Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 20 (15.10.1936)
- Date
- 1936-10-15
- Page
- Seite 430 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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430 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 20 Hacken und Unkrautsammeln in den ersten Wochen mußte immer irgend jemand dahinter stehen, wenn etwas getan werden sollte. Den meisten war das Reden bei der Arbeit viel wichtiger als die Arbeit selbst; es wurde immer wieder nach der Uhr gefragt, wie viel man schaffte, war gleichgültig. Da kam die Heuernte. Sie war ungewöhnlich groß, und wir hatten wochenlang viel und anstrengende Arbeit. Nun mußte jeder einzelne von sich aus alles hergeben, um damit fertig zu werden. Mit einem Schlage änderte sich das Bild. Jeder wußte, um was es ging. Eine Sache fällt hier noch auf. nur scheinbar eine Äußerlichkeit: die Ordnung, in der sich (das Leben hier abspielt und die Haltung. Man hat sich hier sehr rasch gewöhnt. Für Dich wie für uns ist entscheidend wichtig die Frage, ob es gelingt, hier wirklich jüdische Menschen zu erziehen. Nur mit allgemeiner Bildung und mit menschlichem Verstehen ist es nicht getan. Jeder muß sich bewußt werden, daß er letzten Sirin für sein Leben nur dann finden kann, wenn er mit seinem ganzen Menschsein eingeordnet ist in die größere Gemeinschaft die heute für uns nur mehr die jüdische sein kann. Das Ziel, das uns hier vorschwebt, die Schaffung einer gemeinsamen Siedlung deutsch-jüdischer Menschen, wird nur dann erreicht, wenn es mehr ist. als eine wirtschaftliche Unterkommensmöglichkeit, mehr auch, als nur ein Sammelpunkt für Menschen, die sich nahe und verbunden fühlen. Unsere Siedlung soll ein Beitrag für die jüdische Gemeinschaft in der Neuformung jüdischen Lebens sein. Darum kann hier in Groß- Breesen die jüdische Erziehung nicht etwas Beigeordnetes sein, sondern von ihrem Gelingen hängt das Gelingen Groß-Breesens überhaupt ab. Wie steht es nun tatsächlich hier damit? Erst recht gilt auf diesem Gebiet, daß wir noch sehr im Anfang stehen. Das .jüdische Lernen, das doch eine Voraussetzung aller jüdischer Erziehung sein muß, können wir jetzt bei aller sich drängenden Arbeit nicht so durchführen, wie wir es gern wollen. Aber die Offenheit und Aufgeschlossenheit, die die Menschen für jüdische Dinge mitbringen, ist größer und stärker, als wir erwartet hatten. Wohl gibt es noch einige, bei denen ein gewisser innerer Widerstand gegen das Jüdische besteht, doch die meisten erkennen und fühlen, wie es uns heute alle angeht, wie jeder sich damit beschäftigen und auseinandersetzen muß. Als wir z. B. für die Jüngeren eine Arbeitsstunde einrichteten, in der sich jeder mit etwas beschäftigen sollte, was ihm selbst wichtig erschien, da war es überraschend, wie viele sich jüdische Bücher vorgenommen haben. Wir haben bis jetzt noch keinen geregelten Gottesdienst am Sabbat abgehalten. Nicht nur wegen der räumlichen und zeitlichen Schwierigkeiten, sondern weil wir nichts überstürzen wollen. So wäre es wohl auch nicht richtig gewesen, wenn wir den Gottesdienst als etwas Fertiges von Anfang an Menschen hingestellt hätten, von denen viele dazu noch gar keine innere Beziehung haben können. Doch die Freitagabende,, die wir abwechselnd von den Gruppen aus gestalten, beginnen schon, mehr Form anzunehmen und zu einem wesentlichen Bestandteil unseres Lebens zu werden. Es entwickelt sich allmählich aus uns selbst heraus. So hat gerade eine Guppe, deren Jungen zum Teil dem Jüdischen und Religiösen recht fern standen, am letzten Freitagabend eine kleine Feier dem Kiddusch vorausgehen lassen. Daraus wird noch mehr werden. Oder wir haben am letzten Sabbat den Wochenabschnitt gelesen und kurz darüber gesprochen. So werden wir zu einer jüdischen Lebensform finden, die uns entspricht. Und dies ist besser, als wenn wir irgendeine Form übernommen hätten, die uns tot und starr geblieben wäre. Wir sind Suchende. Wir haben keine fertige Lösung. Aber wir müssen einen Weg finden, unseren Weg finden, und er wird jüdisch sein. Jüdisch nicht in einem politischen, parteimäßig gefärbten Sinne, nicht nach einer verbrauchten Schablone, sondern