Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 20 (15.10.1936)
- Date
- 1936-10-15
- Page
- Seite 432 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2727810-2728050-2728070--10850-2744233- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
432 Bayerische Israelitische Gcmeiridezcitung Mr. 20 sagen, wie wir uns unsere Zukunft denken, denn ob sie in Wirklichkeit so sein wird, läßt sich heute leider noch nicht sagen. Wir stehen zwar heute schon in wichtigen Unterhandlungen, über die ich Dir später einmal schreiben werde, wenn sie weiter fortgeschritten sind. Wir denken uns unsere Arbeit etwa so: 1. Abschnitt. Die Jungen -und Mädchen kommen mit 14—16 Jahren zu uns (Jungen nicht unter 15) und erhalten in Groß-Breesen eine etwa zweijährige Ausbildung, so wie sie Dir ja »durch unseren Erziehungsplan bekannt ist. 2. Abschnitt. Nach diesen zwei Jahren kommen wir in das Land, in dem wir unsere Siedlung aufbauen werden. Dort wird ein zweites Lehrgut gegründet, auf dem die Menschen, die sich hier als geeignet erwiesen haben, weitere zwei Jahre vorbereitet und erzogen werden. Dies wird von besonderer Wichtigkeit für die Landwirte und Gärtner sein, denn es ist nicht nur noitwendig, daß sich die jungen Menschen an idas andere Klima gewöhnen, sondern mit den anderen Bodenverhältnissen und Arbeitsmethoden vertraut gemacht werden. 3. Abschnitt. Unsere Menschen gehen für etwa zwei bis vier Jahre als Helfer auf die umliegenden Siedlungen. Dabei bleiben sie aber mit dem Lehrgut in dauernder Verbindung. Oder wenn noch keine Siedlungen da sind, werden von ihnen die späteren Siedlungen vorbereitet. 4. Abschnitt. Die jungen Menschen, die jetzt zwischen 21 und 25 Jahre alt geworden sind, werden' nach dieser in^ tensiven fachlichen und persönlichen Vorbereitung angesiedelt. — Inzwischen werden in Groß-Breesen weitere junge Menschen ausgebildet, die dann jeweils nach zwei Jahren in das Lehrgut drüben kommen. Nach Möglichkeit soll idieses Lehrgut der wirtschaftliche, vor allem aber der kulturelle Mittelpunkt für 'die Siedler nach wie vor bleiben. Jeder Siedler wird sein eigenes Land haben, wobei wir uns eine wirtschaftliche Gemeinschaft durch ein ausgebautes Genossenschaftssystem (Ein- und Verkaufsgenossenschaft, gemeinsame Maschinenbenutzung, gegenseitige Hilfe usw.) denken. Schule, Krankenhaus und Synagoge für die Siedler könnten dem Lehrgut angegliedert werden. Entscheidend wichtig wird aber die hoffentlich auch dann noch bestehende enge persönliche und kulturelle Gemeinschaft der Groß-Breesener sein. 5. Abschnitt. Vielleicht gelingen uns dann auch noch weitere kolonisatorische Arbeiten durch Ausnutzung der Bodenschätze, durch Einrichtung kleinerer indu^ strieller Betriebe usw____ ' Ich möchte Dir aber noch einmal sagen, daß es sich hier vorläufig lediglich um einen Plan handelt, dessen Verwirklichung von einer großen Reihe politischer, wirtschaftlicher und persönlicher Voraussetzungen abhängig ist. Wir sind ums der sehr großen Schwierigkeiten, die wir überwinden müssen, vollkommen bewußt. Und wir hüten uns auch peinlich davor, unseren jungen Menschen irgendein romantisches Zukunftsbild zu entwerfen. Sie müssen vielmehr mit aller Schärfe immer wiader gesagt bekommen, daß sie einem unerhört schweren Leben entgegengehen und daß ganz scharfe Forderungen an sie gestellt werden. Allerdings glauben wir, daß sie dieses Leben nur dann führen werden können, wenn auf der anderen Seite das sinnvolle Gemeinschaftsleben verwirklicht wird, wie wir es uns denken. Und nun verstehst Du wohl auch, warum wir — jedenfalls für den Anfang — eine so scharfe und rücksichtslose Auslese treffen müssen. Die akademische Lehrerbildung