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Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern · 1936-11-15 · 10 (15.11.1936) · p. Seite 29

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Journal
Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
Volume
1936
Issue
10 (15.11.1936)
Date
1936-11-15
Page
Seite 29 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 10 Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern 29 Abhängigkeiten in reflektierte umzuwandeln. Nennen wir die Bereitschaft und Fähigkeit, sich einer höchsten Autorität auf Grund der Anerkennung ihrer Berechtigung unterzuordnen „Ehrfurcht", so ist damit ein zweites stets gültiges Teilziel der Erziehung .gegeben. Ehrfurcht ist die Einstellung zu einem durchgeistigten Gehorsam und Glauben;. Ehrfurcht äst das Fundament des elterlichen Einflusses, die Bedingung für allen geistigen Gewinn von Lehren und Erziehen, der Anfang der Einordnung in die Gemeinschaft, vor allem ist Ehrfurcht das bißchen Bereitschaft, das der Mensch dem g'ttlichen Wirken in Natur, Offenbarung und Schickung entgegenbringen muß. Iseh imau w'oviv tirou. sagt mit pädagogisch-psychologiscner Berechnung unser (Kapitel von K'dausch>im als Anfang aller Erziehungsmaßnahmen und es schließt mit dem Satz: ■umikdoschi tirou; Ehrfurcht das A und 0 alles Erziehungsgelingens. Die Erweckumg und Leitung und Steigerung dieser Ehrfurcht ist den menschlichen Erziehungsrakioren als erste und wichtigste Aufgabe aufgetragen: Alles leitet G'tt in seiner Welt: das Geschehen in der Natur nnd den Wandel des Schicksals im Leben des einzelnen und der Völ'ker! Dem Menschen ist die Freiheit gelassen, Einsicht in das g'ttliche Wirken aus sich selbst zu gewinnen; es liegt kein Zwang für ihn vor, dias Walten in Natur und Schicksal als Zufall oder als g'ttgewolltes Wirken zu erkennen. Das ist der Sinn des Bibelwortes: W'ato Jisroel mah haschem elokecho sc'hoel m'imoch, ki im i'jiro es hascbem elokecho; und die Interpretation unserer Weisen: hakol min haschomajim, chuz mijiras haschemajim! So ist Erweckung dieser Juras schomajim die erste und wichtigste Erziehunigsaufgaibe. Es war eine wertvolle Alterseinsicht Goethes, daß er die Ehrfurcht zum Fundament aller seiner Erziehungsratschläge machen wollte. „Ehrfurcht ist das", so schreibt er in der Pädagogischen Provinz, die einen Teil von „Wilhelm Meisters Wanderiahren" bildet, „worauf alles ankommt, damit der Mensch nach allen Seiten ein Mensch sei". „Ehrfurcht vor dem; was über uns ist, was in uns ist, was unter uns ist." Auch bei Goethe fließt dieses Erziehungsziel aus seiner Weltanschauung. Diese ist eine pantheistische. So gehen seine drei Ehrfurchten ins Unbestimmte und Unpersönliche. Die biblisch-jüdische Weltanschauung zeigt uns das All vom absoluten, persönlichen Geist durchwältet. So sucht auch unsere Ehrfurchtserziehunig persönliche Ziele: Eltern und Erzieher, die geistigen Führer der religiösen Gemeinschaft, die Heroen der religiösen Geschichte, vor allem aber G'tt als Schöpfer und Vater. Die Ehrfurchtserziehung hat ihre Heimstätte in allen Fächern und Zweigen der Schularbeit. Schon der erste Anschauungsunterricht lehrt die Segnungen des Elternhauses, der Schule, des G'tteshauses verstehen und ruft mit den Gefühlen des Dankes auch den Willen zur freudigen Unterordnung. Geschichte führt zum Verstehen der angestammten Gemeinschaft und znr Gliedschaft an ihnen. Vor allem aber führt die Deutung des umgebenden Lebens, die Bewunderung der Natur, die Erkenntnis von der Harmonie der Erscheinungen des Erdballs und des Weltalls zu einer immer demütigeren Anerkennung der g'tt- Mohen Autorität. Weil aber der Ehrfürchtige zugleich der Gewissenhafte ist, so stellt er an all das Gegebene die Frage: was soll ich tun, um das Leiben zu gewinnen?, und der Prediger gibt die Antwort: Es elokim j'ro w'es mizwosow «cheimor, ki seh kol hoodom. Fortsetzung folgt. Der Kampf um die Berufsumschichtung In der Reihe der im Auftrag der Reichsvertretung beim Schocken-Verlag erscheinenden Jüdischen