Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 18 (15.9.1936)
- Date
- 1936-09-15
- Page
- Seite 387 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Kr. 18 Bayerische Israelitische Gemeitidezeitiilig 387 Schäften „... Und was verschwand, wird mir zu Wirklichkeiten' 1. Die alte Tefiloh Von S. Brückheimer in Marktbreit Durch .diie mit dichten Spinnweben verhängten kleinen Fenster im Giebel der Synagoge fiel gerade noch soviel Licht, daß der geräumige Boden in seiner ganzen Ausdehnung , übersehen werden konnte. Weit hinten lagen übereinander gestapelt nicht mehr benötigte Betpulte und zerbrochene, mit Blech belegte lange. Tische, die vor vielen Jahrzehnten, bei dem gemeindlichen Mazzohbacken Verwendung gefunden hat- . ten. An den Dachbalken hingen von Motten zerfressene Thoramäntelchen, alte, unbrauchbar gewordene Porochoth und Teile bunt gestickter Wimpeln. Am Boden, zwischen querlaufenden eichenen Balken, lagen im buntesten Durcheinander die verschiedensten Dinge: wacklige Fußschemel, Teile von Messingleuchtern, Glasscherben, eingetrocknete Lulofim und mit Schimmel überzogene Gebetriemen. Neben der Stiege, auf der ich stand, und die in die Frauenabteilung hinabführte, hob sich bis zu den Dachsparren ein regelloser Haufe zumeist zerrissener hebräischer Bücher. Was im Laufe der Zeit zerlesen, außer Rand und Band gekommen, die Bücher belehrenden Inhalts, deren Lektüre die Winter-Sabbatnachmittage der Alten angenehm ausfüllte, und mit denen Söhne und Töchter nichts mehr anzufangen wußten — sie alle wanderten hinauf und türmten höher und höher das Mahnmal einer zerfallenden Gemeinde. Staub legte sich auf die Bände, die Feuchtigkeit des durch das schlechte Dach eindringenden Regens blähte sie auf und die Mäuse fraßen mit dem Leim auch ihre gilbenden Blätter. .Die den Ruhetag preisenden „Semiroth", die Psalmen des königlichen Dichters, die sechsbändige Mischnah und die „Bittgebete" frommer Frauen — hier auf dem Synagogenboden wurden sie Moder und Asche. Vorsichtig, um nicht auf die herumgestreuten Gegenstände zu treten, schritt ich dann durch den Raum. Dabei suchte ich nach den Verbindungen, die'einmal zwischen diesen, einem heiligen Zweck einst dienstbaren Dingen und ihren früheren Eigentümern bestanden haben mochten. Aber da fand sich kein Zeichen mehr und keine Erinnerung. Nichts mehr wies hin auf die Menschenhand, welche diese Kultgeräte gehalten und getragen, . nichts mehr erzählte von den erhebenden Gefühlen, die über ein jüdisches Herz dabei hingegangen waren. Aus allen Ecken und Winkeln grinste nur Tod und Zerstörung. Und trotz der brütenden Augustsonne jagte ein kalter Schauer über meinen Körper. — Als ich wieder zur Stiege zurückging, bemerkte ich bei dem Stoß alter Bücher einen noch gut erhaltenen dicken Band. Durch seinen schwarzen Lederdeckel stach er aus dem Zerfall ringsherum scharf heraus. Eine dicke Lage Staub quoll auf, und eine fette Spinne fuhr erschrocken an dem abgerissenen Faden hinauf in ihren Schlupfwinkel, als ich das Buch zwischen den zerbeulten Folianten nebenan hervorholte. Ich schlug es auf. Es war eine alte Tefiloh. Auf der Innenseite stand auch der Name der einstigen Eigentümerin: Mirjam Neugaß. Die schöne, gleichmäßige Schrift, die in Ruhe hingelegten Buchstaben verrieten auch dem der Schriftdeutung Unkundigen den gefestigten Charakter dieser Frau. Sie