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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1936-10-15 · 20 (15.10.1936) · p. Seite 429

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
12 (1936)
Issue
20 (15.10.1936)
Date
1936-10-15
Page
Seite 429 (sequence 1)
Language
German
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JfcndififdK (Bcmcmöcjcitung Hm§tfc§te^^ un& dt$ Ufct&onfle* ^oyccifrfjet Iftadüifdfct <SemdnÖtn Erscheint am 1. u. 15. jeden Monats.—Verlag: B.Heller, München» Bezugspreis RM. —.60 pro Vierteljahr, RM. 2.40 für das Jahr. Plinganserstr. 64. Fernruf 73 6 65. Postscheck München 39 87, Anzeigenpreis: Geschäftsanzeigen nach aufliegendem Tarif. Herausgeber: Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden. Kleine Anzeigen und Stellenmarkt ermäßigter Sondertarif. XII. Jahrgang München, 15. Oktober 1936 Nummer 20 Inhalt: Ein Lehrgut für Auswanderer — Die akademische Lehrerbildung in Palästina und die hebräische Universität Jerusalem — Aus der Gemeinde München — Aus bayerischen Gemeinden — Jüdischer Turn- und Sportverein — Jüdischer Kulturbund in Bayern (Ortsgruppe München) — Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern .— Amtlicher Anzeiger: Bekanntmachung der Isr. Kultusgemeinde München: Bekanntmachung über Änderung der Verfassung der Gemeinde — Personalia. Ein Lehrgut für Auswanderer Am Samstag, den 17. Oktober, wird Professor Dr. Curt Bondy, der ehemalige Dozent für Sozialpädagogik an der Universität Göttingen und jetzige Leiter des Jüdischen Auswanderer-Lehrgutes Groß-Breesen (bei Breslau), auf Einladung der Gemeinde nach einem Wunsche des Ortsringes der jüdischen Jugend in München einen Vortrag über Probleme jüdischer .Erziehung im Zusammenhang mit den Zielen des Auswanderer-Lehrgutes halten. Wir veröffentlichen im folgenden aus einer Reihe von Briefen, die Schüler, Praktikanten und Besucher von Groß - Breesen geschrieben haben, einen Auszug, der einen Begriff von dem Plan geben soll. Das Gut ist seit Anfang Mai in Betrieb. Groß-Breesen, den 30. Mai 1936. .....Wenn man in das 835 Morgen große Gut einfährt, kommt man erst in einen großen Wirtschaftshof, um den die Stallungen, Scheunen und Instwohnungen liegen. Dahinter ein Tor, das zu der großangelegten Auffahrt des Schlosses führt. Das Gutshaus wird allgemein „Schloß" genannt und hat auch nach seiner ganzen Anlage darauf Anspruch. Die Einteilung des Schlosses wird so sein, daß im Erdgeschoß die zwei bis drei Speisesäle, zwei Unterrichtsräume und ein „stilles Zimmer" liegen, das zugleich Bibliothek und Kultraum sein wird. Außerdem befinden sich in diesem Stock noch das Büro und ein Mädchenschlafraum. Vor dem ersten Speisesaal ist eine große Glasveranda, von der eine Treppe direkt in den Park führt. Hier wird morgens und nach dem Mittagessen der Appell abgehalten. In dem angebauten Zwischenstock werden zwei weitere Schlafsäle für Praktikantinnen eingerichtet. Im ersten Stock sollen nur Jungens untergebracht werden, und zwar in fünf großen Sälen mit je sechs bis zwölf Betten; in jedem Zimmer ist ein Arbeitstisch und •eine Anzahl eiserner Schränke. In diesem Stockwerk liegt auch das Zimmer von Bondy, ein Eckzimmer mit drei großen Fenstern, die auf den Park gehen. Es ist gleichzeitig sein "Dienst- und Schlafzimmer und wird außerdem zu Besprechungen und Arbeitsgemeinschaften benutzt. Im Kellergeschoß •sind Küche und Wirtschaftsräume, eine Dusch- und Waschanlage ist im Bau. In einem weiteren zweistöckigen Gebäude nahebei sollen die Tischlerwerkstätte, die Garage, die Wohnung des Oberinspektors und des Tischlermeisters und die Wäscherei liegen; später werden dort vielleicht noch etwa 15 Praktikanten untergebracht. Ganz besonders schön ist der große Park mit alten, hohen Baumgruppen und drei kleinen Teichen, von denen einer später entschlammt und als Schwimmbad benutzt werden soll. Der Park geht allmählich in Wald, Wiesen und Felder über. Das ganze Gebiet ist so ausgedehnt und liegt so günstig, daß die Jungen sehr viel Bewegungsfreiheit haben, ohne mit fremden Leuten in Berührung zu kommen..... Der Tagesplan sieht in kurzen Zügen etwa so aus: Um 5Uhr wird aufgestanden und geduscht, nach dem Frühstück Betten machen und um 6 Uhr ein straffer Appell, wo die Leute den verschiedenen Arbeitsgruppen zugeteilt werden (Landwirtschaft. Handwerker, Garten, Küche, Haus). Von 8 bis 8.30 Uhr ist 2. Frühstück, dann wird weiter bis zur Mittagspause um 11 Uhr gearbeitet, nachmittags von 1 Uhr mit einer halbstündigen Kaffeepause bis 6 Uhr. Abendessen gibt es um halb 7. danach bis 9 bzw. 10 Uhr Freizeit. Unterricht, Arbeitsgemeinschaften oder Gruppenabende. Groß-Breesen, den 10. Juli 1936. Es sind nun über sechs Wochen vergangen, seit wir uns in Frankfurt bei der Reichsnährstands-Ausstellung sahen. Was ich Dir damals von hier erzählen konnte, war nicht mehr als ein erster vorläufiger Eindruck. In der Zwischenzeit hat sich vieles hier weiter entwickelt. Zwar stehen wir immer noch sehr am Anfang, doch lassen sich Umrisse und Gestalt von Groß-Breesen mit zunehmender Deutlichkeit erkennen, und ich möchte Dir jetzt einiges davon berichten. Da ist zunächst die Einstellung der Menschen zur Arbeit. Du weißt aus Deiner eigenen Erfahrung, wie es nicht nur darauf .ankommt, Fertigkeiten zu lernen, sondern daß man eine innere Beziehung und Verbundenheit zur Arbeit zum Berufe bekommen muß, ohne die wir nie zu Bauern werden können. Bei allen landwirtschaftlichen Umschichtungs- und Ausbildungsstellen ist dies die Schwierigkeit: Menschen aus den Städten sind beisammen, die zwar lernen wollen, denen aber die innere Beziehung zu ihrer Arbeit noch ganz fehlt. Sie sind zwar 8 bis 10 Stunden im Tage damit beschäftigt, aber dann meinen sie, damit genug getan zu haben. Doch das Wichtigste fehlt noch: Interesse und wirkliche Freude. Hier ist dies anders, und zwar in überraschend kurzer Zeit anders geworden. Ganz im Anfang war es schon nicht so. Beim

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