Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 19 (1.10.1936)
- Date
- 1936-10-01
- Page
- Seite 412 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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412 Bayerische Israelitische Gerueindezeitung \r. 19 kes zu gelangen. Es -berührt sich in diesem Buch der Bibel der gedankliche Gehalt mit manchem modernsten philosophischen System, etwa mit Franz Rosenzweig oder mit der Seinsphilosophie eines Heidegger. Besonders schöne und ergreifende Worte findet Carlebach, wenn er vom Sinn des Todes spricht, und das Endkapitel als ein Hohes Lied der Lebensfreude darlegt. So 'kann Carlebach, der in der Einleitung von einem Pessimismus der Seibstzerfleischung 'und von; einem solchen der Selbstbefreiung sprach, am Schluß die Tendenz des Kohelethbuches umschreiben mit der treffenden Formulierung: Wie führt der Pessimismus zur Lebensbejahung? Und Menschsein habe nur einen Sinn, wenn der Augenblick verewigt, eine Vorwegnahme des Morgen ist, ein tätiger Beitrag zur kommenden, zur mes^anischen Welt. In einem Nachwort „Koheleth im wechselnden Urteil der Zeiten" charakterisiert der Verfasser das Buch als einen Einzelgänger innerhalb der biblischen Literatur, dem gewiß die Glaubensglut anderer Bücher der Bibel mangelt. Aber darin findet er den besonderen Reiz des Werkes, da es aus einer eigenen Glaubenshaltung individueller Prägung stamme. Dagegen weist Carlebach alle jene Versuche zurück, die das Werk als einen Ausfluß griechischer Philosophie, besonders epikuräischer Geisteshaltung ansehen wollen. Er sieht sich veranlaßt, besonders gegen Voltz und Sellin zu polemisieren. Vor kurzem erst sind die Ryland-Dokumente aufgefunden worden, die ein Bekamt tsein eines Teiles des Deutoronomiums 200 Jahre vor dem Apostel Paulus nachweisen, und zwar in der überlieferten Fassung. Muß man da nicht von starker Skepsis erfüllt werden gegen- MinkoWSZky: Kaporo photo Abraham Der uralte, schon aus früher gaonädscher Zeit bekannte Brauch der Kapparoth am Erew Jom-Kippur, von Remoh (R. Moses Isseries) als lobenswerter „Brauch der Frommen" bezeichnet, wird wm Verfasser des Schulchan^Arueh (Öraeh-Chaim §-605) verworfen. Elie Münk behandelt in dem neuen zweiten Band seines ausgezeichneten Werkes „Die Welt der Gebete" die Sitte ausführlich (Bd. II, S. 243—246). KOSTÜME . KLEIDER. MÄNTEL,. PELZE über allen Korrekturen, die doch nur auf höchst schwankenden Hypothesen aufgebaut sind? Mit Recht stellt sich Carlebach entschieden auf die Basis des überlieferten Textes, wie das bei seiner religiösen Einstellung auch nicht anders zu erwarten ist. Oberrabbiner Dr. Carlebach machte den Versuch, das Kohelethbuch dem gebildeten Juden unserer Zeit näher zu bringen. Dank seiner universellen Geistigkeit gelingt ihm das in besonderer Weise. Man erwartet mit Spannung aus seiner bewährten Feder eine Fortsetzung dieser, für uns deutsche Juden gerade heute ersehnte* Einführung in die Bücher der Bibel. In unserer, von Problemen bis zum Rande erfüllten Zeit tut Klarheit nat. Aber welches Problem der Menschheit hätte nicht seinen Niederschlag gefunden im Sinnen und Grübeln, im Denken und Dichten unserer Ahnen! Prediger Alfred Gordon, Harburg-Wdlhelmsburg. Heroische Frauen Heroische Frauen, Lebensbilder sozialer Führerinnen von Alice Salomon. (1936. Verlag für R,echt •und Gesellschaft A.G., Zürich-Leipzig.) Acht Lebensgeschiohten werden uns erzählt: acht Dramen spielen sich vor uns ab. Aber es geht hier nicht um Ruhm und Macht einer Nation — es geht um den Fortschritt der Menschheit. Alice Salomon, innerlich den Frauen verwandt, die sie schildert, gibt uns in diesem Buche die Lebensbilder sozialer Führerinnen. Nicht nur aus historisch-biographischem Interesse, sondern um uns ein Bild von dem Wesen des Kampfes zu geben, das sie alle kämpften. — die Verfasserin des Buches ebenso wie die darin geschilderten Frauen. Es ist der Kampf des Urinstinktes der weiblichen Natur, des Schutzinstinktes, der sich mit dem' Kampfinstinkt in diesen Kämpferinnen vereinigt. Das Buch ist aus der Uberzeugung erstanden, daß die Frau durch ihre Natur in besonderer Weise für die sozialen Aufgaben bestimmt ist. Die Frauen, deren Leben und Leistungen hier aufgezeichnet sind, kämpften um die Erfüllung des Gesetzes, nach dem sie angetreten. Ihre Wirksamkeit wurzelt in dem gleichen Urgrund: in der Vorstellung einer Gerechtigkeit, die Menschenliebe und Barmherzigkeit in sich einschließen und verwirklichen will. Dem Auge des Juden wird es offenbar was hier angestrebt wird: das Maß dies Gesetzes zu vereinigen mit dem Maß des Erbarmens, wie es unsere alten Lehrer im Wesen Gottes als Vorbild für das Streben des Menschen zu finden meinten. Es ist von besonderer Bedeutsamkeit, daß Alice Salomon. obwohl sie längst aus der atheistischen Erziehung ihrer Zeit in den Glauben der christlichen Kirche geflohen ist, in ihrem neuen Buche die Kämpferinnen für das jüdische Ideal darstellen mußte. Ihr Buch liest sich spannender als mancher Roman, so schmucklos und bewußt zurückhaltend es geschrieben ist. Harriet Becher-Stowe steigt vor uns auf, die zarte Lehrerin und Schriftstellerin, die mitten aus ihrem behüteten literarischen Provinzdasein den Ruf vernahm, der Barbarei ihres Landes, der Sklaverei, entgegenzutreten. Das war damals eine lebensgefährliche Aufgabe. Vor kurzem hatte man einen der Vorkämpfer der Bewegung aus dem Hinterhalt niedergeschossen, einen anderen von Haus und Hof vertrieben. Harriet Becher- Stowe hat dieser Aufgabe ihr Leben gewidmet. Onkel Toms Hütte, eine einfache, ja kunstlose Erzählung von einem alten