Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 18 (15.9.1936)
- Date
- 1936-09-15
- Page
- Seite 389 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 18 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 389 über den Treppen darf nur der Klang sein, der von Kinderfüßen kommt, die hastig und lärmend hinaufstürmen. Die Rodelwiese knapp vor der Stadt und der Wald dahinter hatte sich nicht verändert. Einige schmale Wege waren vielleicht etwas ausgetretener — .vielleicht schien es mir auch nur so. Und unten am See lag unter den andern immer noch das Boot „Augustin", das ich seit je nur mit einem Ruder gekannt hatte und das wohl auch nie mehr ein zweites bekommen wird. Die ersten Fäden des Altweibersommers hingen in der Luft und legten sich mir aufs Gesicht — ich fuhr mit der Hand darüber — und mit leisem Flügelschlag huschte ein Traum von mir weg. — Neulich war ich wieder einmal zuhause — als ich mir einen Urlaubstag von der großen, fremden Stadt genommen und mich draußen irgendwo ins Gras gelegt hatte; nur ein Brief, den ich am Morgen bekam, war meine Begleitung gewesen: ein Brief von Tante Ille, aus dem der ganze Zauber der Erinnerung stieg. 3. Erstes Rosch Haschonoh in der Fremde Auch für den härtesten Menschen kommen Zeiten, in denen seine Gedanken sehnsüchtig im Glück von Kindheit und Geborgensein verweilen. Ein Tag tut sich auf, da gleitet alles kämpferische Muß an der Seele ab, die einsam und wie von ungeweinten Tränen erfüllt sich nach den lieben, fernen Händen sehnt. Ich bin noch ein junger Mensch und stehe allein mitten im Leben, das ich mir Tag um Tag, Schritt um Schritt, zu erringen suche. Ich weiß, es darf kein Nachlassen geben, kein Ermatten, sonst strömt die Zeit erbarmungslos über ein kleines Dasein hinweg. Aber da kommen die hohen Feiertage. Ein neues Jahr wird dem jüdischen Menschen verkündet. Da fühle ich plötzlich eine große Einsamkeit: es sind die ersten Feiertage in der Fremde. Keine noch so lieben Freunde können die Weihe des festtäglichen Elternhauses ersetzen. Ich versuche in Briefen all das Gute auszudrücken, das ich den fernen Lieben wünsche, und fühle im gleichen Moment die Ohnmacht und Farblosigkeit von Worten an einem Tag, an dem man früher einander nur wortlos die Hände zu reichen brauchte. Ich gehe zum Gottesdienst, der Rosch Haschonoh einleitet. Die bekannten Gebete legen sich als das schöne Bewußtsein einer großen Verbundenheit auf eine Wunde, die irgendwo leise brennt, die Kerzen flammen in aller Welt mit gleichem Trösterschein und die Gesänge aus allen Tempeln suchen den gleichen Gott. Aber nach Schluß der Andacht stehe ich wieder allein unter einer unbekannten Menge. