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Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern · 1936-11-15 · 10 (15.11.1936) · p. Seite 27

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Journal
Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
Volume
1936
Issue
10 (15.11.1936)
Date
1936-11-15
Page
Seite 27 (sequence 1)
Language
German
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Mitteilungen öea HüWfften ielproerems für (löpent Schriftleitung: Max Adler» München 1936 München, 15. November Nr. 10 Das Bildungsziel der jüdischen Volksschule Von J. S t o 11, Würzburg Am Anfang alles Erziehungsdenkens steht 'das Axiom wozu? Und doch gibt es eine Form .der Erziehung, die nicht nach ihrem Ziele fragt und die dennoch die wirksamste Erziehung darstellt, die wir kennen: es ist die Erziehung in einer echten Gemeinschaft. Es wäre töricht, einen Vater, -der als würdiger Patriarch seinem Hauswesen vorsteht, zu fragen: welches ist das Ziel deiner Erziehung? Er wüßte kaum eine Antwort zu geben, weil sein Ziel nichts Erdachtes, nichts Reflektiertes, weil es eben in der Lebensluft der Familie gegeben »ist. Die erzieherische Kraft einer Gemeinschaft hängt davon ab, wie stark das Gemeinschäftsethos ist. das in ihr lebt. Darum hatte auch das Judentum sein Erziehungsziel, so lange es eine wahre Gemeinschaft «darstellte, so lange es im seinem jüdischen Ethos nicht gespalten war. Eine solche ideale Gemeinschaft "begegnet uns bereits in dem Patriarchen des jüdischen Volkes, bei Abraham, von dem es mit pädagogischer Tendenz heißt: „Ich habe ihn ausersehen, daß er seinen Kindern und! seinem Haus befehle, daß sie wandeln den Weg G'ttes, zu üben Milde und Recht." Die Erziehüngstradition eines solch sozialen Verbandes ist unmittelbar gegeben mit dem Ethos, der den Verband beseelt, er ist normiert durch den Einheitsgeist, der zielstrebig auf alle Glieder .des Verbandes also auch auf die Jugend übergreift. Deshalb brauchte die Bibel als Erziehungsbuch für das Volk, das als Träger des göttliohen Willens auserkoren war, keine besondere pädagogische Anweisung zu geben, weder über Ziel noch über Weg der Erziehung: Die Jugend war durch ihre Bindung an die Gemeinschaft von der Wiege an in das religiöse und soziale Ethos der Volksgemeinschaft verwoben. Das pädagogische Ziel war 'kein anderes als das religiöse Ziel des Volkes: heranzuwachsen zu einem heiligen Volke, einem' Priesterreiche, und der jüdische Imperativ „kedauschim tiheju", der an die Gesamtheit gerichtet «ist. ist zugleich infolge der Einheit und Geschlossenheit der Gemeinschaft nicht nur naturnotwendig auch das Erziehungsziel für die Jugend — er ist auch von dem biblischen Redaktor als „das Erziehungsziel" gedacht. Die pädagogische Tendenz des in der Regel als Heiligkeitskapitel bezeichneten Kapitel 19 im 3. Buch Moses tritt offensichtlich zutage in der Reihenfolge seiner einzelnen Bestimmungen: Der Satz „isch imau w' oviv tirou" weist, hin auf die Grund läge der- Erziehung und die ersten ErziehungsfaMoren; die bunte Reihenfolge von Chukim und Mischpotim, die scheinbar wahllos in diesen Kapiteln aufeinanderfolgen, entspricht genau der Entfaltung der Triebe in der individuellen Entwicklung: es handelt sich um Regelung und Zügelung des Nahrungstriebes (Vers 5—S), die Zügelung des Erwerbs- und Machttriebes (Vers 9—13). Handelt es sich bei den beiden ersten Trieben um die der Lebenserhaltung und Lebensentfaltung, so folgt der Ruhm¬ und Ehrtnieb als der Trieb der Lebenssteigerung im Vers 14 bis 16; der Vers 17 führt uns hinüber in die Triebe der zwischenindividuellen Lebensbeiziehungen: a) feindliche, b) freundliche (Haß und Lieibe). um endlich von Vers 19—30 einzugreifen in die Triebe der Gattungserhaltung (Geschlechtstrieb). Die Einheit der Gemeinschaft im Judentum ging verloren mit Eintritt in 'die europäische Kultur um die Wende des 19. Jahrhunderts. Die Assimilationstendenz, auch wenn sie das Judentum nicht verleugnen wollte, führte zu einer Spaltung des Ethos der jüdischen Gemeinschaft: äußere Kultur, bürgerliche Gleichberechtigung, politisches Geltungsstreben machten die jüdische Volksschule in ihrem Erziehungsziel unsicher. Denn die Volksschule als künstliche Gemeinschaft hat-ihr Organisationsprinzip in den unterrichtlichen Leistungen, die die Gesellschaft von ihr verlangt. Unterricht ist nur eine Teilfunktion