Lesehefte ist ein Büchlein erschienen, das nach der Fülle des Gebotenen, nach Darstellumgsweise und nicht zuletzt nach der Höhe des Preises, nämlich 40 Pfg., gleich musterhaft ist: Sucher B. Weinryb: „Der Kampf aim die Berufsumschiohtung" mit dem Untertitel: „Ein Ausschnitt aus der Geschichte der Juden in Deutschland." Dhse Ankündigung wird aber, wie das bei guten Büchern der Fall ist. durch die Reichhaltigkeit des Inhalts weit übertroffen. Es wird in eingehender historischer Forschung die Geschiohte dieses zurzeit wichtigsten 'kulturpolitischen Problems der Juden in Deutschland durch genaue statistische Angaben und1 gewissenhafte Angaibe der Quellen dargestellt. Dabei wirkt aber dier erstaunliche Stoffreichtum in gar keiner Weise bedrückend, .da stets nicht nur die großen historischen Linien, sondern auch die wirtschaftlichen Tendenzen, in welche die Tatsachen einzuordnen sind, klar herausgearbeitet sind. Eine flüssige, leicht verständliche Ausdrucksweise ermöglicht jedermann die Lektüre. So dient die Schrift nicht nur "für denjenigen, der praktisch die Berufsumschichtung mitmacht und nun einmal auch die größeren Zusammenhänge sehen will, sondern für jeden, der sich für die aktuellen Fragen des Judentums interessiert, nicht zuletzt auch für den Historiker und Wirtschaftsrheoretiker zur willkommenen Weiterbildung. Es bleibt nur zu hoffen, daß dem Verfasser einmal auch das Material für die Zeit nach 1933 zur Fortsetzung der Arbeit zugänglich sein wird. Dr. Benno SiLberschmidt. Vereinsmitteilungen 1. Personalia: Am 1. Oktober konnten Kollege Brückheimer auf eine 25jährige Tätigkeit als Lehrer in Marktbreit und Kollege Strauß auf eine ebenso lange Tätigkeit in Nördlingen zurückblicken. Den beiden Kollegen haben wir bereits schriftlich und auch in den „Mitteilungen" unsere Glückwünsche zum Ausdruck gebracht. Oberlehrer Strauß (Weiden) feierte vor kurzem in aller Stille seinen 60. Geburtstag und gleichzeitig sein 4öjähriges Amtsjubiläum. Auch ihm sei an dieser Stelle nochmals herzlichst gratuliert. 2. Stelienbesetzungen: Dem Lehrer Harry Weinberg wurde mit Wirkung vom 1. November d. J. die Leitung der privaten Volksschule in Thüngen übertragen. Lehrer Leopold Rose, bisher in Oettingen, übernahm die private Volksschule in Hörstein. Schulamtsbewerber Wilhelm Stern, bisher in München, erhielt, eine Lehrerstelle in Berlin. 3. Errichtung von Sonderklassen. Auf Grund der Min. Entschließung vom 1. April dL J. wurden bisher an folgenden Orten Sonderklassen für jüdische Schüler errichtet: Bamberg, Kaiserslautern, Landau, Ludwigshafen (2 Stellen), Neustadt a. d. H. und Sohweinfurt. Die Sonderklasse in Bamberg wurde dem Lehrer Fränkel in Erlangen, die in Kaiserslautern dem Kollegen Langstädter in Venningen, in Landau dem dortigen Lehrer Zeilberger, in Ludwigshafen Lehrer Schottland in Frankenthal, in Neustadt dem Schulamtsbewerber Samson von Landau und in Schweinfurt Kollegen Berlinger übertragen. In diesen Klassen wird •gemäß der Min. Entschließung vom 31. Juli d. J. kein Religionsunterricht erteilt. Für diesen Unterricht haben die Kultusgemeinden besondere Einrichtungen zu treffen. Die Errichtung solcher Sonderklassen in zwei weiteren Orten ist demnächst zu erwarten. 4. Unterricht in Palästinakunde. Es wird darauf aufmerksam gemacht, daß die Firma. Westermann in Braunschweig, wie für alle Länder und Erdteile, so auch einen Palästina-Umrißstempel herausgegeben hat, der zur Benutzung im Unterricht der Palästinakiinde treffliche Dienste leistet. 5. Schurungskurs: In Fortsetzung unseres Fortbilldungs- und Schulungskurses vom Juli dieses Jahres wird voraussichtlich in der Woche vom 22. bis 27. November ein weiterer Kurs an der Lehrerbildungsanstalt in Würzburg in Verbindung mit der Israel. Volksschule abgehalten werden. Den Teilnehmern wird noch besondere Mitteilung zugehen. München, den 10. November 1936. M. R o s e n f e 1 d. M. A d 1 e r. Für den Inhalt der „Mitteilungen" verantwortlich: Max Adler, München

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