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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1936-11-01 · 21 (1.11.1936) · p. Seite 454

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
12 (1936)
Issue
21 (1.11.1936)
Date
1936-11-01
Page
Seite 454 (sequence 2)
Language
German
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454 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 21 _Um so erstaunlicher wirkt die Existenz des Kamez katari (~r o. z. B. mein Ohr — osni) in der heute in Palä- * :t stina üblichen Aussprache, die man nicht ganz zu Recht sephardisch nennt; ein Name, den wir aber_der Kürze halber beibehalten haben. Denn dieses Zeichen (-p) wird ja in der sephardischen Aussprache im Gegensatz zum Aschkenasischen fast immer wie a gesprochen, z, B. Dttf dort (= schäm im Seph., schom im Aschk,). Im Seph. wird also ein und dasselbe Zeichen, das Kamez. für zwei verschiedene Mundstellungen, bzw. Laute, benutzt. Für diese trotz der Korrektheit der Massoreten bestehende Unstimmigkeit zwischen Aussprache und Zeichengebung muß es eine Erklärung geben, und diese Erklärung ergibt sich aus den außerordentlich interessanten Untersuchungen, die Paul Kahle über die Massora angestellt und in drei verschiedenen Werken niedergelegt hat.2 Es gab nämlich mehr als eine Schule der Massoreten. Die Hauptschule, die im 12. Jahrhundert unter Einfluß des Maimonides den Sieg davontrug, befand sich in Palästina. Ihre Punktation — die für uns heute übliche — nennt man die tiberiensische Vokalisation. Daneben gab es aber die Massoreten des Ostens, eine Massoretische Schule, die in Babylonien ihren Sitz hatte, und völlig andere Zeichen einführte.3 Durch eine Fülle von Händschriften4 in dieser Vokalisation wurde nun das Ma- Babel üblich gewesene Aussprache nach Spanien gekommen ist. Von Spanien aus setzte diese Aussprache sich siegreich durch, während die bab. Punktation vergessen wurde. D i e Unstimmigkeit mit dem Kamez-katan erklärt sich also dah^er, daß die siegreiche tib. Punktation der siegreichen seph. Aussprache ihrer Natur nach nicht entspricht. Daraus ergibt sich die Frage, welche Aussprache die tib. Punktation wiedergibt. Sie entstand in Palästina, nachdem dort das jüdische Leben wieder einen Aufschwung nehmen konnte. Der Kalif Omar eroberte Jerusalem 638, und von da ab begann das neue jüdische Geistesleben in Palästina, nachdem Mischnä, Tosefta und jer. Talmud (spätestens 425, Erlöschen des pal. Patriarchats) der Abschluß der vorherigen Blüte gewesen waren. Da im 8. bis 10. Jahrhundert der Verfall der bab. Geistesstätten begann, ist es leicht zu erklären, daß nicht Babylonien, die Hochburg der Talmudforschung, sondern Palästina die siegreiche Richtung der. Massora beherbergte; die Schule, die die Punktation besser durcharbeitete als die verfallenden Akademien im Osten. Wenn nun die Tiberienser das Kamez für das seph. a u nd o einführten.6 so ist es bei ihrer Korrektheit außerordentlich unwahrscheinlich, daß sie seph. gesprochen haben, sondern man darf annehmen, daß ihre Aussprache ähnlich dem Aschkenasisehen war.7 IM/wwwwww v^A/\/\rvv^v-\y>y\rv vvv\^aaaaaaa^\aaaaa/vaa/va^vvvvv\aaaaaa/ WWWWWWWWWI 8. November 2. Eintopfsonntag und l.und 2. Pfundsammlung November ■X/WW%//V%/ \'VVVVVVVV\^VVWa^M\\flm(VVVVVVVVVVVVV^^ terial zutage gefördert, das uns die verschiedenen Aussprachen des Kamez erklärt und hierbei gleichzeitig die Frage nach der ursprünglichen Aussprache des Hebräischen ihrer Lösung einen Schritt entgegenbringt. Die Babylonier setzten das o-Zeichen für Kamez-katan, d.h. das gleiche Zeichen, das sonst dem tib. Cholem (T), dem seph. o. z. B. in ]jfK Ohr entspricht, schrieben also vergleichsweise *JfK