Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 19 (1.10.1936)
- Date
- 1936-10-01
- Page
- Seite 410 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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410 Bayerische Israelitische Gemeindezeitüng Nr. 18 Das Palästina-Wirtschaftsjahr 5696 Von Dr. J. A d 1 e r Das Jahr 5696 wird in der Geschichte des jüdischen Palästina- Aufbaus unter einer besonderen Bezeichnung fortleben: es war ein Jahr härtester Prüfung und zugleich rühmlichster Bewährung! Die schwere Zeit, die die letzten zwölf Monate über die jüdische Bevölkerung Palästinas brachten, hatte nichts mit den „Krisen" zu tun, wie sie sonst in der Wirtschaftswelt vorkommen; sie war auch keineswegs ein Rückschlag nach den Rekordjahren der „Prosperity"; sie hatte überhaupt nichts mit den inneren ökonomischen Zusamenhängen Palästinas zu schaffen, sondern kam von außen her über uns wie die Manifestation einer ■dem menschlichen Kulturwerk feindseligen Naturgewalt. Umso höher muß die Leistung des Jischuw im Abwehrkampf bewertet werden. Die historische Skizze gestaltet sich kurz: Um Rosch Haschanah 5696 beginnt die Abessinien-Krise, die, wie alle Mittelmeerländer, auch Palästina in Mitleidenschaft zieht. Nach fünf Monaten hat sie den Höhepunkt überschritten. Um Purim ist die Stimimung bereits wieder recht zuversichtlich. Die Levantemesse kommt heran; man rechnet mit einer glänzenden Touristensaison und einer neuen starken Einwanderungswelle. Allgemein hatte sich die wirtschaftliche Erholung wieder durchgesetzt — und nun wird mit einem Schlage der friedliche Gang der Arbeit jäh unterbrochen durch den Schreckenstag des 19. April, der eine Zeit arabischer Streikunruhen, Terrorakte, Morde und Zerstörungen eröffnet, die seither noch nicht beendet ist. In einem ganzen Jahre nur zwei Monate leidlicher „Normalität" — und trotzdem geriet der jüdische Wirtschaftsaufbau nicht ins Wanken! Woher diese Widerstandskraft? Es ist wichtig, nach der Erklärung dafür zu suchen, da. sie uns manchen guten Hinweis für die künftige Palästina-Arbeit gibt. Bleiben wir beim wirtschaftlich-organisatorischen Moment, so fällt für die Zeit der Abessinien-Krise zunächst folgendes auf: Der „Run" auf die Banken, der vom 1. August bis zum 1. November 1935 den palästinensischen Geldumlauf von 5,56 auf 7,54 Millionen LP emportreibt, geht vor allem von arabischer Seite aus. Die jüdischen Banken bleiben liquid. Das Kreditsystem ist nicht erschüttert. Man hat Selbstvertrauen genug, Mitte November in Tel-Aviv die erste inoffizielle Wertpapierbörse Palästinas zu eröffnen. Vor allem prallen die Einflüsse der Krise ganz wirkungslos an jenem Teil des jüdischen Aufbaues ab, den man während der Hochkonjunktur nicht immer nach Gebühr gewürdigt hatte, am landwirtschaftlichen Sektor. Die jüdische Agrarproduktion bleibt „krisenfrei", zumal soweit sie die Versorgung des jüdischen Inlandkonsums mit Milch- und Geflügelprodukten, mit Obst und Gemüse zum Ziele hat. Das Siedlungswerk der nationalen Fonds, das im Laufe von Jahrzehnten Palästina mit einem Netz von fast 260 jüdischen Dörfern überzog, zeigt sich stark genug, um rund einem Drittel des Jischuw die Berührung mit der Abessinien - Krise überhaupt zu ersparen. So bleibt die wirtschaftliche Absorptionskraft für neue Einwanderer ungeschwächt. Es kamen neu ins Land: im September 1935 6422 (September 1934 : 4535) Juden, im Oktober 1935 5878 (Oktober 1934: 6138), im