Mannheim
Compact Memory

Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1937-01-01 · 1 (1.1.1937) · p. Seite 15

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
13 (1937)
Issue
1 (1.1.1937)
Date
1937-01-01
Page
Seite 15 (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2727810-2728075-2728076--10984-2744380
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 1 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 15 (Fortsetauinig von Seite 10)_____ ten der dahingeschiedenen großen Mitarbeiterin und einzigartigen Persönlichkeit Bertha Pappenheims. Frau Samuel gab «inen Überblick über die lOjährdge Pflegestellenarbeit der Zentrale. Die Erfahrungen, die in den 10 Jahren gesammelt wurden, und die Beobachtungen durch die Nachgehende Fürsorge führen bei normalen Kindern immer noch zu einer Bevorzugung privater Pflegestellen, obwohl auch die Anstaltsiuntenbrinigüng bei der Zentrale eine wesentliche Rolle spielt. An den Bericht, der alle praktischen Fragen des Pflegewesens umfaßte, schloß sich eine lebhafte Aussprache, in der die reichen Erfahrungen der Anwesenden ausgetauscht wurden. Es er.ga'b sich, daß in den Großgemeinden die Tendenz zu vermehrter Unterbringung in Familienpflege besteht; es wurde der Zentrale aufgegeben, mehr als bisher Pflegestellen in größeren Städten zu ermitteln. Mit der Referentin war man der Ansicht, daß das Familienverhältnsi zwischen Pflegekind und Pflegeeltern auch nach der Schulentlassung, die meistens eine räumliche Trennung herbeiführt, weiter zu pflegen sei. Die Nachforschung nach den noch in nicht-jüdischer Pflege 'befindlichen Kindern umd ihre Unterbringung in jüdischer Umgebung soll weiter durchgeführt werden. Schulung der Vertrauensfrauen und Pflegemütter wurde für zweckmäßig und wünschenswert erklärt. Eine Ubersicht über die im. Reich geforderten und gezahlten Pflegesätze soll zusammengestellt werden. Uber die Frage der Unterbringung leicht schwachsinniger Kinder entspann sich eine längere Aussprache. Man stellte fest, daß die Möglichkeit der Heimbeobachtung fehlt, und schlug eines der vorhandenen Normalheime als Aufnahme- und Prüfungsstation vor; hier wurde der Wunsch nach engerer Zusammenarbeit der drei in Frage kommenden Spezialanstalten für Gefährdete geäußert. Wo keine Erziehungsschwierigkeiten vorliegen, kann eine Unterbringung in Familienpflege verantwortet und oft empfohlen werden, da diese Kinder in den Heimen leioht zu kurz kommen. Die Aussprache ergaib ferner die Notwendigkeit der Forderung von Hilfsschulklassen nicht nur in den großen Gemeinden wie Berlin und Frankfurt, sondern auch für kleinere Zentren. Schulentlassenen Mädchen, die aus kleinen Orten kommen, soll der Besuch einer Haushaltungsschule in Gemeinschaft mit anderer jüdischer Jugend ermöglicht werden. Es wurde dann über die Schwierigkeit der Auslandsarbeit gesprochen, u. a. von Amerika. Von dort kommen viele Adoptionsanfragen, jedoch ist die Einwanderungsfrage für diese Kinder noch sehr ungeklärt und das Risiko des Mißlingens bei der weiten Entfernung groß. Man kam zu dem Ergebnis, daß eine Adoptionsvermittlung nach dort nur verantwortet werden kann, wenn die zukünftigen Eltern oder Verwandte das Kind hier gesehen haben, oder wenn das Child-Adoption-Committee, das der Zentrale schon früher seine Hilfe zugesagt hatte, sich bereit erklärt, die Verantwortung für das Kind zu übernehmen. — Erfreuliche Mitteilungen konnten über im Auslande untergebrachte Pflege- und Adoptivkinder gemacht werden. Diskutiert wurde auch die Frage nach dem Zeitpunkt der Aufklärung eines Adoptivkindes über die Tatsache seiner Adoption. Einige