Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 13 (1937)
- Issue
- 1 (1.1.1937)
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 14 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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n3ayvefiisch«j: Israelitische Gemeindezeitung Nr.l ben muß, ist den Kennern allgemein geläufig; daran ändert auch die Weingartnersche Bearbeitung nichts. In Bachs Hauptwerken, der „Kun/t der Fuge" und dem „Musikalischen Opfer", finden wir die Parallele. Auch der Chor der Neunten Symphonie wird stets anders klingen als er gedacht ist. Ganz wird diese Musik, die Fülle ihrer Gedanken, nur der auffinden und verstehen können, der sich mit liebevollem Studium in die Partitur versenkt Daß unser tapferes Kulturbundorchester, dem aus finanziellen Gründen nicht immer Bläser zur Verfügung stehen können, sich aus der beängstigend kleinen Literatur für Streichorchester dieses Werk gewählt hat, ist ihm sehr zu danken. Wer das Werk jemals von berühmten Philharmonikern gehört hat und weiß, wie schwer auch dort der Kampf mit der Materie in diesem Falle wird, muß dieser Aufführung hohes Lob zollen. Freilich ist so manches, was Bewährtere nicht zur Klarheit zu bringen vermögen, auch hier nicht klar geworden; dennoch gelangen manche Teile, wie die erste große Exposition und das Meno mosso mit seiner gefürchteten Cellostelle, überraschend schön. Eins aber wurde besonders deutlich: daß unser Orchester gerade durch das intensive Studium der Fuge sich technisch wiederum vervollkommnet hat. Dies ging besonders hervor aus dem Vortrag der C-Dut- Serenade für Streichorchester von Tschaikowsky, eines Werkes, das freilich nicht in einem Atemzug mit dem Beethovenschen genannt werden darf, das aber mit seiner frischen, unbeschwerten Musik, die mit überragendem Können geschrieben ist und den Streichern dankbare Aufgaben zuweist, ungemein liebenswürdig wirkt. Wie das Orchester die lebendigen Rhythmen des ersten Satzes, den eleganten, schmeichelnden Walzer, die etwas schmachtende, aber doch ausdrucksstarke Elegie und den wirbelnden russischen Tanz des letztem) Satzes meisterte, welche Fülle und Schönheit des Tons dabei zutage trat, die Sicherheit, mit der die teilweise technisch sehr anspruchsvollen Partien bewältigt wurden — dies alles ergab eine Leistung, die das Orchester wieder auf einer neuen Stufe seiner Leistungsfähigkeit zeigte. Die Zuhörer hatten gerade an dieser heiteren Musik ihre helle Freude. Zwischen diesen beiden Werken sang Walter Ries, vom Orchester sorgfältig und klangschön begleitet, eine Arie aus „Elias" von Mendelssohn mit edlem Ausdruck und schöner Tongebung. — Besonderer Dank gebührt auch diesmal wieder dem Leiter des Orchesters, Kapellmeister Erich Eisner, in gleichem Maße für seine erzieherische Arbeit, die das Orchester befähigt und berechtigt, sich solche Aufgaben zu stellen, wie für die überlegene Sicherheit, mit der er seine Getreuen führte und jedes Werk nach seiner eigenen Art und Schönheit gestaltete. a. JüdischeVolIcsgeschichfen aus hundert Jahren Bemerkungen zu: Jakob Picard, Der Gezeichnete. 1936, Jüd. Buch-Vereinigung Berlin. Nichts ist mir zu klein, und ich lieb es trotzdem und mal es auf Goldgrund und groß — und halte es hoch, und ich weiß nicht — wem löst es die Seele los____ An Rilkes nur scheinbar fern liegenden Leitspruch mußte ich denken, um den Reiz zu verstehen, der m unseren Tagen und schon in den Tagen unserer Väter von der Ghettogeschichte ausgeht. Nicht umsonst feierte man vor zwei Menschenaltern Leopold Kompert und druckt man heute mit Vorliebe Jugenderinnerungen und Bilder aus dem ostjüdischen „Städtel" wieder aufs neue. Da enthüllt sich eine geschlossene jüdische Welt, in der auch das Kleinste nicht nur klein ist, sondern auf dem Goldgrund eines uralten volkstümlich-religiösen Erlebnisses gemalt ist; da brennen im Winter die Chanukkalichter an allen Fenstern, und im Herbst stehen vor allen Türen die grünen Laubhütten... Reiz und Gefahr zugleich lag in dieser Atmosphäre, die Gefahr der Verklärung und Versüßlichung, de,r Dichter wie etwa Bernstein und Kompert nicht immer widerstanden. — Aber wenn wir gewohnt waren, diese geschlossene jüdische Welt im ostjüdischen Städtel, in den windschiefen Häusern und winkligen Gäßchen, die