Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
- Journal
- Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
- Volume
- 1937
- Issue
- 1 (15.1.1937)
- Date
- 1937-01-15
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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2 Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern Nr. 1 .unig und! Phantasiekraft, die 1 oigüsclhe n Funktionen des Denkens, die praktischen Funktionen technischen Könnens. Der Aufbau des Biildungsgutes im Lehrplan muß weiterhin der geistigen Entwicklung der Schüler angepaßt sein: Als Stufenschema, wach welchem die Schwierigkeit des Bildungsgutes allmäMich erwachsen soll, kommt auf Grund der jugendpsychologischen Feststellung für das Volksschulalter eine Zweiteilung an Frange: a) Unterstufe (1. -hos 4. Jahr), Stufe der heimatlichen Anschauung, b) Oberstufe (5. bis 8. Jahr), Stufe der systematischen Amt eignung. a) Die Schüler der Grundschule befanden sich in ihrer psyehopfaysischen Entwicklung dm Übergang von der Kindheit und ihren triebbestimimten Spielinteressen zum Kniaiben- und Mädlchenalter mit seinen beginnenden Zweckänteressen, die aus nächstgelegenen, anschaulichen Motivein erfließen. Das Bind ist in diesem Alter in seiner Aufnahmefähigkeit durchaus auf die sinnlich erlebbare Umwelt angewiesen; als Bildungsgüter kommen in Betracht: heimat k u n d 1 i c h e r SachUnterricht, wobei das Kind vom unmittelbarem Erleben seiner Haus-, Spiel-, Schul- und religiösen Umwelt zur gemütbewegten und interessierten Erkundung des Heimatortes und der Heimatlandschaft, wie des Ursprungs seiner religiösen Umwelt zu führen ist. An den heimatlichem Sachunterricht lehnt sich der übrige Unterricht im betonten Ubergang vom unwillkürlichen Eifer zum sittlich motivierten Arbeitswillen an, der seine Nahrung findet dn systematischen Übungen im Sprechen, Singen, Lesen, Schreiben, Rechinen, in der Bandbetäti'gung und Organentwicklung. — Daß der Anschauungsunterricht idas jüdische Milieu stark betont, ergibt sich als logische Folge; ebenso daß auf dieser Stufe der phantasiemäßigen Erfassung der Welt 'die biblische Geschichte am weitesten Ausmaße zu bieten ist, sowie die weitere Maßnahme die Elementarübungen Sprechern, Lesen, Singen), Schreiben und Handbetätigung auszudehnen auf die hebräische Sprache, auf die jüdische Umwelt und auf religiöse Stoffe. b) Das Alter vom 11. bis 15. Jahr, /dessen Haltung sich symbolisch äußert im Sammeltrieb der Jugend, wird charakterisiert als (die Zeit der systematischen Aneignung des Tatsächlichen. Die Lehrpläne dieser Schuljahre sind im Sachiunterricht weltkundlich aufzubauen mit starker Betonung der Tatsachenkenntnisse und ihrer logisch-kausalen Zusammenhänge: Erdbunde erstrebt die Kenntnis ider uns räumlich und psychisch nahestehenden Landschaften und Länder, Naturkunde, Einblick in die Naturdinge und Naturvorgänge, ihre Ordnung und Gesetzlichkeiten, Geschichte, die zunächst wegen der mangelnden Zeitvorstellung Schwierigkeiten bereitet, sucht auf einem Vorkursus von Erzählungen, die in unbestimmter zeitlicher Ferne spielen, die ■Einführung in den Ablauf jener Ereignisse zu geben, die für uns zum Verständnis unserer völkischen Umgebung, unserer Kultur und unseres eigenen, Schicksals bedeutsam sind. In deutcher und hebräischer Sprache wird systematische Beherrschung erstrebt mit Durchleuchtung ihrer Regeln und Gesetzmäßigkeiten; Das Gleiche gilt für Rechnen; die organischen und technischen Übungen der Unterstufe werden systematisch weitergeführt. 4. Es ist nun zu zeigen, wie die jüdische Volksschule vom Standpunkte ihrer Weltanschauung diesen Lehrplan modifiziert: Was bisher spezielle Aufgabe des jüdischen Religionsunterrichtes war, wird jetzt Aufgabe des gesamten Unterrichtes: den Zögliinig mit jüdischer Gläubigkeit zu erfüllen, in dem Bewußtsein seiner Zugehörigkeit zum jüdischen Volke alle von aussen sich aufdrängenden Minderwertigkeitsgefühle zu kompensieren und ihn so zu stärken, «laß er mit Stolz erfüllt ist auf seine Ahnenreihe, und ihn zu lebenidiiger Tatfreude anzuregen in der Erfüllung der dem Judentum gesteckten religiösen und volksmäßigen Aufgaben. (Schluß folgt.) Ein Freund und Förderer der jüdischen Schule Am 25. Januar wird Felix Feuchtwange r 70 Jahre alt. Die