in Palästina und die Hebräische Universität Jerusalem Von Dr. Beate Rosenfeld-Weinryb (Jerusalem) Die jüdische akademische Lehrerbildung in Palästina wurde mit der Begründung der Pädagogischen Abteilung an der Universität Jerusalem (1935) in neue Wege geleitet. Zwar waren schon vorher Lehrer aus der Universität hervorgegangen: von den 75 Absolventen der Anstalt haben' 26 den Lehrerberuf ergriffen. Doch hatte die Universität nur eine wissenschaftliche Fachbildung gegeben; für die pädagogische — theoretische wie praktische — Ausbildung «hatte niemand Sorge getragen. In Deutschland befaßt sich bekanntlich die staatliche Schulbehörde mit der praktischen Ausbildung der akademischen Lehrer. Die Universität übermittelt lediglich theoretische pädagogische Kenntnisse und vor allem;das Fachwissen, wobei allerdings in Stoffauswahl und -gestaltumg bereits Rücksicht auf die Notwendigkeiten des Mittelschulunterrichts genommen wird, da ja die meisten Studierenden an den philosophischen Fakultäten den Lehrer/beruf ergreifen. Die Staatsprüfung wird bereits von der Schulbehönde kontrolliert, und nach ihrem Bestehen wird der „Studienreferendar" ganz in deren Obhut genommen: er wird einer höheren Schule zur praktischen Ausbildung zugewiesen und von einem oder mehreren Lehrern seiner Fächer an dieser Anstalt, den von den Schulbehörden besonders hierfür bestimmten sog. Tutoren, in die „Geheimnisse" ides Unterrichts und die praktischen Fragen der Erziehung, in all die schwierigen Probleme der Lehrplangestaltung, der Stoffauswahl, der Unterrichtsmethode usw. usw. eingeführt. Nach ein-bis zweijähriger Ausbildung, die überdies noch gründliche Vertiefung der theoretisch-pädagogischen Kenntnisse um- MAGISTER KIRSCH der gute Likör, Magister München VII faßt, erfolgt eine zweite, die Assessor-Prüfung, die erst die Lehrberechtigung erteilt. In Palästina, wo die höheren Schulen größtenteils privaten Charakter tragen, hat die offizielle jüdische Schulinstanz, das Erziehungsdepartement des Waad Leumi. die akademische Lehrerbildung nicht in ihren Aufgabenkreis gezogen. Es ist da-* her zu begrüßen, daß die neubegründete pädagogische Abteilung der Hebräischen Universität neben dem Unterricht in theoretischer Pädagogik auch die praktische Lehrerausbildung übernimmt. Geplant ist, beginnend vom 3. Studienjahr, ein zweijähriges Studium in der Pädagogischen Abteilung, das sowohl theoretische wie angewandte Pädagogik und Psychologie umfassen soll. Vorläufig wurde mit dem Unterricht in angewandter Pädagogik begonnen; die Lehrstühle für Psychologie und theoretische Pädagogik sollen demnächst gleichfalls besetzt werden. Ein ausgezeichneter Start der neuen Pädagogischen Abteilung war dadurch gewährleistet, daß ungefähr gleichzeitig mit ihr auch die dazugehörige „Musterschule", das sog. „Übungsgymnasium" begründet wurde. In der Gartenvorstadt Jerusalems, Beth Hakerem, im Gebäude des Hebräischen Lehrerseminars, wurde diese Schule gemeinsam von der Pädagogischen Abteilung der Hebräischen Universität und dem Erziehungsdepartement des Waad Leumi unter Mitwirkung des Lehrerseminars eingerichtet. Das Gymnasium baut auf sechs Klassen Volksschule (nicht auf vier wie in Deutschland) auf. Vorläufig wurden drei Klassen (7. bis 9. Schuljahr) eröffnet; weitere drei Klassen (10. bis 12. Schuljahr) sollen hinzukommen und mit dem Abitur abschließen. Hier bietet sich dem' künftigen Mittelschullehrer ein. reiches Feld pädagogischer Anschauung, hier hat er die Möglichkeit des Hospitierens unter, der Aufsicht erfahrener Lehrer. Es ist selbstverständlich,, daß man sich bemüht hat, die Schule nach den gesicherten Ergebnissen wissenschaftlicher Pädagogik zu