statt ,2TN* mein Ohr. Für Kamez-gadol (seph. a) nahmen sie ein ganz anderes Zeichen, so daß das tib. Kamez (T ) in der bab. Punktation in zwei verschiedenen Weisen dargestellt wird, und zwar je nachdem es im Seph. a oder o ist.5 Für einen Text mit bab. Vokalisation besteht die Schwierigkeit, das Kamez katan vom Kamez-gadol zu unterscheiden, also nicht, die für uns besteht, wenn wir tib. vokalisierte Texte seph. lesen. Die bab. Punktation ist der seph. Aussprache in diesem Punkte adäquat. Bekanntlich haben die bab. Gelehrten im 11. Jahrhundert nach dem Verfall der Lehrhäuser in Sura, Pumbaditha und Nehardea die spanischen" Juden auf das stärkste beeinflußt (Graetz, Band V, Kap. 11), und es ist verständlich, daß die in 2 Der Massorethische Text des alten Testaments nach der Überlieferung der babylonischen Juden, Leipzig 1902; Massoreten des Ostens Xeipzig 1913; Lehre von den Schriftzeichen in: Bauer-Leander. Historische Grammatik der hebr. Sprache des Alten Testamentes. Halle/Saale 1922, §§ 6 bis 9. 3 Diese Zeichen liegen oberhalb der Konsonantenreihe. Daß es außer diesen beiden noch eine dritte Schule gab, ist eine interessante, aber nicht hierher gehörige Tatsache. 4 Es handelt sich um Bibel-, sowie Targumstellen und Piutim. Teilweise sind diese, meist in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts gefundenen Handschriften photographisch veröffentlicht, z. B. in Stade, Gesch. d. Volkes Israel, Bd. 1, sowie in den beiden ersten genannten Schriften von Kahle. 5 Die bab. Punktation besitzt nur 7 Zeichen und Schwa. Alle Chataphs fehlen. IV. Weitere Argumente Die erstaunlichste. Tatsache ist, daß ein syrisches Zeichen, das Zekafa, im Osten, in Babylonien, wie a, im Westen, in Nordsyrien wie o ausgesprochen worden ist. Wenn wir nunmehr als wahrscheinlich annehmen können, daß die pal. Juden zur Zeit der Massora das Kamez wie o gesprochen haben, so werden wir für diese und die weitergehende Annahme, daß sie überhaupt ähnlich dem Aschkenasischen gesprochen haben, noch eine Reihe von Argumenten bringen können. In dem bereits erwähnten Artikel von Jakobovits wird mitgeteilt, daß der bekannte Gelehrte Sch. J. Rappoport (1790—1867) eine Stelle des bab. Talmuds dahin deutet, daß in Pal. die aschk. Aussprache bereits zur Zeit der Abfassung des Talmuds (also etwa 500 nach unserer Zeitrechnung) üblich gewesen sei. Ferner sei im jer. Talmud diese Aussprache angewandt worden. Dagegen bezeugt allerdings der Kirchenvater Hieronymus (starb 420 in Bethlehem) die seph. Aussprache. Wenn beide Quellen richtig sind, so müßte im 5. Jahrh. in Palästina eine Lautverschiebung von der seph. zur aschkenas. Aussprache erfolgt sein. Das erklärt auch die von A. Z. Idelsohn mitgeteilte Tatsache, daß neben den in Deutschland. Polen, Litauen und Rußland ansässigen Juden, auch die Juden Persiens, Daghestans (Kaukasus) und des Jemen „a sc hke nasisch" sprechen. D. h. diese damals und in der Folge von Palästina aus beeinflußten Juden betonen — wie die Juden Deutschlands — die vorletzte Silbe, lesen das Cholem (i, T): „aus" „äu" oder „ej", das Kamez o, das Thaw ohne Dagesch ss oder wie das engl, th in „three". Idelsohn stellt in seiner Arbeit8 fest, daß es im ganzen mindestens neun Aussprachen des Hebräischen gibt: die aschkena- 6 Man darf wohl annehmen — wie sich bereits aus dem Namen Kamez ergibt —. daß auch die Babylonier kein klares a, sondern etwa wie das engl, a in „to fall" gesprochen haben. 7 Vgl. Kahle, Lehre von den Schriftzeichen, S. 99—102. 8 Die gegenwärtige Aussprache "des Hebräischen bei Juden .und Samaritanen. Monatsschrift für Gesch. und Wiss. des Judentums, Band 57, Jahrg. 1913.

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