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Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern · 1937-01-15 · 1 (15.1.1937) · p. Seite 1

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Journal
Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
Volume
1937
Issue
1 (15.1.1937)
Date
1937-01-15
Page
Seite 1 (sequence 1)
Language
German
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Illlttteilunflen De* JüDtftfien Sefireroereto für ßapern Schriftleitung: Max Adler, München__ 1937 München, 15. Januar _Nr. 1 Das Bildungsziel der Jüdischen Volksschule Von Jakob St oll (Würzburg). (Fortsetzung.) Über die elementaren Kuiltiurfertigkeitein des Lesens, Schreibens. Rechnens, über die sachliche Einführung in die umgebende Welt nach ihrer naturgeschichtlichein, geographischen und geschichtlichen Grundlage, über 'den Erwerb und die Meisterung der von 'der Umgebung aufgezwungenen Muttersprache, kommt kerne Volksschule hinweg; sie wird eine jüdische Bildungsstätte, wenn sie Geschichte, Sprache und Lehre des Judentums in den Mittelpunkt ihres Bildungsstrebens stellt, und von jüdischer Blickrichtung aus Auswahl und Betrachtungsweise des peripheren Kulturgutes meistert. Körperliche und technische Ertüchtigung ergeben sich als Postulat des besonderen Standortes jüdischer Manschen im Lebenskämpfe. Zusammenfassend können wir das Bildungsideal der jüdischen Schule formulieren: Die jüdische Idealpersönlichkeit biblischer Prägung! d. h. die Persönlichkeit, deren Gemüts-, Verstanides- und Willenskräfte im Gleichmaß entfaltet sind, um ihren Träger zu erfüllen, 1. mit dem lebendigen Gefühle traditiaastreuer Gläubigkeit und einer mit dem höchsten Begriffe wahren, edlen Menschentums sich deckenden sozialen Hilfsbereitscbaift, 2. mit dem Bewußtsein eines auf seine jüdische Abstammung, seine Ahnenreihe und sein jüdisches Volkstum stolzen Menschen, 3. ihn auszurüsten mit geistigen, physischen und technischen Kräften, um im Lebenskampfe sich zu behaupten. 2. Bildung ist 1. ein Wissen, ein Teilhaben am geistigen Besitz der Menschheit, also eine materielle Aufgabe. Bildung ist 2. Können: formale Aufgabe; dem didaktischen Formalismus erscheint das Maß des erreichten Wissens immer zufällig und nur bedingt wichtig. Für dias Ergebnis der Bildung ist die Regel wichtig: mit einem Minimum an Stoff ein Maximufm von Fertigkeiten zu erzeugen. Bildung bedarf 3. eines sittlich geläuterten Wdlens. Das W'illenselement im Bildungsbegriff macht alles Lehren und! Lernen zu einem Werten. In der Rangordnung der Werte stehen Sittlichkeit und Religion an der Spitze. Lebendiges Wissen, durchgeistigtes Können, geläutertes Wollen machen in ihrem Zusammenklang jene geistige Form aus. die wir Bildung nennen. Das Bildungs gor t, aus dem diese Form erwachsen soll, muß mit seinem Sachbestand das Wissen nähren, mit seinen Arbeitsreizen die Kräfte üben, mit seinem Wertgehalt Gesinnungen aufbauen; es muß wissenswert, anregend, tief sein. Von Bikktngsgütern sind zu unterscheiden die formalem' Organübungen, wie Leibesübungen, Handfertigkeit, die der Bildung des Geistes zur Seite gehen sollen; sie haben kein Lehrgut, sind nicht eigentliche Maßnahmen der Bildung, sondern solche dier Pflege und Übung, also Schulungsgüter auch dann, wenn sie einem Bildungsgang eingefügt erscheinen. Das Weltbild, das die Bildungs arbeit trägt, kann 3 verschiedenen Tie'fensohichten angehören: 1. der naturgeschichtlich-mechanistischen, 2. der teleologisoh-geistigen, 3. der transzendental-religiösen Weltbetrachtung. Es zeigt sich damit eine enge Beziehung zu den 3 Reihen der Bilduinigsgüter, die in einem Bildungsganzen berücksichtigt sein wollen. Bilidungsanbeiti könnte von ednem m e ch a n i s-1 i s c h ein Weltbild aus versucht werden; wir kämen damit zwar zu einem naturkundlichen Sachwissen, zu einem technischen' Können, zu einem materialistischen Streben. Denn auch alles Kulturelle müßte den Prinzipien materialistischer Geschichtsauffassung unterstellt werden. Wohl muß in jeder Bildungsform das naturkausale Denken, das technische Können und das