Kultusgemeinde München und ein großer Teil1 der jüdischen Bevölkerung in Bayern werden diesen Tag zum Anlaß nehmen, um einen Mann zu ehren, der mit Liebe und Selbstverleugnung, mit Energie und Tatkraft jüdisches Leben und "jüdische Tat gepflegt und gefördert hat und allen jüdischen Interessen Unterstützung und Hilfe Tag für Taig angeideihen ließ. Seime allgemein-jüdische Tätigkeit .und sein opferbereites Einsetzen für die Orthodoxie ümi besioraderen! hat an anderer Stelle dieses Blattes eine Würdigung aus berufenem Munde erfahren. An dieser Stelle wollen wir nun einem Teilaussehnitfc seiner vielseitigen und fruchtbaren Tätigkeit Erwähnung tun', seiner Arbeit für idie jüdische Schule in München1. Es war im Jähre 1920, als der letzte, besonders harte Wahilkairnpf in der jüdischen Kultasgemöiinde München ausgetragen wurde. Im Mittelpunkt des erbitterten Ringens uim dü© Sitze in der Gemeindeviertretung stand die Frage einer jüdischen Schule in München. Mit Energie und Leidenschaft setzte sich' auch unser unvergeßlicher Dingfelder s. A. in diesem Wahlkampfe für die jüdische Schule ein. Das Ergebnis dieser Auseinandersetzung war die Niederlage der Sc.hulfreunde. Die Zeit schien für die Errichtung der jüdischen Schule noch nicht reif zu sein. Die jüdische SchuMraige war aus der Debatte gestrichen. Auch die Schulfreunde, die fast ausschließlich in den Reihen der Orthodoxie zu finden waren, ergaben sich resigniert diesem Votum. Nur einer ruhte nicht, 'das war Felix Feuchtwanger. Lange Zeit stand er allein auf weiter Flur, denn auch innerhalb der Orthodoxie wollte man jetzt von einem „Experiment" nichts wissen. Aber Felix Feuchtwanger kapitulierte nicht, auch dann nicht, wenn alles gegen ihn war, denn für ihn beideutete die Söhulgründung kefa „Experiment". Nachdem an eine gerneindlichie Schule nicht zu denken war, galt es für ihn seine engeren Gesinnungsgenossen im Verein Ohel Jakob zu gewinnen. Im zähen Ringen gelang ihm dies und Felix Feuchtwanger übernahm im Auftrage der Vorstandschaft von Ohel Jakob die Vorbereitungsarbeiten für die Gründung der jüdischen Volksschule in München. Eine Etappe war jetzt erreicht; dioch noch lange nicht das Ziel. Aber Felix Feuchtwanger wußte aus vielen, ähnlichen Erfahrungen, daß Beharrlichkeit zum Ziel führt. Eine unermüdliche Aktivität setzte jetzt ein. Es galt die Kleinmütigen im eigenen Lager zu überzeugen, neue Freunde zu gewinnen und insbesondere die behördliche Genehmigung zu erlangen. Das letztere gelang zuerst. Die überzeugende Art, die bewundern«werte Tatkraft Felix Feuchtwangers machten ihn zum geeignetsten Verhandlungspartner und bald hatte er in gemeinsamer Arbeit mit dem verewigten Vorsitzenden von Ohel Jakob, Kommerzienrat Sigmund Frankel, die Genehmigung der Schulgründung, erreicht. Aber es gehörte ein gläubiges Vertrauen und eine große Dosis Optimismus dazu-, die Existenzfähigkeit der Schule zu bejahen. Die Schule wurde am 1. Mai 1924 mit 32 Schülern in 4 Klassen und 2 Lehrern (vom Staate war nur eine Lehrkraft angestellt) eröffnet: am 1. Mai 1925 waren es 42 Kinder; der Staat übernahm am 1. Januar 1926 die 2. Lehrkraft und im Jahre 1928 die 3. Die Schülerzahl wuchs von Jahr zu Jahr von 32 auf 421, 64, 85. 105, 121 bis auf 155 Schülern im Jahre 1933 in den 4 unteren Klassen. Alm 1. April 1934 übernlahm die jüdische Kultusgemeinde München, den neuen Verhältnissen Rechnung tragend, die 5klassige Schule und baute sie zu einer 8-klassiiigeo aus. Wenn die Kultusgemieiinde München' ein fertiges Schulsystem übernehmen konnte und keine Neugrürodung nötig hatte, soi ist dies vor allem das große Verdienst Felix Feuchtwangers. So günstig auch die zahlenmäßige Entwicklung der Schule von 1924 bis 1934 war, die Sorgen wuchsen von Jahr zu Jahr. Was Ohel Jakob an finanziellen Opfern für diieisle Schule aufzubringen hatte, mit welcher Selbstentäußerunig und SelbstvenstänidlichkaH sie aufgebracht wurden und wie. Felix Feuehtwainger es Immer wieder verstand, Liebe und Begeisterung für „seine*' Schule zu entfachen, als dienen ..Vater" er sich igerne — und mit Recht — bezeichnen ließ, das kann in einer kurzen Würdigung nur angedeutet werden. Wir Lehrer danken Felix Feuchtwa'nigp.T. daß er Ftihon zu einer Zeit, wo im Großstädten fast nur Lehrer von der Not-