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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1936-09-15 · 18 (15.9.1936) · p. Seite 388

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
12 (1936)
Issue
18 (15.9.1936)
Date
1936-09-15
Page
Seite 388 (sequence 6)
Language
German
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388 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 18 nichts anderes sein wie ein Feuer, das für kurze Zeit nur flackert und wärmt, um dann auf alle Ewigkeiten auszulöschen? Ich setzte mich auf die staubige Stiege und sann. vor mich hin. Da tauchten aus dem Dunkel des Dachgebälks zwei große Augen. Um sie herum formte sich stückweise das Gesicht: eine faltige Stirne, darüber die Kopfbedeckung der frommen jüdischen Frau, der „Scheitel", der an den Schläfen ein paar weiße Haare frei ließ, dann die starke Nase mit einem halb geöffneten Mund. Und während die tiefen Augen unbeweglich auf die alte Tefiloh blickten, die immer noch aufgeschlagen in meinen Händen lag, breitete sich um den Mund ein Lächeln, von dem ein immer stärker werdender Glanz ausging. In diesem, zuletzt wegen seiner Leuchtkraft nicht mehr zu ertragenden Scheine verschwand das Antlitz. 2. Kurzer Besuch Von Hilde Marx Neulich war ich wieder einmal zuhause. Und wenn ich das so sage, denke ich im ersten Augenblick gar nicht daran, daß ich doch eigentlich jetzt ganz wo anders zuhause — sein sollte, dort, wo ich wohne. Aber das wird sich schon nicht mehr ändern und es ist sehr gut so. Die Straßen der kleinen Stadt lagen im heißen Sommerschlaf. Es waren solche Tage wie die, an denen man früher Hitzeferien bekommen hatte. Ich vergaß ganz: es waren ja überhaupt noch die großen Ferien — man lebt eben nicht mehr in dieser kleinen heimlichen Welt der Schule, An ihr ging ich vorbei, gleich zuerst vom Bahnhof aus; ganz still lag sie. Ich stellte mich ans Gitter, das den Hof von der Straße trennt; wo mögen alle die Kinder jetzt sein? Und was für Kinder? Sicher würde ich keines mehr davon kennen, vielleicht noch die der letzten Klassen. Und ob in den Pausen immer noch die alte Frau Milch und sauere Bonbons verkauft? Einen Pfennig das Stück — und so klein waren sie, daß man es ruhig wagen konnte, auch in der Stunde sich mal so ein verbotenes Vergnügen zu leisten. Da kam der Hausmeister übern Hof, mit langsamen Schritten, er hatte ia auch wirklich nichts zu versäumen. Er sah mich am Gitter stehen — einen Augenblick schien es, als ob er sich besinne, daß ihm das Gesicht wohl bekannt wäre —dann ging er weiter. Man darf nicht traurig sein,, wenn einen auch der nicht mehr erkennt, dem man früher vertrauensvoll die kleinen Sünden beichten kam. Nachher traf ich Tante Ille. „Tante Ille" — das stammt noch aus der Zeit, wo man zu jeder Frau eben Tante sagte und außerdem noch kein „s" sprechen konnte. „Tag, Tante Ille, wie geht's dir denn?" Sie freute sich sehr mit mir. Alt ist sie geworden und die Hand, die sie mir reichte, war sehr hart und verarbeitet; sie muß ja nun auch den ganzen Haushalt allein besorgen und ganz leicht fällt das in diesen Jahren nicht mehr. Sie hatte viel zu erzählen, viel Schweres, wenig Heiteres. Die Kinder sind weg; Evy im Ausland, verheiratet, ihr Mann hat eine Stellung, die ihnen grad das Nötigste einbringt — „und das ist ihr Kleinstes, schon das Zweite; vielleicht kommen sie nächstes