Mannheim
Compact Memory

Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1936-10-01 · 19 (1.10.1936) · p. Seite 411

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
12 (1936)
Issue
19 (1.10.1936)
Date
1936-10-01
Page
Seite 411 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2727810-2728050-2728069--10828-2744210
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 19 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 411 zu verdoppeln, und im Juni 1936 wurde gegenüber Juni 1935 sogar das Dreifache erreicht. Daher ist heute der Gedanke keineswegs utopisch, die Nahrungsmittelversorguhg — im Durchschnittswert von monatlich LP 550 000 — in naher Zukunft ganz überwiegend auf jüdische Eigenproduktion zu stützen, ein Vorhaben, das selbst noch vor einem Jahre undurchführbar erschienen wäre. Freilich gehört zur Realisierung dieses großzügigen Gedankens, daß sofort alles geschieht, um dlie jüdische Landwirtschaft nach Bodenfläche und investiertem Kapital entsprechend zu erweitern, ein Problem, das insbesondere die Arbeit des Keren Kaijemeth und des Keren Hajessod im neuen Jahre 5697 in erster Linie beherrschen muß. Wie der Jischuw sich mit Erfolg gegen die Aushungerawg verteidigt hat, so hat er auch dien Anschlag der Verkehrsisolierung sofort abgewehrt. Am .19. April stellte der Hafen Jaffa den ganzen Betrieb ein; genau einen Monat später, am 19. Mai 1936 lief der erste Dampfer den neuen jüdischen Hafen Tel-Aviv an. Auch hierbei spielte das nationale Kapital eine wichtige Rolle. Den ersten Beitrag zum Hafenbaufonds zeichnete die Jewish Agency aus Mitteln des Keren Hajessod. Schließlich ist der Jischuw auch keineswegs, wie es unsere Gegner wollten, bankrott geworden. Die Depositen unserer nationalen Zentralbank, der Anglo Palestine Bank, stiegen im 1. Halbjahr 1936 um reich- Koheleth — n „D a s B ai c h K o h e 1 e t h." Von Oberrabbiner Dr. Joseph C a r 1 e b a c h. Verlag Hermion, Frankfurt a. M. 1936. — Am Sabbat „Chol — hammoed" oder am „Schemini azeret", dem achten Tage des Hüttenfestes, der auf den Sabbat fällt, wird vor dem Ausheben das Buch Koheleth in stiller Andacht gelesen. Im Folgenden wird auf eine neuere traditionelle Auslegung des biblischen Buchs im gleichen Geist aufmerksam gemacht. In einem späteren gelegentlichen Aufsatz soll eine Ergänzung geboten werden, die dem Ernst und der Größe des Textes auch ohne Homiletik gerecht wird. Wer heute im täglichen Leben steht, das für uns Juden in breitesten Kreisen eine Rückkehr, ja ein Rückgerufenwerden zu unserem eigensten Selbst, zu den Quellen unserer Vergangenheit bedeutet, ein Besinnen auf die Werte unseres Judentums, der weiß, daß es trotz aller gutgemeinten Bemühungen an leicht faßlichen, mit überlegener Kenntnis, des Stoffes verbundenen Werken über die Bibel fehlt. Ganz besonders gilt das für diejenigen Bücher der Heiligen Schrift, die nicht deren gesetzlichen Teil zugehören, sondern mehr philosophischen Inhalts sind, wie z. B. das Buch Koheleth („Der Prediger") oder auch das Buch Hiob. Man ist dann mehr oder weniger auf nichts jüdische Erklärer angewiesen, die gerade 'bei diesen Werken fast ungehemmt den bibelkritischen Standpunkt einnehmen, Einflüsse von außerhalb, von der Umwelt konstruieren, und damit dem Eigenwert jüdischer Weltanschauung, die sich in diesen Werken darstellt, erheblichen Abbruch tun. Der, nicht nur als glänzender Redner, sondern auch als ebensolcher Schriftsteller rühmlich bekannte Oberrabbiner der Hamburger Gemeinde unternimmt es in seinem neuesten Buch, eine Ubersetzung und Erklärung dieser problematischsten aller Schriften des biblischen Kanons dem deutschen Judentum zu bieten; und es sei voirweg gesagt, mit einem Erfolg, der dem aufmerksamen Leser