erzählten von ihrem seelischen Gleichgewicht. Und nichts konnte ihre Übereinstimmung mit dem Schöpfer, und ihr gütiges Menschentum zugleich deutlicher aufzeigen, als der ihrem Namen angefügte Wunsch: „Möchten in ihren sehnlichsten Wünschen alle erhört werden, die ihre Gebete aus dieser Tefiloh zu Ihm hinaufschicken." War das nicht ein Anruf, der auch an mich gerichtet war? Konnte, ja, durfte ich jetzt, wo mir doch die Fürsprache einer in die Ewigkeit eingegangenen Seele sicher war, etwas anderes tun als beten? Und während ich in dem Buche blätterte, um ein Gebet zu finden, welches dieser seltsamen Stunde entsprach, entdeckte ich ein Buchzeichen. Es war nur ein gewöhnliches Papierchen. Darauf stand in hebräischer Quadratschrift ein Psalmvers. Sein Anfangs^ .und-Endbuchstabe-verrieten-mir, daß so der „Poßuk" der Mirjam Neugaß gelautet hatte. Die Bewandtnis um den Poßuk führt in Midrasch und Kabbalah hinein. Darnach soll jeder Jude aus dem jüdischen Schrifttum einen Vers heraussuchen, dessen erster und letzter Buchstabe dem ersten und letzten Schriftzeichen seines hebräischen Namens entspricht. Diesen Poßuk fügt er täglich im Hauptgebet ein, hängt er vor dem Einschlafen seinem .Nachtgebet an. Der Poßuk mag auch der Spiegel seiner religiösen Uberzeugung sein und wird als erstes abverlangt, wenn die Seele vor des ewigen Richters Throne sich zu verantworten haben wird. Der Psalmvers auf dem schon ein wenig brüchigen Zettel in der alten T e 1 i f o h lautete so: „Wie unendlich ist Deine Güte, o Herr, Die Du aufbewahrst für Deine Frommen." Die Blätter, zwischen denen dieser Poßuk lag, waren vom vielen Umwenden braun angelaufen. Die Ränder waren eingerissen, die Buchstaben abgeblaßt. Mirjam Neugaß mußte an dieser Stelle oft gebetet, in den hier aufgeschlagenen 86. Psalm ihr ganzes Herz hineingepreßt haben. Die runden Flecken neben den Zeilen, waren sie nicht letzte Spur befreiender Tränen? Und in die mit einem Male so schwer lastende Stille um mich her stieß ich laut und lauter die tröstenden und aufmunternden Worte: „Neige Ewiger, dein Ohr, erhöre mich; denn arm und dürftig bin ich... Sei mir gnädig, Herr, denn zu Dir rufe ich den ganzen Tag. Denn du, Herr, bist gütig und verzeihend und reich, an Huld für alle, die dich anrufen... Lehre mich deinen Weg, ich will wandeln in deiner Wahrheit. Trotzige sind aufgestanden gegen mich, und die Rotte der Übermütigen trachtet mir nach dem Leben... Hilf dem Sohne deiner Magd! Tue an mir ein Zeichen zum Guten! Und sehen es meine Feinde, werden sie zuschanden. Denn du Ewiger, stehst mir bei und tröstest mich." Ein sicheres, fast körperlich spürbares Gefühl, beschützt und geborgen zu sein, überkam mich. Wie wenn der Vater herübergriffe zu seinem Kind, das auf dem Wege sich geirrt, am Stein sich gestoßen und nun an der warmen Hand seine alte Sicherheit und Ruhe wieder gewinnt. Die Gebetsworte allein hatten das nicht bewirkt. Ich fühlte deutlich den Bannkreis einer frommen Seele. Auf 'diesen brüchigen Buchseiten hatten die Augen von Mirjam Neugaß geruht, diesen Zeilen waren ihre Finger nachgefahren, und diese selben Worte hatten ihre Ängste und Sorgen abgedrängt. Mit der jetzt alten Tefiloh da war Mirjam Neugaß, frommer Ergebenheit voll, durchs Leben gegangen. Und ein solches nach dem Göttlichen hin ausgerichtetes Leben sollte Minkowszky: Kol-Nidre Photo Abraham