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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1936-11-01 · 21 (1.11.1936) · p. Seite 455

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
12 (1936)
Issue
21 (1.11.1936)
Date
1936-11-01
Page
Seite 455 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 21 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 455 sische, persische, daghestaniche und jemenitiche auf der einen; die sephardische, portugiesische (Holland), marokkanische, >babylonische und samaritanische auf der anderen Seite. Trotz mehrfacher Verschiedenheiten z. B. in der Aussprache der Kehllaute und des Daleth und Gimel ohne Dagesch. die sich mit den Verschiedenheiten der Landessprachen erklären lassen, stimmen beide Gruppen unter sich sehr weitgehend überein. In bezug auf die Aussprache sind also vom 5. bis 12. Jahrhundert zwei Strahlen ausgegangen: Einer von Palästina nach dem Jemen, Kaukasus, Persien und Deutschland (der natürlich die abgesonderten Samaritaner in Palästina nicht berührte), der andere von Babylonien aus nach Spanien, Portugal und Marokko und später von dort nach dem Orient und Holland und neuerdings nach Palästina. Wenn nun die jemenitischen, daghestanischen und persischen Juden fast ebenso sprechen wie die mittel- und osteuropäischen, so kann nicht mehr die Rede davon sein, daß die Aussprache des Kamez zu o und Chelom zu au in Deutschland durch das Fränkische hervorgerufen worden sei.0 Zwar ist im Fränkischen im 10. Jahrhundert gelegentlich langes ä durch o verdrängt worden, aber erhalten hat sich das lange ä trotzdem; und wenn auch die Landessprache der Aufnahme der pal. Aussprache des Hebräischen entgegenkam, so hat sie sie nicht verursacht, sondern nur erleichtert. — Ein wichtiger Kronzeuge ist Abr. ibn Esra (1092—1167), der in seinem grammatischen Werk „Zachoth" (Reinheit) — nebenbei dem ersten in hebräischer Sprache geschriebenen grammatischen Werk — auf Blatt 3 b schreibt: ..Es (das Kamez) ist nicht offen wie das Pathach, so wie wir es an diesen Orten lesen; nur die Männer von Tiberias und die Gelehrten Ägyptens und Afrikas können das große. Kamez lesen." Die Sephardim, die also gezwungen waren, den Bibeltext in einer ihrer Aussprache nicht entsprechenden Vokalisation zu lesen, halfen sich häufig, indem sie statt des Kamez katan auch da Chataph-Kamez (T0 schrieben, wo es nach unserer Grammatik nicht berechtigt ist, und wo es in unserem heutigen Text nicht steht. Wir finden das Chataph-Kamez statt des Kamez katan z. B. in dem Reuchlinschen Prophetenkodex vom Jahre 1105/06. heute unter dem Namen Manuskript Durlach 55 im Besitz der Karlsruher Landesbibliothek.10 Ohne Frage war die Sprache des bab. Talmuds sephardisch. Das beweisen die unzähligen lateinischen und griechischen Ausdrücke in hebr. Buchstaben. Ebenso muß die Sprache der LXX seph. gewesen sein. Denn die hebr. Eigennamen wären sonst in anderer Form ins Griechische und damit ins Lateinische und Deutsche eingedrungen. Durch die LXX (2. Jahrh. vor unserer Zeitrechnung) wurden später die christlichen Hebraisten, vor allem R e u c h 1 i n veranlaßt, sich der seph. Aussprache zu bedienen. Dazu kommt, daß die seph. Aussprache von Babylonien aus nach Spanien kam, und die span. Epoche innerhalb der iüd. Geschichte die Blütezeit der Grammatikforschung gewesen ist. So kommt es. daß die hebr. Sprache für die seph. Aussprache von Juden und Christen besser durchgearbeitet ist, daß die Dichter der Neuhebräischen Dichterschule (etwa 1000 bis 1250) seph. geschrieben haben, daß die Betonung exakter ist, und daß die ursprünglich östliche, babylonische, Aussprache dem heutigen lebendigen Hebräisch unter Einfluß von Elieser ben .Tehuda ihren Stempel aufgedrückt hat. Wahrscheinlich ist die „ursprüngliche" Aussprache des Hebräischen das Sephardische gewesen; aber die aschkenasische Aussprache kann ebenfalls auf ein ehrwürdiges Alter zurückblicken, sie ist mindestens so