Mannheim
Compact Memory

Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1936-11-01 · 21 (1.11.1936) · p. Seite 456

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
12 (1936)
Issue
21 (1.11.1936)
Date
1936-11-01
Page
Seite 456 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2727810-2728050-2728071--10872-2744259
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

456 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 21 Von den Sprachschöpfungen Bialiks seien hier erwähnt: A n p e f — Näseln A z e 1 — adeln A r i a h — eckige Klammer Badkani — prüfend B a i t a n i — stubenhockerig G a h a k — fortgesetztes Aufstoßen G e r o f — Ausmisten D agg a 1 — Fähnrich Damdem — Phantasieren Hal'asa — Verwälschung S a 1 f a n — Sprengwagen Jezu — Export J e w u — Import Kerobetli — Prise (Tabak) L i s c h k ä i — büromäßig, bürokratisch Laschen — sprachsohöpfen Mekumach — mehlbestaubt M a 11 e g — bändigen Misch warajim— Steigbügel Neschoireth — Abfall Po r e r — auseinandernehmen T a k k e f — schnellaufeinanderfolgenlassen W i s s u th — Regulation T a f u 1 — geleimt Kadur — kugelförmig. meschunschan— -gezähnt miss'ereth — Bürste usw. Dem Buche als Anhang angefügt ist eine interessante Statistik über die von Bialik gewählten Wortformen (Mischkalim), die das sprachliche Fingerspitzengefühl und den Ausdrucksreichtum Bialiks an Hunderten von Beispielen zeigt. Die Kritik hat nur bemängelt, daß Abifiery die zusammen/gesetzten Ausdrücke und Redewendungen, deren Bialik sich bedient hat, in das Lexikon nicht aufgenommen hat. doch soll dies Versäumnis, wie Abinery verspricht, in einer zweiten Auflage gutgemacht werden. Neues Jüdisch-Deutsch Eine sprachgeschichtliche Beobachtung Jüdisch-Deutsch und Jiddisch sind scharf von einander zu unterscheiden. Gewiß stammen sie aus einer Wurzel. Aber die Entwicklung hat sie längst auseinander geführt. Es ist ein Irrtum, wenn Jiddischisten alte jüdisch-deutsche Sprachdenkmäler und Reste von Volksliteratur der jiddischen Sprache und Literatur zuzählen. Erst recht sind heute „Jiddisch" und „Jüdisch-deutsch" weit voneinander entfernt. . Jüdisch-deutsch ist eine aussterbende Mundart der deutschen Sprache, Jiddisch, wird mit Recht als Nebensprache bezeichnet, die linguistisch den gleichen Ursprung hat, wie das Hochdeutsche, und ihm in Wortschatz und Satzbau nahesteht. Namentlich viele westliche Dialekte werden vom Hochdeutschen aus leicht verstanden. Aber es ist in seinem Verhältnis zur deutschen Sprache eine wesentlich andere Stellung als das Jüdisch-deutsche, das jetzt gelegentlich fälschlich auch jiddisch genannt wird.. Jüdisch-deutsch ist ein sterbender Dialekt, Jiddisch eine lebendige Sprache. Das Jiddische war bis vor kurzem eine sich ausbreitende Sprache. Es hat nicht bloß im Osten Juden, die früher andere Sprachen redeten, in seinen Bereich gezogen, es hat Länder und Meere mit den wandernden Juden überschritten und sich bisher in diesen Ländern zu erhalten gewußt. Jetztfreilich ist es, obwohl eine jiddische Literatur entstanden ist, wiewohl man sich bemüht, auch ein wissenschaftliches Schrifttum in ihm zu schaffen, wenngleich es jetzt große Tageszeitungen in dieser Sprache gibt, im Volksmunde in starkem Rückgange MAGISTER KIRSCH der gute Likör, Magister München VII begriffen. Es war im Kriege eine interessante Beobachtung zu machen, daß die Kinder der eifrigsten Jiddischisten in Polen nicht jiddisch sprachen, weil die Eltern es vorzogen, mit ihnen nur Polnisch zu sprechen. In Polen wird in weiten Kreisen das Jiddische von der polnischen Sprache aufgezehrt. Erst recht ist das in Amerika der Fall, wo das ältere Geschlecht noch in der jiddischen Sprache lebt, wo aber die Jugend oft die Eltern nicht versteht, und wo es nur eine Frage der Zeit ist daß das Jiddische auf einen recht kleinen Kreis beschränkt sein wird. Aber auch in Rußland, wo das Jiddische sich der