Rechtsfragen beleuchteten die juristische Sachverständige Frl. Dr. Berent und die Beamtin der Zentrale Frl. Dr. Tisch. Diese erörterte, da bei Eltern Zweifel aufgetaucht waren, die Frage, ob Mischlinge zu jüdischen Adoptiveltern vermittelt wenden dürfen, und führte aus, daß halbjüdisohe Kinder, die der jüdischen Religionsgemeinschaft angehören, keine Mischlinge im Sinne des Nürnberger Gesetzes sind, sondern als Juden gelten und infolgedessen zu jüdischen Adoptiveltern vermittelt werden können. Das gleiche gilt nach dem Gesetz auch für nichtjüdische, halbarische Kinder, wenn sie nach dem 31. Juli 1936 gelboren siwd. * Solche Meldungen werden an) dien Pauksbund (Vereinigung nichtarischer Christen) weitergegeben. Auch im vergangenen Jahre vermittelte die Zentrale Adoptionen ins Ausland. Aus Deutschland erfolgen ebenfalls wieder Elternmeldungen. An dieser Stelle sei betont, daß die jüdischen Adoptionsvermittlungsstellen im Reich und die Zentrale mit sorgfältigen Ermittlungen zur .Verfügung stehen. Bei der Erörterung der KasseTwerhältnisse wurde dankbar der Beiträge und Spenden von Organisationen und Freunden des Kinderschutzes gedacht, aber auch mit Bedauern festgestellt, daß viele Gemeinden und Vereine die Kinder- und Mutterschutzarbeit des Jüd. Frauenbundes niicM unterstützen. Die Zentrale Hilfe und Aufbau! Von der Gemeindeleitung gehen uns folgende Ausführungen zu: Angesichts der gesteigerten Anforderungen, die heute. durch die wachsende Notlage weiter jüdischer Kreise an alle zur Hilfe berufenen Einrichtungen gestellt werden, sind vor kurzem Spendenbüchsen an eine größere Zahl jüdischer Haushaltungen in München verteilt worden. Die Büchsen sollen, wie bei ihrer Verteilung bereits zum Ausdruck gebracht wurde, der weiteren Hilfe für unsere Gemeindeangehörigen dienen ohne das sonstige Aufbringen für andere jüdische Zwecke zu schmälern. Sie sollen vielmehr daneben fortlaufende Spenden ansammeln, allen Haushaltsmitgliedern einschließlich der Kinder auch kleine und kleinste Beträge zur Hilfeleistung ermöglichen und namentlich auch bei allen Zusammenkünften, familiären und festlichen Anlässen zugunsten dieses Hilfsgedankens bedacht werden. Das Erträgnis dieser Büchsensammlung, das zunächst für die Jüdische Winterhilfe vorgesehen war, wird künftighin, ebenso wie dies in anderen Gemeinden bereits der Fall ist, fortlaufend für Hilfe und Aufbau verwendet werden. Die Notwendigkeit, weitere Mittel neben den Spenden aus der Blauen Karte zu beschaffen, ergibt sich zwingend aus der Tatsache, daß gerade auf dem Gebiet von Hilfe und Aufbau, nämlich Fürsorge, Berufsausbildung, Berufsumschichtung und insbesondere Auswanderung vielfältige und unerwartet große Ausgaben entstanden sind und weiter entstehen werden. Die Büchsen sollen in regelmäßigen Zeitabständen geleert werden. Die damit betrauten Helfer, die mit einem Ausweis versehen sind, werden hierbei eine Liste zur Feststellung und unterschriftlichen Bestätigung des Büchsenergebnisses vorlegen. Wir beabsichtigen noeh weiteren Haushaltungen diese Spendenbüchsen zuzuteilen. Wir bitten solche Büchsen im Laufe des Monats Januar bei der Wohlfahrtsstelle der Israelitischen Kultusgemeinde München, Herzog-Max-Straße 5/1, anzufordern, woselbst sie auf Wunsch auch unmittelbar in Empfang genommen werden können. Wir bitten alle Kreise unserer Gemeinde, uns auch in diesem Hilfswerk, das ohne nennenswerte Belastung des Einzelnen der weiteren Hilfe für die in der Gegenwart dringlich gebotenen jüdischen Aufgaben dienen soll, zu unterstützen. München, Dezember 1936.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.