Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 21 (1.11.1936)
- Date
- 1936-11-01
- Page
- Seite 453 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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ifoyenfctjc Jfcoclttifd)c ^cmcmÖcjcitung Mac$tic§ten6to^^ unfl 6t$ tttibanütä ^ngerifrifec iftodWfi^etißcradnflm Erscheint am 1. u. 15. ieden Monats.—Verlag: B.Heller, München» Bezugspreis RM. —.60 pro Vierteljahr, RM. 2.40 für das Jahr. Plinganserstr. 64. Fernruf 73 6 65. Postscheck München 39 87, Anzeigenpreis: Geschäftsanzeigen nach aufliegendem Tarif. Herausgeber: Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden. Kleine Anzeigen und Stellenmarkt ermäßigter Sondertarif. XII. Jahrgang München, 1. November 1936 Nummer 21 Inhalt: Die „richtige" Aussprache des Hebräischen — Bialiks Sprachschöpfungen — Neues Jüdisch-Deutsch — Die Wendung in Palästina — Jüdische Winterhilfe 1936/37 — Das römische Ghetto — Aus der Gemeinde München — Jüdischer Kulturbund in Bayern, Ortsgruppe München — Jüdischer Turn- und Sportverein München e. V. „ Jtus" — Bücherschau — Personalia. Die „richtige" Aussprache des Hebräischen . Der hebräischen Sprache und Literatur sind in der „Bayer. Isr. Gemeinde-Zeitung" seit vielen Jahren immer wieder klärende Beiträge von Sachkundigen gewidmet worden. Auch die praktische Förderung des Hebräischen hat gerade in München lange vor 1933 in allen Kreisen sichtbare Fortschritte gemacht. Die folgenden Aufsätze über die „richtige" Aussprache, über Bialiks Sprachschöpfungen und über gewisse Beobachtungen zum Hebräischen im heutigen Palästina, sollen die allgemeine Teilnahme an diesen Fragen vertiefen. I. Die Fragestellung Der Aufschwung, den das Lernen des Hebräischen in den letzten Jahren in Deutschland genommen hat, hat die alte Frage wieder aktuell werden lassen, ob das in Deutschland übliche oder das in Palästina gesprochene Hebräisch, ob das „Aschkenasische" oder das „Sephardische" das „richtige" Hebräisch sei.. Für den von Haus aus religiös Geschulten bringt die Umstellung von einer Aussprache in die andere einige Schwierigkeiten mit sich, und deswegen ist vor längerer' Zeit die Frage aufgetaucht und diskutiert worden, ob man den Kindern nicht von vornherein mit Rücksicht auf das lebendige Hebräisch in Palästina die sephardische Aussprache beibringen solle. Konseauente Wortführer hüben und drüben erkannten, daß diese Umstellung dazu führen müsse, daß auch im Gottesdienst die Aussprache geändert werde; es war und ist eine Diskussion, an der neben Pädagogen auch die Wortführer des orthodoxen Judentums teilnahmen. Im „Israelit", dem Zentralorgan der Trennungsorthodoxie, hat Rabb. Dr. Jakobovits in einem sehr ausführlichen und interessanten Aufsatz dargelegt, daß die Umänderung der Gebetssprache halachisch unzulässig sei.1 In diesem Streit ist eine Frage zu kurz gekommen, nämlich, ob eine der beiden Aussprachen korrekter, allgemeiner gültig, „richtiger" sei als die andere. Natürlich meint man, wenn man irrig von „Neuheb räsch" spricht, daß die sephardische Aussprache jünger sei als die aschkenasische; mit ebenso geringer wissenschaftlicher Begründung wird auch die umge- 1 Nr. 46 und 51, Jahrgang 1935. Jakobovits berief sich dabei u. a. auf den verstorbenen Jerusalemer Rabbiner Kuk; dagegen vertritt Rabbiner Usiel in Tel-Awiw den Standpunkt der Zulässigkeit der Änderung der Gebetsprache. kehrte Auffassung vertreten: die sephardische Aussprache sei die ursprüngliche, und diejenige der deutschen Juden „verderbt", „verdunkelt" usw. Wir werden im folgenden, unbeirrt vonder praktischen Bedeutung dieser Frage, unbeirrt von der Tatsache, daß Hebräisch sprechen fast ausschließlich in der palästinensischen Aussprache erfolgt, unbeirrt aber auch von der halachischen Entscheidung an die Frage herantreten, ob und inwiefern es eine „richtige", d. h. ursprüngliche Aussprache des Hebräischen gibt. II. Das Material Da es zur Zeit der großen Redner des Hebräischen weder den Tonfilm noch die Schallplatte gab, sind wir auf Quellen sekundären Wertes angewiesen. Neben der nun einmal gespaltenen Tradition (es gibt, wie wir sehen werden, mindestens neun verschiedene Aussprachen des Hebräischen!), besitzen wir gewisse Grundlagen, die gewisse Schlußfolgerungen erlauben: die dem Hebräischen verwandten Sprachen, besonders das Syrische; ferner die Transkription griechischer und lateinischer Worte in den Talmuden und Midraschim. die Transkription hebräischer Namen in der griechischen Ubersetzung der Bibel, der Septuaginta (abgekürzt LXX). die Überlieferung der Kirchenväter und die Quellen der Massora. III. Die Massora Nachdem das Hebräische aufgehört hatte, lebendige Volkssprache zu sein, machten sich Gelehrte daran, den unvoka- 1 i s i e r t e n Text der Bibel mit Vokalzeichen zu versehen. Sie ermöglichen dadurch da's Bibelstudium auch dem Laien; sie gingen aus von der für sie noch lebendigen Tradition, die aber der breiten Masse verloren gegangen war. Die Männer, die neben ähnlichen Werken diese wertvolle Arbeit verrichteten, sind die Massoreten (ansehe hammassora Männer der Uberlieferung). Diese Massoreten schufen die Zeichen für die Vokale, und man muß sagen, daß sie in äußerst korrektem Vorgehen die feinsten Unterschiede festhielten. Man denke nur an die feinen Unterscheidungen etwa zwischen Patach, dem kurzen a in □)> Volk, und dem Chataph-Patach — dem Stellvertreter des Sch'wa —, dem noch kürzeren a in "^tf ich; Unterscheidungen, die als verschieden geschriebene Zeichen in den wenigsten Sprachen vorkommen dürften.