Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 21 (1.11.1936)
- Date
- 1936-11-01
- Page
- Seite 457 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 21 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 457 scher Zunge. Ihre Lebens- und Geschäftsgewohnheiten sind andere, ihre Kenntnisse vom Judentum zum Teil geringere. Aber über diese innere Gegnerschaft hinaus sind es gerade diese selben Kreise, die* es für vornehmer halten, mit den deutschen Juden deutsch zu sprechen als Hebräisch oder Jiddisch, soweit sie nicht das Jiddische für Deutsch erachten. Kommt ein deutscher Jude in einen Laden, so bekommt er auf seine hebräische Frage eine deutsche Antwort oder eine solche, die deutsch zu sein vermeint. Aber auch die deutschen Ostjuden — im allgemeinen ein besonders wertvoller Teil der neuen Bevölkerung — kehren hier nicht zum Jiddischen zurück, sondern sprechen, soweit sie nicht Hebräisch reden, ihr Hochdeutsch. Man hört auf den Straßen über diese Kreise hinaus vielfach ein ausgesprochen ostjüdisch klingendes Hochdeutsch, das grammatisch und linguistisch durchaus korrekt ist, - das aber, wenn man es aus einiger Entfernung hört, wie Jiddisch klingt. Zwischen diesem und dem literarischen Deutsch gibt es alle möglichen Abstufungen. Aber man sieht, wie sich neben dem doch durchaus hochdeutschen „Jüdisch-Deutsch" der deutschen Einwanderer ein andere« Jüdisch-Deutsch der ehemals jiddisch sprechenden Bevölkerung bildet, und man darf annehmen, daß sich aus dem Zusammentreffen dieser beiden Strömungen später eine eigenartige sprachliche Neubildung entwickeln dürfte. Dabei ist es beachtenswert, daß die jüdischen Wörter, die den deutschen Juden von früher her geläufig sind, wie z. B. das Wort „koscher" in der aschkenasischen Aussprache, die neuaufgenommenen Wörter wie „Schalom" und „Bebakkascha" in orientalischer Aussprache gebraucht werden. Diese Entwicklung ist sprachgeschichtlich deshalb interessant, weil sie in der Gegenwart ein Analogan zur Entwicklung der Judensprache, vor allem des Jiddischen, des Spagnolischen und Judenpersischen gibt. Freilich ist das Bild dadurch Itosciifcldcr das Fachgeschäft für gute Herrenkleidung Gegr. 1878 Bayerstrafje 5 doch ein anderes, weil es sich hier um eine deutliche Nebenerscheinung handelt. Denn der Hauptstrom der Entwicklung geht in das Hebräische. Und erst wenn ein größerer Teil der aus Deutschland zugewanderten Juden so innig mit dem Hebräischen verwachsen wird, daß sie in der hebräischen Sprache, Literatur und Kultur vollkommen zuhause sein werden, dann wird sich auch ihr sprachlicher Einfluß unwillkürlich zeigen und im Neuhebräischen sichtbar werden. Jedenfalls aber sehen wir einstweilen die deutschen Juden in Palästina allen Schwierigkeiten und Hemmnissen zum Trotz mit einer bewundernswerten Energie sich der hebräischen Sprache nähern. Und diese hebräische Sprache nimmt nicht bloß äußerlich sondern vor allem auch innerlich dauernd zu. Prof. Heinrich Loewe. Die Wendung in Palästina Die neuesten Ereignisse in Palästina sind aus der jüdischen und nicht-jüdischen Presse jedem Leser dieser Blätter genau bekannt. Das Verständnis der jüdisch-arabischen Frage ist durchzahlreiche Abhandlungen in unseren Zeitschriften und Zeitungen gefördert worden. Wir verweisen aus der allerletzten Zeit besonders auf die Aufsätze zum Araberproblem von Siegmund Kaznelson („Jüd. Rundschau" vom 7. Okt. 1936) und Fritz Friedländer („C.-V.- Zgt. vom 15. Okt. 1936). Zur Ergänzung, nicht zur einseitigen Information, drucken wir im Nachstehenden einen Jerusalemer Bericht der „Deutschen Allgemeinen Zeitung" vom 16. Oktober ab. Am 12. Oktober, dem 177. Tage des arabischen Generalstreiks — welcher Rekord! — fand eine merkwürdige Episode palästinensischer Nachkriegsgeschichte ihr Ende. Zeitlich begleitet von parallelen Versammlungen in allen Moscheen und vielen christlichen Kirchen in ganz Palästina, weihte in der unvergleichlichen Omarmoschee in Jerusalem ein feierlicher Gottesdienst den denkwürdigen Tag. Im Anschluß daran zog die pittoreske Schar der Beter in die alte Stadt, wo der Großmufti, gleichzeitig Präsident des Hohen Arabischen Komitees, mit eigener Hand symbolisch die ersten Läden öffnete. Mit eindrucksvoller Präzision ist mit einem Schlage innerhalb zweier Stunden das frühere, fast vergessene Stadtbild wiederhergestellt worden. Die bunten Farben der Jerusalemer Altstadt lösen sich aus ihrer monatelangen Erstarrung, das eintönige Grau der eisernen Läden und Türen verdrängend. Vor dem Damaskus- und Jaffator stehen wieder in blendendem Glanz die Taxis, man begrüßt seine alten Chauffeurfavoriten und sucht vergeblich nach einer Erklärung, wovon sie eigentlich ein halbes Jahr leben konnten. Die Menschen sind von einer Heiterkeit, als ob es sich um einen Siegestag handle, als ob die 177 Tage von Entbehrungen und Sorgen die Erfüllung der arabischen Forderungen gebracht hätten, und die Ohren fangen immer wieder das triumphierende Wort „Hamdulillah" (Gott sei Dank) auf. Orangenernte und Streikabbruch Der gemäßigte Freudentaumel, der augenblicklich das arabische Palästina erfaßt hat, gilt vor allem der Befreiung von den drückenden wirtschaftlichen Sorgen, denen die kleinen Händler und Fellachen ein halbes Jahr lang ausgesetzt waren und aus denen sie schon keinen Ausweg mehr sahen. Irgendwelche tiefgreifenden Erfolge sind vorerst nicht zu buchen. Das Ende des Streiks wurde nicht nur durch die wachsende ^^vvvvvvvvvvvvvvvvvvvvvvvvvvvvvvvvvvvvvvvw I Jüdische Winterhilfe! l Unsere Aufrufe ■ S 1 zu monatlichen und einmaligen Spenden und die entsprechenden Richtlinien sind den Gemeindemit- J < gliedern in den letzten Wochen zugegangen. Wir bitten die jüdischen Firmen und Familien, die den? S Aufruf nicht bekommen haben, um Benachrichtigung, damit die Zusendung nachgeholt werden kann.? i Im übrigen bitten wir wiederholt, uns die Verpflichtungsscheine möglichst umgehend zurückzusenden. I i Jüdische Winterhilfe der Israelitischen Kultusgemeinde München, Herzog Haxstr. 5 \ i Postscheck-Konto München Xr. 45842 1