Jahr mal zu Besuch". Alle Taschen hat Tante Ille voll mit den Bildern der Enkel, die sie noch nicht kennt und die in einer Umgebung aufwachsen, die ihr fremd ist. „Ob sie uns überhaupt verstehen werden, wenn sie herkommen? Aber Evy schreibt ja immer, daß sie viel deutsch mit ihnen spricht. Und Walter? Der ist jetzt schon ein halbes Jahr auf Hachscharah —" sie verspricht sich ein wenig bei diesem Wort, es mag ihr recht schwer fallen, nur den Gedanken zu fassen. Und 15 ist der Walter jetzt schon — „hat er immer noch so einen Lockenkopf, Tante Ille?" Natürlich, viel verändert wird er sich nicht einmal haben, nur innen in dem Kopf wird es wesentlich anders aussehen, ernster wird er geworden sein, als man früher mit 15 war. „Und Becks? Was, die sind auch nicht mehr da? Und das Geschäft? Verkauft? Hm —" Viele Geschäfte sind verkauft, viel andere Schilder las ich, als ich neben Tante Ille zum Marktplatz ging. Wochenmarkt; sehr bekannt waren mir die Geräusche und Gerüche, die von ihm ausgingen. „Ich will gleich mal schon ein Huhn für die Feiertage bestellen", sagte Tante Ille. Bei der gleichen Frau hatten wir auch immer gekauft, erinnere ich mich. Die hohen Feiertage — es ist nicht mehr lang bis dahin. Wie werden sie denn diesmal aussehen? Der Herr Doktor ist weg — ja, ich habe gelesen, das Rabbinat mußte aufgelöst werden, die Gemeinde ist zu klein geworden, sie konnte es nicht mehr tragen. Eigenartig hat mich das berührt, wie ich es in der Ferne las, eine nüchterne Mitteilung in der Zeitung. Damals war's eben gerade meine Heimatstadt — vielen andern wird es auch schon so gegangen sein, natürlich. Aber die Feiertage ohne den Herrn Doktor? Kaum vorstellbar. Und nach der Synagoge kein Besuch bei ihm und im Gottesdienst keine Predigt von ihm, der uns alle doch so gut kannte und hie und da recht deutlich herannahm, wenn er etwas auszusetzen fand, nicht wahr, Tante Ille? Aber er hat schon meistens recht gehabt damit. Wir hätten vielleicht noch noch ein bißchen mehr auf ihn hören sollen — wie haben wir eigentlich früher als Juden gelebt hier? Hat uns nur der Gottesdienst zusammengeführt? Nein — da war doch das Wäisenhaus und die Armen, die wir versorgten und dann die Lernstunden in dem kleinen Vorraum der Synagoge — oh, wir hielten schon immer zusammen, so gut wir konnten. Tante Ille mußte nachbause, Onkel Fritz will sein Essen jetzt noch pünktlicher haben als früher; er ist halt auch alt und eigenartig geworden. Sie hatte sich so mit mir gefreut. „Grüß alle, Tante — ich kann ja nicht lang bleiben und vielleicht treffe ich keinen mehr." Alle — das sind die Alten und die Jungen und die Gärtnersfrau und der Milchmann und die Häuser und Gärten. Am Haus der Kindheit ging ich mit gesenkten Blicken vorbei. Es sollte nicht wahr sein, daß es jetzt hellgelb gestrichen wurde und unten ein neuer Laden reinkam und daß man die ausgetretene erste Treppenstufe durch eine neue ersetzt hatte. Es muß immer altersgrau und ehrwürdig für mich bleiben und W. Strygowsk T a s c h 1 i c h Der altjüdische Brauch, am 1. Tag des Neujahrsfestes an ein fließendes Wasser zu gehen und dreimal den Vers Micha 7, 19 („Werfen wirst du alle ihre Sünden in die Strudel des Meeres") zu sagen. Petrarca erzählt im Jahre 1333 n. Chr. von einem ähnlichen Brauch in Köln a. Rh. bei den Deutschen.

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