utilitaristische Werten eine Stätte haben. Das naturkundliche Bildungsgut verlangt idiese Einstellung. Hier werden die Dinge und Abläufe zuerst nach ihrer strengen Gesetzmäßigkeit betrachtet und berechnet. So muß notwendigerweise im. Bildungsganzen der Sinn für Sachlichkeit begründet und die Lebensleistung, soweit sie auf technischer Naturbeherrschung beruht, unterbaut werden. In diesem Zusammenhange hat auch das Werten der Dinge nach Nutzen, und Schaden für den Menschen seinen Platz. Die Bildungsarbeit darf sich über diese sachliche Gebundenheit des Bildungsaufbaues nicht hinwegsetzen. Eine Gefahr für das Weltbild wäre diese Betrachtungsweise nur dann, wenn sie die Bildwigsarberit damit zum Abschluß bringen wollte. — Gerade im naturkundlichen Stoff führt die Frage nach Sinn und Ursprung der Dinge über diese mechanistisch-utilitaristiscbe Betrachtungsweise hinaus. Die Bildung vertieft sich, wenn ihr ein geistiges Weltbild zugrunde gelegt wird: die Welt des Schaffens menschlicher Geisteswerke. Wir nennen diesen Niederschlag schöpferischer Tätigkeit Kultur. Geschichtliche Ereignisse, eine Dichtung, eine Sprache verlangen ein verstehendes Auffassen, ein Eindringen in das geistige Leben der Persönlichkeiten und Gemeinschaften, idäe als ihre Schöpfer dahinter stehen. Dem teleologischen Verstehen entspricht die Ausdruckshandlung, die geisterfüllte Darstellung — es resultiert daraus Formung der eigenen Persönlichkeit. — Soweit aber die Pädagogik das Weltbild in der verstehenden Betrachtung des kulturell Gewordenen zum Abschluß bringen will, vermag auch sie die letzte Bildungstiete wicht zu gewinnen. Dieser Kulturpädagogik erscheint alles Gewordene als ein Erzeugnis menschlichen Kulturschaffens; alles ist geworden und somit relativ. Die usmwandelbaren Wesenheiten werden so wenig gesehen, wie der letzte Urgrund alles Seienden mit dem Geist und Herzen gesucht wind. Alles Kulturwissen würde in einen weltanschaulichen Relativismus und Historismus münden, dem Wissenschaft, Kunst, Gesellschaftsordnung, Staat, Sittlichkeit und Religion stets im Flusse begriffen erscheinen. Bildung muß somit auf ein religiöses Weltbild und Ethos gegründet sein. Für diese Betrachtung hat alles Gegenständliche üb erweisliche Ursachen und alle Verpflichtung jenseitige Gründe: den persönlichen G'tt. Aus dieser metaphysischen Kausalität erhält alle Naturkausalität ihre Erklärung, alle endliche Willenskausalität ihr sittliches Maß. Die transzentendale Betrachtung kann an jedem Bildungsgut zur Anwendung kommen, ihre Heimstatte hat sie im religiösen Lehrgut. Die metaphysische Betrachtung hebt das Erklären des Natürlichen aus Ursachen und Gesetzen, das Verstehen des Geschichtlichen aus Absichten und Zwecken nicht auf. Es macht dies vielmehr erst möglich aus dem Glauben an einen Schöpfer, der den Naturdüngere Kräfte und Müssen, den Geistern Freiheit und Sollen gegeben hat. 3. Aus der Fülle des Naturgegebenen wind der Kulturgüter sind die B'ildiungsgüter auszuwählen. Nach welchen Gesichtspunkten? Aus dem Wesen der Bildung haben wir gefolgert, daß verlangt wird in materieller Beziehung: erschöpfende Tiefe der Weltbetrachtung, in formaler: durchgeistigtes Können, in ethischer: geläutertes Wollen. Es müssen daher alle Seinsbereiche mit der ihnen eigenen Art die Dinge zu sehen am Werden der Bildung beteiligt sein: Es ist in jeder Allgemeinbildung ein naturkundlicher, ein k u 11 u r k u n d - Ii eher und ein wesens- und w e r t k u ndl i c h e r Zug des Bildungsgutes zu forderm: So wird im die Bildungsarbeit die dreifache Weltbetracbtung unter dem Gesichtspunkt naturgesetzliober Notwendigkeit, menschlicher Freiheit und überweltlicher Verursachung schon durch den Aufbau der Bildungsstoffe hineingelegt. Dieser Universalität! in den materiellen Bildungsaufgaben muß 'die Totalität in der formalen entsprechen. Der Bildungsplan muß so angelegt sein, dlaß alle wesentlichen Funktionen des menschlichen Lebens durch ihn geweckt, geübt und gestaltet werden: die empirischen Funktionen der Anschau-

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