November 1935 4433 (November 1934: 4838), im Dezember 1935 4563 (Dezember 1934: 4120). Alle fanden Arbeit, wobei es von besonderer Bedeutung war, daß aus der Bodenreserve des Keren Kajemeth Lejisrael neue große Flächen für die Besiedlung bereitgestellt wurden. Nicht nur den Neueinwanderern, sondern auch zahlreichen'Arbeitern und .Mittelständlern aus den Städten, die während der Abessinienkrise ihren Broterwerb in Handel und Industrie verloren hatten, gab in jener Zeit das jüdische Dorf eine Verdienstmöglichkeit. Die kurze Erholungspause in den Frühjahrsmonaten — in Palästina belebte sich die Wirtschaft nach der „Mittelmeer-Depression" weit rascher wieder als in den Nachbarländern Ägypten und Syrien — war ebenfalls voir allem der nationalen Kolonisationspolitik zu verdanken. Für öffentliche Arbeiten, Handwerk und Industrie gewährte die Jewish Agency aus Mitteln des KH mittelbar und unmittelbar sehr wertvolle und wirksame „Ankurbelungskredite"; dies war ihr insbesondere deshalb möglich, weil die landwirtschaftlichen Siedler auf nationalem Boden unter der Krise nicht zu leiden hatten und ihre Rückzahlungsbedingungen prompt erfüllten. Die allgemeine Neubelebung erfaßte auch die städtische Wirtschaft und kam vor allem in der Gründung neuer Firmen, insbesondere neuer Industrieunternehmungen, 2um Ausdruck. Neue Firmengründungen davon Industrie- Palästinas: Betriebe: 1935. 1936 1935 1936 Januar 106 94 25 30 Februar 101 100 27 29 März 94 83 33 25 April 81 72 22 17 Nach fünf Monaten der Abessinien-Krise hatte sich dank der stützenden Kraft des nationalen Bodenbesitzes auch das jüdische Erwerbsleben in den Städten soweit wieder gekräftigt, daß beispielsweise in Jerusalem die Bautätigkeit während der charakteristischen Erholungsperiode weit über die Vorjahrsergebnisse hinausging (in Februar-April 1936 insgesamt 50 576 qm Neubaufläche gegenüber 38 800 Februar-April 1935). Man hat die Abessinienkrise seinerzeit als einen „blinden Alarm" bezeichnet. Rückschauend darf man heute sagen, daß dank jener „Probe für den Ernstfall" es uns wesentlich leichter fiel, die wirtschaftliche Selbstverteidigung des Jischuw zu organisieren, zu der uns die Ereignisse dies 19. April und der Folgezeit zwangen. Was bezweckte der arabische Streik? Nicht nur eine Pression auf die Mandatarmacht, sondern auch die Aushungerung .die verkehrstechnische Isolierung, den Bankrott der Juden! -Kein arabisches Produkt mehr, auch nicht aus den Nachbarländern, für den Jischuw — .so wollte es die Agitation unserer Gegner. Daß der grausame Plan mißlang, bleibt die unvergeßliche Leistung unserer nationalen Kolonisation. Die jüdische Landwirtschaft mobilisierte den letzten Mann und den letzten Dunam, um in kürzester Frist ihre Lebensmittelproduktion erstaunlich auszudehnen .Während im Mai 1936, im ersten Unruhemonat, die arabische Lieferung ganz ausfiel und der Lebensmittelimport aus dem Auslande gegenüber Mai 1935 um 26% zurückging, brachte es die Verkaufszentrale der jüdischen Arbeitersiedlungen des KH auf KKL-Boden, die „Tnuvah", fertig, ihre Lieferungen von Milch- und Geflügelprodukten, Obst und1 Gemüse auf dem Tel-Aviver Markt gegenüber Mai 1935 fast Jüdische Winterhilfe 193G/37 Antragstellimg; bei der Wohlfahrtsstelle, Herzog-Max-Str. 5. Zeiten werden durch Arischläge an den Synagogen, Gemeindehaus und Speise-Anstalt nach dem i. Oktober bekanntgegeben. Laufend Unterstützte brauchen keinen Antrag zu stellen.