Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 13 (1937)
- Issue
- 1 (1.1.1937)
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 1 Die Juden in Unterfranken während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Es ist reizvoll, in der Geschichte zu beobachten, wie großer Zeiträume es bedarf, bis Weltanschauungen und Ideen ihren Niederschlag im politischen und wirtschaftlichen Leben gefunden, bis die Gedanken und Wunschträume einzelner sich in die Ideale einer Gesamtheit umgesetzt haben. Solche Gedankengänge drängen sich auf, wenn man den schweren Kampf verfolgt, den die Juden in Bayern und insbesondere auch in Unterfranken um ihre Emanzipation führen mußten. Der Kampf spielte sich ab in der Mendelssohnschen und Nachmendelssohnschen Epoche, also in einer Zeit, in der in den Salons einer Rahel Varnhagen und" einer Henriette Herz das geistige Berlin sich traf. Freilich war in den Fragen der bürgerlichen Gleichberechtigung der Juden die Entwicklung in Preußen rascher vor sich gegangen, aber auch hier ist sie viele Jahrzehnte vorher geistig vorbereitet gewesen, ehe sie sich tatsächlich vollziehen konnte. Der Kampf der unterfränkischen Juden um ihre Gleichberechtigung hat eine wechselvolle Geschichte. Wilhelm Stern hat aus reichem Quellenmaterial außerordentlich fleißig die Etappen dieses Ringens in kurzen Umrissen nachgezeichnet. Wir folgen hier seiner Darstellung: Man ist erstaunt, zu hören, daß das Fürstentum Würzburg bei einer Gesamteinwohnerzahl von 262 000 im Jahre 1798 3000 Juden zählte, und daß in dem inzwischen in Bayern aufgegangenen Unterffanken im Jahre 1814 unter 336 000 Einwohnern 14 000 Juden vorhanden waren. Das kleine Heidingsfeld ist damals die zweitgrößte Judengemeinde in Bayern gewesen, Würzburg hingegen war in dem Zeitraum von 1565—1803 den Juden fast ganz verschlossen. Uberhaupt war ihnen das Wohnen in den Städten verboten, und nur die Dörfer und die ritterschaftlichen Orte und Schlösser standen ihnen offen. Unzählig waren die Beschränkungen und Benachteiligungen, denen die Juden Unterfankens damals ausgesetzt waren: Mit Ausnahme des Handels waren ihnen alle Berufe untersagt und auch hier waren ihnen hinsichtlich Mehl, Getreide und Wein Handelsverbote auferlegt, Geschäftszweige, in denen sie späterhin in Unterfanken dann vorwiegend tätig waren. Besonders drückend waren die Sondersteuern und Schutzgelder, welche von den Juden bezahlt werden mußten, nicht nur und nicht so sehr ob ihrer wirtschaftlichen Belastung, sondern wegen der Demütigungen, die mit ihrer Einziehung insbesondere beim Leibzoll vielfach verbunden waren. Während Josef II. gerade diese Entehrung in Österreich, Friedrich Wilhelm II. in Preußen abgeschafft hatte, bestand sie in West- und Mitteldeutschland und insbesondere auch in den Gebieten am Main weiterhin fort. Was die deutschen Juden in ihrem Gesuche an die Reichsdeputation in Regensburg bitter beklagten, galt damals insbesondere für die Juden in Unterfranken: „Sie standen neben den Ehrlosen, Geächteten und Leibeigenen." Den Juden Unterfrankens erstand ein warmer Fürsprecher, in dem katholischen Geistlichen und Professor der Theologie Franz Oberthür, der eine Bittschrift an den Kurfürsten von Bayern verfaßt (1803) und sie in der Vorrede zu „Des Flavius Josephus Selbstbiographie" veröffentlicht hat. Diese Bittschrift fordert „1. Maßnahmen gegen die große Anzahl und die höchsttraurige Lage der Juden in ritterschaftlichen, unmittelbaren Ortschaften und Schlössern, besonders in dem Ritterkanton Rhön und Werra; 2. Beseitigung des Bettel Judentums in erster Linie durch Gründung eines Hospitals für alte Leute, einer Fabrik für Arbeitsfähige und einer Erziehungsanstalt für Kinder; 3. Bessere Unterrichtung der jüdischen Jugend." Tatsächlich wurde 1804 die bereits zwei Jahre vorher eingeführte allgemeine Schulpflicht auf die jüdischen Kinder ausgedehnt, eine Errungenschaft, die zunächts noch nicht das volle Verständnis der Juden fand, und auch auf wirtschaftlichem Gebiete sind Erleichterungen zu verzeichnen, die freilich zunächst weniger für die Gesamtheit der Juden, sondern im zähen Ringen durch Einzelne 1 Zu der gleichnamigen Arbeit von Wilhelm Stern, erschienen in der „Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland" (Berlin, Philb-Verlaig, 1936). Auf diese reichhaltige und hochwertige Zeitschrift sei hier mit besonderem Nachdruck hingewiesen. durchgesetzt werden. Aber noch in der toskanischen Regierungszeit im Jahre 1806 wird der Leibzoll abgeschafft. 