die Augen öffnet für die Schönheiten und für die Tiefen dlieses philosophischen Lebensbreviers. In unseren Zeitläuften, in welchen in früher fast unausdenkbarem Ausmaß die Grundlagen »unseres Lebens erschüttert sind, gewinnt lieh eine Million Pfund auf gegenwärtig weit über 7 Millionen LP. Allein schon an Kapitalien deutsch-jüdischer Einwanderer strömten im Januar—Juli 1936 nicht weniger als 956 260 LP (rund 250 000 LP mehr als im Januar—Juli des Vorjahres!) neu ins Land. Mit alledem hat der Jischuw die ungeheure Leistung vollbracht, selbst auch in dieser Zeit schwerster Angriffe am unser Werk doch weiterhin die Möglichkeit der Eingliederung neuer Einwanderer zu sichern. Von Mai bis August 1936 kamen rund 8200 Juden neu zu uns ins Land und fanden; Arbeit und Brot — mithin immer noch volle 43 Prozent der Alij ah der entsprechenden Vorjahrsperiode, die doch ein Gipfelpunkt der Hochikomijunktur gewesen war. So stehen wir heute am Ende eines Jahres, das erst einen blinden Alarm und dann den Ernstfall brachte, das unser Werk auf die härteste Probe stellte. Wir werden im nächsten Jahre alle unsere Kräfte anspannen müssen, um die wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die sich aus den Unruhen ergeben werden, zu überwinden. Neue große Ziele stehen vor uns: die Nahrungsmittelselbstversorgung, der Ausbau großer zusammenhängender Siedlungskomplexe, .die praktische Nutzanwendung vieler Lehren und Einsichten dieses wirtschaftlichen Kampfjahres. Dazu aber brauchen wir neuen Siedlungsboden, neues Siedlungskapital. Der Prediger" ein Buch, das die Fraglichkeit des Lebens zum Inhalt hat. gerade für den Gebildeten unter uns durch seine prinzipielle Aktualität an Bedeutung. Geradezu kühn mutet die glanzvolle Übersetzung an, von der 'der Verfasser gesteht, daß er auch vor derber Widergabe der Einzelwendung nicht zurückschrekken würde. Die Übersetzung ist bewußt frei, aber in ihr ist das Geheimnis jüdischer Übertragungen der Texte erfüllt, das schon von jeher sie so anziehend und interessant macht. Wie die alten Targumisten legt der Verfasser in den Text schon einen Teil der notwendigen Erklärungen, wodurch die Übersichtlichkeit und Klarheit der gedanklichen Fülle wesentlich gewinnt. Was den besonderen Reiz des Buches ausmacht, ist die außerordentliche Fähigkeit des Interpreten, in zusammenfassenden Überschriften und in zwar kurzen, aber erschöpfenden Erklärungen den inneren Gehalt des Buches aufzudecken. Dabei ergibt sich durch die Methode Carlebachs — im Gegensatz zu fast allen seinen Vorgängern — trotz der aphoirismenhaiten Aneinanderreihung der Gedanken im Koheleth ein harmonischer, geschlossener weltanschaulicher Aufbau. Die Plastik der Gedanken wird unter anderem ermöglicht durch die Gegenüberstellung zu bekannten Erscheinungen der Weltliteratur, so z. B., wenn es von 'dem zweiten Abschnitt heißt, er sei eine erschütternde Selbstbiographie, das große Gegenstück zur Faustdichtung. So wird die Erklärung der einzelnen Abschnitte, in die der Verfasser das Buch Koheleth sinngemäß zerlegt, stets eingeleitet mit einem sinnfälligen, die Überschrift erklärenden Satz, der im Kern schon die zu gebenden Erläuterungen expliziert. Wer das Carlebachsche Buch liest, der empfindet erstmalig den großen Ernst, der idem Koheleth innewohnt, im Gegensatz zu dessen nichtjüdischen Auslegern, die in ihm eine Philosophie der Frivolität, der Blasiertheit, des .ungezügelten Lebensgenusses sehen, oder der jüdischen Exegeten, die <zur Symbolik greifen müssen, um zu einem Verständnis dieses eigenartigen Wer- MAGISTER KIRSCH der gute Likör, Magister Manchen VII Kein Gemeindemitglied ohne die blaue Karte für Hilfe und Aufbau

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.