jüdisch in einem ganz selbstverständlichen, natürlichen Sinn: als Menschen, die um ihre Verbundenheit mit jüdischer Gemeinschaft und jüdischem Schicksal wissen, wollen wir aus persönlicher Verantwortung heraus jüdischen Geist und jüdischen Glauben neu gestalten und lebendig in die Zukunft tragen. Berlin, den 6. Juli 1936, Ich schreibe diesen Brief an Dich als Ergebnis meines Aufenthaltes bei Euch, weil ich weiß, daß dies Dich schon aus persönlichen Gründen interessiert, nicht zuletzt aber auch, um Dir das Bild von Groß-Breesen zu vermitteln, welches ich als unbefangener „Gast" gewonnen habe. Zunächst die ersten Eindrücke. Daß ich von dem Umfang und der Schönheit all Eurer Häuser, Gärten und Felder überrascht war, brauche ich Dir wohl kaum zu schildern. Das sieht ja jeder; und vermutlich wirst Du auch von den meisten Besuchern darüber Preisungen anzuhören haben. Ich kann also Dir und mir dieses Kapitel ersparen. Mein erster Eindruck war: Hier herrscht Ordnung und Sauberkeit. Aber davon will ich ja eigentlich gar nicht so viel schreiben. Es sind das zwar alles recht wichtige Dinge, deren Vorhandensein den Erfolg Eurer Arbeit in dem gleichen Maße garantiert wie viele Arbeitsgemeinschaften und Heime; im Mittelpunkt meines Interesses stehen doch aber die Jungens und Mädels selbst und der Einfluß der Umgebung auf sie. Es war das Packendste für mich, zu sehen, wie die Kerls bei allem dabei sind, mit welcher Freude und Initiative, mit welchem Ernst, wo es auch sei; bei der Arbeit, im Heimabend, in der Feierstunde, in ihrer Freizeit. Nie habe ich da etwas von, Interesselosigkeit, Schlappheit, Leere, Aufgebrauchtsein verspürt. Es ist natürlich unmöglich für mich, nach diesen paar Tagen in Groß-Breesen einen auch nur annähernd vollständigen Eindruck von den Jungens und Mädels gewonnen zu haben. Ich müßte wochenlang mit ihnen leben und arbeiten. Aber siehst Du, eines war mir sofort offenbar: hier entsteht etwas, worum sich der „Bund" fast immer vergeblich abgequält hat — eine Gemeinschaft, ein gemeinsame Haltung, echt,, ungezwungen, sauber, frei und doch diszipliniert____ Ich werde jetzt eigenartigerweise oft gefragt, ob die früher nicht in einem Bund gewesenen Groß-Breesener den Bündischen gegenüber in ihrer Eignung nachstehen; ob frühere SF- Jungens und Mädels und Bundesleute für Groß-Breesen prädestiniert sind; ob man nicht von vornherein Gewicht .auf bündische Menschen bei der Auswahl für das Lehrgut legen sollte; Ich kann natürlich in dieser Frage nicht entscheiden. Aber ich glaube auch nicht, daß diese Fragestellung von solch großer Bedeutung ist, wie ihr von manchen zugemessen wird. Letzten Endes entscheidet die Persönlichkeit, so wie sie ist; wer fragt da noch viel nach ihren Quellen? Gewiß, manche Bündische geben vielleicht eine größere Gewähr für eine „Haltung" als irgendwelche andere, die nie einer Gemeinschaft angehört haben, die sie hätte prägen können. Der Bund und das SF werden sicher die meisten und vielleicht die besten Menschen für Eure Pioniergruppe stellen, womit sie sich zum eigentlichen Träger der ganzen Sache machen würden. Groß-Breesen, den 3. Juli 19361. Liebe Frau Doktor! Über die Sorge, daß unsere Menschen hier im schlechten Sinne verproletarisieren und verbauern, haben wir ja gesprochen. Wir legen bei den Jungen und Mädchen den größten Wert auf die geistige Arbeit, und wenn es damit im Augenblick noch schlecht bestellt ist, dann •darum, weil wir mitten im praktischen Aufbau und mitten in der Ernte stehen, wo jede Kraft nötig gebraucht wird. Das wird sicher in den Wintermonaten anders werden. Ich weiß nicht genau, ob ich Ihnen den Bogen gegeben habe, auf dem — im Anschluß an den allgemeinen Erziehungsplan, den Sie ja haben — die Unterrichtsfächer für die Mädchen aufgeführt sind. Es sollen also Kurse eingerichtet werden in: a) Hauswirtschaft: Küche. Wäsche, Plätten, Nähen. Brot- 'backen, Einmachen. b) Gärtnerei. c) Kleintierzucht d) Milchwirtschaft in allen Zweigen. Theoretischer Unterricht in: Ernährungsfragen, Hygiene. Lebensmittßlkunde, landwirtschaftlicher und gärtnerischer Fachunterricht. Kein Gemeindemitglied ohne die blaue Karte für Hilfe und Aufbau