwa nur die Dich- Titelblatt zu der berühmten Augsburger „Einführung in die hebräische Sprache" von Aldus- Boeschenstein (1520). Der Titel lautet: Introductio utilissima, Hebraice discere cupientibus: cum latiori emendatione Johannis Boeschenstein. Matthaeo Adriano interprete. Augsburg, Grimm & Wirsung, 1520. tung der Synagoge ist durch Hunderte von Schaffenden bereichert worden, auch die weltliche Dichtung fand ihre Meister, die mit ihren Schöpfungen anregten und erfreuten, belehrten und erzogen. Man hat vielfach die Pflege des Hebräischen im Mittelalter mit dem Latein der Mönche verglichen. Das Gemeinsame ist dies, daß es sich hier wie dort nicht um eine Sprache handelte, die von den Massen im täglichen Umgang gesprochen wurde, sondern um eine solche, die ein Reservat gelehrter Kreise blieb. Der Ausdruck „Gelehrte" bedeutet freilich im jüdischen Raum nicht eine kleine Zunft von Fachmännern, sondern die Unter-

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