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Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern · 1936-11-15 · 10 (15.11.1936) · p. Seite 28

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Journal
Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
Volume
1936
Issue
10 (15.11.1936)
Date
1936-11-15
Page
Seite 28 (sequence 2)
Language
German
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28 Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern Nr 10 fremden Lebensrichtung erforderlich ist? Zahlreich sind tdäe Rächtungen des Denkens und weit abweichend voneinander die Systeme der Ethik, im Streite miteinander liegen die Philosophen der Zeit. Wo ist da absolute Wahrheit, die allein zur Erziehung berechtigt? — Konsequenter sind Vertreter der Kulbarpädagogik, so Spranger u. a., die zugeben, daß es ein absolutes Erziehungsziel, überhaupt nicht gibt, da Subjekt und Objekt der Erziehung eingebettet sind in ihre Individualität, in ihre Umwelt, in die Bedingungen ihrer Kulturlage — also ist Erziehung subjektiv — relativ. e) So bleibt die Frage nach dem absoluten Ziel der Erziehung, idie Frage nach dem Sinn des Lebens. Ohne Glauben dringen wir zu klarer Erkenntnis von dem Sinn des Lebens nicht vor. So erklärt es sich, daß im Zusammenhang mit einer religiösen Tradition große Gemeinschaften in einem Ethos und Erziehungsideal geeint worden sind, während die Entfernung vom Glauben ein Chaos von Meinungen und Richtungen aufwirbelt Weltanschauliche Gebundenheit gehört also mit zu den Wesensgesetzen der Erziehung. Unsere Auffassung, die das Erziehungsziel in das Ethos der Gemeinschaft verlegt, hat zur Voraussetzung, daß a) die Erziehungsgemeinschaft eine lebendige Gesinnungsgemeinschaft bildet b) daß der gesamte Unterricht der Schule in ungezwungener Konzentration in Beziehung zu treten hat zum sittlichreligiösen Erziehungsziel. Die Schule erfüllt ihre Erziehungsaufgabe nicht in der Vermittlung des Tatsächlichen, sondern im Verstehen des Tatsächlichen aus den letzten Prinzipien. So hat sie ununterbrochen den Weg von der Peripherie zum Kern, vom Beobachteten ■zum Sinn, vom Unterrichtsgegenstand zum Ziel der Menschenformung zu gehen. Man kann heute nicht mehr fragen: was haben Lesen, Schreiben und Rechnen mit der Weltanschauung zu tun? Gewiß, die Technik des Lesens hat damit nichts zu tun. Aber idlie Schule darf heute nicht melir— und schon von den ersten Schulwochen an — ein inhaltloses Lesen betreiben; sie muß etwas lesen. Auch die künstlerischen Fertigkeiten des Zeichnens und Simgens stehen durch ihre inhaltliche Erfüllung in Verbindung mit dem Erziehungsziel und Ethos, gar nicht zu reden von dem Sachunterricht; nicht bloß Geschichte, auch Naturkunde und Erdkunde können wir heute bewußt als „Gesinnungsfächer" bezeichnen. Die Darlegung eines Erziehungsideals setzt eine bestimmte Weltanschauung schon immer als wahr und erwiesen voraus. In diesem Sinne suchen wir die unbedingten Erziehungsziele der jüdisch-traditionellen Weltanschauung zu erfassen: Wir haben auszugehen von dem Sinn des Lebens, wie er dem Juden in der Bibel vorgezeichnet ist. Er ist zu sehen in dem Sch'ma Jisroel. dessen kategorischer Imperativ auskldngt in der Forderung: ahavas haschem b'chol lev nw'chol nefesch. Es ist die Hingabe der jüdischen Persönlichkeit an den Geist, der alles Seiende ins Leben gerufen hat und es leitet nach seinem Willen. Aus diesem. Untergrunde strömen der Erziehung richtunggebende Ideen zu, die durch sie Verwirklichung finden sollen. Wir können in Anlehnung an Piatos Ideenlehre fünf solcher Ideen finden: 1. Idee des gläubigen Gehorsams, 2. der Ehrfurcht, 3. der Hingabe an die soziale Gemeinschaft, 4. der Einsicht. 5. der Kraft. 1. G'tt dienen als Lebensziel bedingt als erste Eigenschaft des wertvollen Menschen das treue Horchen auf G'ttes Willen: es handelt sich um das Einfügen in G'ttes Wesen und sein Nachbilden im eigenen Ich! K'doschim tiheju, ki kodosch ani! Religiöse Gewissenhaftigkeit ist also das erste Teilziel aller Erziehung. UmwandeiLbar steht sie über jeder Erziehungsgemeinschaft. Jade Beeinflussung wird erst dadurch erzieherisch, daß sie latent die Führung zum gewissenhaften Handeln enthält Führung zur Gewissenhaftigkeit ist notwendig für den heranwachsenden Menschen. Er ist nicht von selbst gewissenhaft. Freilich ist er vom Erwachen der Vernunft an auch nicht ohne Gewissen, doch sind es ohne ausdrückliche Gewissensbildung gleichsam nur tastende Versuche der kindlichen'Vernunft, dien g'ttlichen Willen im eigenem Leben zu verwirküichen, vielfach