Pflege durch Gesetz und Behörde erfreut,, ist dies der Fall. Hier wird das Jiddische von der russischen Reichssprache aufgefressen. Dadurch, daß man es orthographisch und auch im Wortschatz von den andern Mundarten des Jiddischen künstlich trennt, beschleunigt man seinen Untergang. Denn je enger der Kreis einer Sprache gezogen ist, um so schneller schmilzt sie dahin. Dabei entfernt sich das Jiddische durch Aufnahme reichen russischen Sprachgutes vom Deutschen und durch sanften und gröberen Zwang auch vom Hebräischen. Ganz anders ist der Gang in Palästina. Hier herrscht der Wille zum Hebräischen. Das Jiddische ist nicht etwa verschwunden. Es ist nur untergetaucht. Aber es mündet doch ins Hebräische. Das viele Hebräisch, das zum Bestände des Jiddischen gehört, gibt denen, die es gesprochen haben, bei der Erlernung der neuen Umgangssprache einen großen Vorsprung. Zugleich hat es ihm Ton und Klangfarbe verliehen, so daß trotz der scheinbaren sepharidischen Aussprache das Jiddische so stark mitschwingt, daß man zuweilen glaubt „Jiddisch" zu hören, während es in Wahrheit ein ganz gutes Hebräisch mit sepharadischer Vokalisation ist, das aber von weitem wie Jiddisch klingt. Hierzu kommt, daß sehr viele Wörter, stilistische Formen und Redensarten aus dem Jiddischen in das neue Hebräisch übergegangen sind. Aber die jüngere Generation spricht kein Jiddisch und versteht es zum großen Teile gar nicht oder nur sehr mangelhaft. Jetzt ist eine wichtige Wandlung eingetreten. Die große Einwanderung aus Deutschland bedeutet auch sprachlich einen Einschnitt. Gewiß gibt sich die weitaus große Mehrzahl der deutschen Juden allen Schwierigkeiten zum Trotz die größte Mühe, hebräisch zu lernen. Und die jüngere Generation bleibt nicht hinter der einheimischen Bevölkerung zurück. Aber es zeigt sich eine interessante Erscheinung, Fürs erste bleibt die im Hause gesprochene Familiensprache, das Hochdeutsche. Aber unwillkürlich nimmt diese Sprache wieder hebräische Wörter auf. diesmal nicht deutscher (aschkenasischer) Ausspräche, sondern in sepharadischer Form. Natürlich das Wort' des Grußes „Schalom". des Dankes „Toda rabba", aber auch des Badestrandes, der kurzweg „Jam" (Meer) heißt, oder das viel benutzte Wort „Migrasch . Trotzdem hält sich in dieser Einwandererschicht das Deutsche neben und zuweilen vor dem Hebräischen als Familiensprache. Jedoch wird es in gewissem Sinne ein Jüdisch-deutsch mit jenen ganz geringen hebräischen Einstreuungen. Wie weit sich diese Sprache später halten wird, das hängt von ganz anderen Faktoren, z. B. von der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung in Europa ab. Aber jetzt gibt sich sprachgeschichtlich eine Parallele zur Einwanderung der spanischen Juden in den türkischen und arabischen Orient vor 400 Jahren. Damals kamen hochgebildete spanische Juden in den Orient, die zwar sich der hebräischen Sprache befleißigten, aber doch im Haus und Familie Castellano sprachen^ Sie nahmen nicht das Arabische an. Aber ihre jüdische Umgebung paßtesich ihnen vielfach an, und das Spanische in seiner spagnolischen Spielart wurde die Muttersprache vieler orientalischer Juden, die gar nicht spanischer Herkunft waren. Und Sepharadim (Spanier) wurde die Bezeichnung für diese marokkanischen, türkischen und syrischpalästinensischen Juden, auch wenn sie nicht dem Galuth Sepharad entstammten. Eine gleiche Entwicklung gab es im 14. und 15. Jahrhundert .bei der Einwanderung deutscher Juden in Polen und Litauen. Ähnlich geht es ja auch mit den „German Jews" in Amerika, in die weite Kreise von Ostjuden aufgehen, weil es für, sagen wir, „vornehmer" gilt, zu den „German Jews" zu gehören. Und eine ähnliche Erscheinung zeigt sich in Palästina, speziel in Tel-Aviv. Es gibt hier gerade in der jiddisch sprechenden Bevölkerung eine starke Abneigung gegen die Juden deut-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.