der Erziehung, die ihre Wirkrichtung erst aus den Erziehungszielen erhalten muß. Solange die Schule teilnimmt an der Ge9innungseinheit der Umwelt, erzieht sie auch im Sinne dieser Einheit. Ihr Erziehungswert ist in Frage gestellt, wenn jene Einheit nicht besteht. Wir stehen heute an einem Wendepunkt, der die Gemeinschaft des Judentums wieder herzustellen geeignet ist. Freilich ist Schicksalsgemeinschaft noch nicht gleichbedeutend mit Einheit des Ethos; das ethische Ziel der i üdi sehen Erziehung tritt aber wieder stärker in den Vordergrund und muß von der Volksschule aufgenommen werden, um an ihrem Teile mitzuwirken, aus der Schicksalsgemeinschaft eine Gemeinschaft der jüdisch-religiösen Weltanschauung zu machen. Für den Berufsenzieher, der auf dem Boden der jüdischen Tradition steht, kann es somit eigentlich eine Frage nach dem. Erziehungsziel der jüdischen Volksschule nicht geben. Unsere Aufgabe ist es nur, uns Rechenschaft zu geben über das überlieferte Ethos unserer Gemeinschaft. Was gefühls- und traditionsmäßig in uns an jüdischen Werten lebt, muß zu einem bewußten Erziehungsziel für uns werden, das wir an dem absoluten Wertmaßstab der jüdischen Uberlieferung messen. Die Welt- und Lebensauffassung, auf der die Gemeinschaft ruht, bedingt mit Notwendigkeit das Erziehungsziel der Menschenformung, die in dieser 'Gemeinschaft vor sich geht. Das Ziel ist also immanent gegeben und fällt erst durch nachträgliche Reflexion ins Bewußtsein. Das Erziehungsdewken der Gegenwart freilich will diese weltanschauliche Gebundenheit des Erziehungszieles nicht gelten lassen, a) In einem Lehrplan einer europäischen Schulverwaltung von 1920 heißt es: „Der Lehrplan einer Schule wird durch das Ziel beeinflußt, das der Schule von der gesetzlichen Vertretung des gesamten Volkes im Staate gesteckt wird." Die weltanschauliche Gebundenheit des Erziehungszieles ist damit nicht in Abrede gestellt; nur ist das Verhältnis von Weltanschauung und Gemeinschaft umgekehrt: nicht die Weltanschauung formt die Gemeinschaft, sondern die Gemeinschaft bestimmt die Weltanschauung: der politischen Macht ist nach dieser Auffassung auch das Geistige und Religiöse unterworfen. Die Folgerungen, die sich aus solchen Auffassungen ergeben, spielen ins Gebiet der staatsbürgerlichen Erziehung hinüber und brauchen hier nicht weiter erörtert werden. b) Älter ist die Auffassung, 'die das Erziehungsiziel aus dem lebendigen Strom der Kulturentwicklung erwartet. Nach der „Kul'turpädagogik" wechseln die Ziele nach der kulturellen Lage der einzelnen Epochen. Nun sind die Bildungsideale untrennbar mit dem Erziehungsideal verbunden, doch so, daß das absolute Erziehungsziel den Bildungsidealen Richtung und Grenzen weist. Die Kulturpädagogik kehrt dieses Verhältnis um und läßt das Erziehungsziel in wandelbaren Bildungsidealen untergehen. Es gibt nichts Festes in der Erziehung, alles ist im Fluß, da ja die Kulturen .im immerwährenden Fortschreiten sind. Die sogenannte Kültu.rpädagogik kann uns unser Erziehungsziel nicht aufzeigen, wir schöpfen aus ihrer Auffassung nur den einen richtigen Gedanken:, die Bildungsgüter, <J5e wir zur Erreichung unseres Erziehungszieles auswählen, müssen kulturgemäß sein...... c) Der pädagogische Naturalismus vermeint das Ziel im Zögling, im Kinde finden zu können. Das Ziel ist dann kein anderes als das, was sich in der keimenden.Individualität des Kindes ankündigt. Seine Anlagen zur Entfaltung zu bringen, wachsen lassen, was wachsen wll, und diesem Wachstem nur eben Licht und Nahrung zu geben; dies und nichts anderes ist das Ziel der Schulerziehung. Die Pädagogik, „vom Kinde aus", weiß überhaupt kein „Wohin" der Bewegung anzugeben. Auch aus dieser Gedankenrichtung ziehen wir einen Schluß: Der Weg der Bildung muß sich nach der Natur des Kindes richten, muß naturgemäß sein. . d) Einleuchtender ist der Einspruch der wissenschaftlichen Pädagogik, das Ziel der Erziehung aus der reifen Vemunfteinsicht des Erziehers zu gewinnen. Es ist eine der stillschweigenden Voraussetzungen der wissenschaftlichen Pädagogiik. daß sie aus rationellen Grundlagen ein allgemein gültiges Ziel der Erziehung gewinnen könne. Von Kant bis Herbart erschien die Ethik als jene Grundwissenschaft. Wie aiier kann rationelles Denken allein die Sicherheit nehmen, die zur Festlegung einer

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