abgelenkt durch eigenen Trieb und die verführenden Einflüsse der Umwelt. Aus dieser doppelten Gefährdung, sowohl aus der eigenen Natur wie <aus der Umwelt, erklärt sich in der Folge der Generationen die Tendenz zum sittlichen Verfall. Die Lebensformen, die zu diesem Verfall führen, begegnen uns jederzeit schon im Erziehungsalter: der-Gewissenlose, der bewußt über die Einsprüche des Gewissens hinweggeht; der Laxe, der sein Gewissen mit Sophismen und! unsauberen (Kompromissen beruhigt und sich mit Vorliebe auf die „Anderen" beruft, die ebenso handeln; der Oberflächliche und Gedankenlose, der nicht in die Tiefe des Lebens dringt und selbst bei gutem Willen schlecht handelt, weil er weder die Gründe noch die Folgen seines Handelns bedacht hat. Und doch legt das pädagogische Richtziel der Bibel: das K'doschim tiheju, den entscheidenden Nachdruck auf persönliche peinlichste Gewissensprüfung: viele ethische Normen, die nicht erfüllt werden können im Ausführen eines äußeren Tuns, einer Mizwas anoschim lomutho. die vielmehr als Ausfluß einer persönlichen Gewissenhaftigkeit in die Erscheinung treten: z. B. lau saaschock es reacho (nichts vorenthalten), idien Angestellten nicht seiner Rechte und seines Lohnes berauben (lau sigsol), lau solin p'ulas sochir; lau s'kallel cheresch, livne iwer lau siten michschol; mipne sefo tokum. lau saunu isch es ochiv (übervorteilen und kränken) schließen immer mit dem Gewissensappei: w'joreso m'elokiecho. Alles Beispiele, in denen der Kampf gegen die sinnlichen Triebe in uns gefordert wird! Alle Erziehung, auch die Schulerziehung, muß in jedem Gebiete ihrer Tätigkeit aiufs Ziel der Gewissenhaftigkeit eingestellt sein. Gewiß fällt die Hauptarbeit dem Religionsunterricht zu: Von dem religiösen Anschauungsunterricht der ersten Klasse angefangen, über die ethische Vertiefung der biblischen Geschichten bis zu dem denkenden Durchleuchten alier Mizwaus des Pentateucih! So wesentlich es ist, daß aas, was als Leitidee idler Gesamterziehumg wirksam ist, in einer tiefergehenden Reflexion im Religionsunterricht zum eigenen Streben für den Zögling werde — in der Schularbeit kann alles menschliche Handeln, das mögliche und das wirkliche in das Licht des Gewissens gestellt werden. Zahllos sind die Anlässe, die eine richtige Mussarerziehuing für die Gewissensbildtung der Kinder findet. Die Gewissenswertung am fremden Handeln, wie es am Märchen, an Sagen der Heimat, an Lesestüoicen, an geschichtlichen Erzählungen, an den Anschauungsbeispielen dies Rechnens und der verschiedensten Fächer den Unterricht durchdringen kann, schult das Gewissen: Heute lautet tür ums das Problem nicht mehr: wie faßt der Religionsunterricht die ethischen. Ergebnisse des gesamten Unterrichtes zusammen, sondern so: wie durchleuchtet der gesamte Unterricht die Denkweise der auftretenden Personen mit dem jüdischen Mussargedanken! Unerschöpfliche Fundgrube solcher Mussarworte bieten Propheten, Psalmen und Mischle. Die Tendenz des letzteren lanitet ja ausdrücklich: lodaas chochmo umussar, sch'ma b'ni mussar ovicho! etc. Als Leitidee nimmt dieser 'Mussargedanke, mit dem wir unseren Unterricht durchtränken wollen, die 1. Stelle ein, weil es von ihm abhängt, ob die Lebensgestaltung des werdenden Menschen sittlich wertvoll ist oder nicht. Sie bedingt die sub j ektive Güte seiner Lebensrichtung. Die objektive Richtung seiner Lebensführung soll durch eine 2. Erziehungsidee gesichert werden, die sich ans dem jüdischen Ethos ergibt. Die Idee der Ehrfurcht in der Erziehung. Das Gewissen, auf sich allein gestellt, kann irren; in dien Grundfragen zwischen Gut und Böse kann aus Granden, die die vernünftige Entscheidung verdunkeln, ein Irrtum ganzer Gruppen und Völker eintreten: Und! dazu kommt die Tragik der menschlichen Entwicklung: auch das irrende Gewissen verpflichtet. Ein schuldlos abwegiges Gewissen bewahrt zwar vor der persönlichen Schuld; aber es erreicht keine obiektive Güte des Handelns und betrügt so um den Segen der Sittlichkeit. Erziehung kann deshalb unmöglich ausschließlich auf subjektiven Erfolg eingestellt sein; sie muß eine objektive Norm der Lebensgestailtung erschließen. Im jüdischen Ethos ist die Unterordnung unter idlie Autorität der Thauro 'immer mitgefordert: Ist auch die Lebensführung nach dem Derech hathauro noch nicht im Kantisohen Sinne Autonomie des Gewissens, so nimmt die Erziehung diese Autorität zunächst als vorläufige Gewöhnung hin und trägt soi die Verpflichtung in sich, mit fortschreitelnder Einsicht traditionelle

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