Budke malte und die Bialik uns darstellte, zu suchen, so ist dies neue Buch von Jakob Picard eine völlige Überraschung: unter den Bäumen des Schwarzwaldes, in den grauen Basaltblöcken der Rhön, in den Dörfern', die etwa zurHälifte von Juden bewohnt waren, enthüllt sich uns dasselbe merkwürdige Leben in zwei Welten, wie wir es etwa in Schemarjahiu Levins iKttndiheitseniinnierangen kannten. Das ist eine von Grund aus neue Welt für den Juden aus der westlichen Großstadt, sei er auch-aus einer „jüdischen Kinderstube" hervorgegangen; und sie tritt uns jetzt fast zum ersten Male mit plastischer Eindringlichkeit entgegen, weil ein Künstler sie sah, der mit dem offenen Auge und dem warmen Herzen des Menschen, der in die eigene Jugend hernieder steigt, auch die sehr bewußte Kunst sprachlicher Darstellung verbindet . . . eine Kunst, deren größter Reiz es ist, daß sie sich manchmal unsichtbar zu machen versteht... So treten alle diese jüdischen Menschen aus dem Volke ohne Schminke und ohne Sentimentalität vor uns hin — nein, auch das ist fast noch zu viel gesagt: sie sind so beschäftigt mit ihrem schweren Lehen, daß wir eher das Gefühl haben, sie dabei zu belauschen und fast den Künstler vergessen, der uns ihre Bekanntschaft vermittelt — bis er sich dann am Schlüsse der Geschichten wieder von selbst meldet und, wie es das Recht des ehrlichen „Boten" oder Erzählers ist, sein Musar-Sprüchlein daran hängt, wie sichs gebührt. Alle diese Menschen wurzeln ebenso sehr im Leben der Umwelt in den toten oder den lebendigen Dingen um sie herum, wie im Leben ihrer alt geheiligten Bräuche an Sabbat und Alltag. Kaum ein Spätsommertag erscheint ihnen, ohne die schwere lastende Stimmung der „Drei Wochen" zwischen dem 17. Tammus und dem 9. Ab wieder hervorzurufen; kaum ein fruchtschwerer Herbst, ohne daß nicht an die Früchte des Ostens, Lulow und Esrog ihnen ihren Duft senden. Mit den Menschen der Umwelt verstehen sie sich gut, obwohl oder vielmehr gerade weil sie so fest gründen in ihrer eigenen Welt: prachtvoll ist der Schabbos dm Schnee geschildert, den der fromme Hirsch Berwhei in der Bauernstube des Kromers verbringt und wo er fastend und betend die „Awere" sühnt, am Schabbos nicht daheim „schulen" gehen zu können, neugierig und achtungsvoll beobachtet von den guten Menschen, die er lange kennt und die ihm Obdach gewährt haben. Wie der fromme Mann hinterher durch ein scheinbar unbrauchbares Lotterielos, das ihm übrig blieb, zum „betuchtesten" Mann in der Kehillah wird, das ... ist fast eine Kalendergeschichte, so schön und freundlich löst sich alles. Aber nicht immer sieht das Leben für die armen Juden dieser Gegend so freundlich aus. Zwar ist ihnen das Lachen niemals allzu weit, wenn der Maire des Ortes dem stolzen Parnes die Lehre gibt, daß auch der Arme einmal in Schul „zu Scheini" aufgerufen werden soll — und sich daran dann eine fromme Sitte für Kinder und Enkel anschließt. Und wenns auf die Brautschau geht, um den schüchternen Jüngling und großen „Achelpeter" unter die Haube zu bringen, dann entsteht fast ein Schwank daraus — und es zeigt sich, daß die Juden am Bodensee von guter Küche sicher ebensoviel verstehen wie etwa Rabbi Gezi, der Pächter in Bialiks Kurzem Freitag oder der Kindsvater in Tschernichowskis Idylle. Aber daneben steht das Grauen, 'das den Von Gewissensqualen gepeinigten Rafael zu dem „Chillul Haschern" treibt, das Licht des Lebens selbst auszulöschen . . . und die Unbill der Menschen, die den armen Sünder, dem von. Jugend an die schlimme Rolle zufiel, am Schabbos Bechukaussaij die Tauchochoh, die Verfluchung anzuhören, die Gott der Herr dem sündigen Volke androhte, in die Ferne treibt, als er aichi dieser Last entziehen will.. Viel zu früh ist das Buch zu Ende. Und man ertappt sich dabei, wie man mit dem Erzähler zankt: Die ganze Tasche hast Du noch voller Geschichten: wie wars mit der Geschichte vom starken Muchel, die Du uns ein andermal erzählen wolltest? und mit der Streitsache des schwarzen Naphtali, „die alle kannten" —? Wir . . . kennen sie noch nicht; und möchten sie gern kennen. Und besseren Dank können wir, wie mirs scheint, Jakob Picard nicht sagen. B. B. St. M. SILBERTHAV & CO« KAUFIN «ERSTBASSB 10 Das Haus für hübsche Geschenke in Uhren Schmuck Silberwaren Kultuggeräte