alt wie die heute benutzten Vokalzeichen. Carl Cohen. Frankfurt a.M. 0 Diese Ansicht vertritt z. B. Otto Geismar, Der Zwiespalt in der Aussprache des Hebräischen in: Jüd. Schulzeitung, 3. Jahrgang (1927), Nr. 4. Vgl. zur Widerlegung Braun, Althochdeutsche Grammatik, § 25, sowie Althochdeutsches Lesebuch, z.B. S. 56 der 9. Aufl. 10 Eine Photographie einer Seite befindet sich bei Stade, a. a. O. Bialiks Sprachschöpfungen Von Fritz Meir Fraenkel, Jerusalem. Uber Bialik, dem Meister der hebräischen Dichtkunst, über Bialito, dem nationalen Mahner, wird oft Bialik. der „Sammler, vergessen. Bialiks große Tat war es, im „Sefer Ha- Agadah dem Volke die Welt der jüdischen Agadah wiedergegeben zu haben. Er 'hat die Agadoth aus dem großen Meere der talmudischen Literatur, den Midraschim, in denen das heutige säkularisierte Judentum sich nicht mehr wie einst die •Väter zurecht zu finden weiß, herausgezogen, nach verschiedenen Gesichtspunkten inhaltlicher und zeitlicher Art systematisiert und katalogisiert, schwierige aramäische Worte ins Hebräische übertragen, seltene Worte am Rande der Seite kurz erklärt, er hat eine für jedermann, der hebräisch kann, verständliche volkstümliche Ausgabe der Welt der Agadah gebracht, .und damit für die Agadah etwa das getan, was für die Halacha der Rambam oder Josef Karo getan hat. In all seinen Reden und Aufsätzen hat Bialik immer wieder seiner Sorge Ausdruck gegeben über die Armut des heutigen hebräischen Sprachschatzes, er bemühte sich den Sprachschatz des 'klassischen Hebräisch wieder lebendig zu machen; der Einfluß allein der Agadahsammlung war und ist überall fühlbar. Man vergleiche nur Aufsätze im Davar und Haaretz heute mit solchen, die vor wenigen Jahren geschrieben wurden, um eine ständige Bereicherung der heutigen Umgangs- und Zeitungssprache aus alten Quellen festzustellen. Als man Bialik einmal entgegnete, zum Pessimismus wäre kein Grund vorhanden, auch die Volkssprache anderer Völker behelfe sich mit wenigen hunderten Vokabeln, sagte er: Gewiß, der Fischer hat 500 Worte in seinem Wortschatz, der Bauer 500. der Jäger 500. der Schmied 500 usf., aber hunderte dieser Menschengruppen zusammen stellen in ihrem Gesamtsprachschatz das dar, was man „Sprache" nennt, denn jeder verfügt entsprechend seiner Arbeit und seiner Tradition über einen besonderen Wortschatz; wir Alle, die wir hebräisch sprechen, verfügen zusammen nur über 500 Worte. Aus dieser Sorge heraus forderte Bialik eine systematische Sammlung und Sichtung unserer gesamten hebräischen Literatur. Ebenso wie unsere älteste Literatur einmal gesichtet und gesammelt und in 24 Bücher zusammengefaßt wurde, während viele andere Bücher zum Untergang verurteilt wurden, ebenso wie es dann mit der Mischna geschah, die durch Jehuda Hanassi abgeschlossen wurde, so muß es auch mit unserer späteren Literatur geschehen. Und erst wenn wir wissen, über welche Literatur wir verfügen, dann können wir erst an die Schaffung einer hebräischen Lexikographie schreiten; denn alle Wörterbücher, die bisher geschaffen wurden, sind Stückwerk und nicht mehr. Bialiks Idee war, die hebräische Universität müßte allen Studenten, die auf dem Gebiete der Literatur und Philologie den Doktor machen wollen, Teilaufgaben stellen, ein Lexikon der Sprache des Kalir, ein solches der Sprache des Rambam, des Raschi u. a. zu schaffen. Spezialwörterbücher, ohne die der Aufbau des großen zukünftigen akademischen Wörterbuches des Gesamtsprachschatzes unmöglich ist. Nun hat ein palästinensischer Philologe, Jizchak Avinery, ein Wörterbuch der Neuerungen Bialiks herausgegeben: Milon Chidusche Ch. N. Bialik, Tel Aviv, 5695. Damit ist der Wunsch Bialiks für seine eigene Sprache erfüllt worden, insofern Bialik eigene Wortschöpfungen gefunden oder alte Worte durch neue Formbildungen erweitert und verändert hat. Kein Gemeindemitglied ohne die blaue Karte für Hilfe und Aufbau

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