1809 fiel der Totenzoll und der Zoll für die durchreisenden Kaufleute weg. 1811 werden Geburts-, Heirats- und Sterberegister für die Juden eingeführt. 1812 wird die Militärdienstpflicht für die Juden eingeführt, freilich im Gegensatz zu den übrigen Soldaten durch Geld ablösbar. Die Stadt Würzburg öffnete nach und nach ihre Tore einzelnen jüdischen Familien; als erste kam die Familie Moses Hirsch aus Gaukönigshofen in die Stadt und erwarb sich bald große Verdienste um den wirtschaftlichen Aufschwung des Landes. So wurde Jakob Hirsch im Jahre 1818 in den erblichen Adelsstand erhoben. Interessant ist, daß auch der Gründer der Jewish Colonisation Association, jener noch heute und heute im besonderen Maße segensreich wirkenden Gesellschaft, derTausendevon Juden die Schaffung einer Existenz als Farmer in Argentinien verdanken, Moritz von Hirsch, ein Glied eines anderen Zweiges dieser Familie war. Neben der Familie von Hirsch erhielten bis zum Jahre 1813 noch weitere 13 Familien, deren Nachkommen großenteils heute noch in der Stadt ansässig sind, das Recht in Würzburg zu wohnen, ohne daß freilich bis zum Jahre 1828 eine jüdische Gemeinde gebildet worden wäre; aber der Sitz des Oberrabbinats wurde 1814 von Heidingsfeld nach Würzburg verlegt. Das Jahr 1814 brachte dann das endgültige Aufgehen Unterfrankens in Bayern. Und damit die Unterstellung der unterfränkischen Juden unter das Recht des bayerischen Judenedikts von 1813, das zwar nicht die volle Gleichberechtigung, aber doch eine Erleichterung der wirtschaftlichen Lage der Juden erwirkte. Von jetzt ab fällt die Geschichte der Juden Unterfrankens mit jener der bayerischen Juden überhaupt zusammen. Aber schon im Jahre 1819 fällt Würzburg eine Sonderrolle zu. Von hier aus nehmen die Hepp-Hepp-Unruhen ihren Ausgang, die sich bald über das ganze Land zwischen Frankfurt und Bamberg, zwischen Bayreuth und Prag ausbreiten und bis zum Jahre 1826 immer wieder aufflammen, bald unter dem Vorwand, die Juden hätten die Brunnen vergiftet, bald, sie hätten Kinder durch Verteilung giftigen Zuckerwerks getötet. Die Regierung ist durch den Ausbruch der Unruhen völlig überrascht und vermutet in ihnen den Ausfluß revolutionärer Bestrebungen, die Würzburger Behörden sehen in ihnen die Auswirkungen der Angst vor der jüdischen Konkurrenz. Wilhelm Stern vertritt unter Hinweis auf die Tatsache des kurz aufeinanderfolgenden Ausbruches der Unruhen in verschiedenen Orten die Ansicht, „daß es sich um wohlvorbereitete Unruhen handelte, deren Urheber im revolutionären Teil der Kaufmannschaft zu suchen waren". So lebten die Juden in der Zeit von 1819—26 unter ständigem Druck und in ständiger Angst, aber es konnte immerhin eine Genugtuung für sie sein, daß viele christliche Zeitgenossen die Vorkommnisse scharf verurteilten. Es ist bezeichnend, daß am 15. Juli 1820, mitten in der Zeit der Unruhen und Wirren, der getaufte Arzt Dr. Voit in der-Aula der Würzburger Universität eine Vorlesung halten konnte, in welcher er die volle bürgerliche Gleichberechtigung für die Juden verlangte. Freilich forderte die Not dieser Zeit in Verbindung mit der damaligen Geistesströmung auch Uberzeugungsopfer unter den Juden Unterfrankens: Sie nahmen in großer Zahl die Taufe; so ist uns die Taufrede Oberthürs anläßlich der Taufe von vier Katechumenen in Anwesenheit Tausender von Gläubigen in der SMthianisikdrche von Wütiziburg iuind die Rede des Pfarrers Remlein von Allersheim bei der Taufe eines Allersheimer Juden erhalten. Die Mehrzahl der Juden hielten aber an ihrem Glauben fest und trotz aller Bedrückungen gelangen sie in den folgenden Jahrzehnten zu Wohlstand, schleifen sich ab und passen sich an. Würzburg tritt in der Geschichte der bayerischen Juden noch mehrmals hervor: 1819 hat Salomon Hirsch von Würzburg bei der bayerischen Ständeversammlung eine Bittschrift eingereicht, in der die volle" bürgerliche Gleichberechtigung der Juden gefordert wird. Seit 1818 haben die Juden das aktive und passive Wahlrecht zu den Gemeinden, 1836 findet in Würzburg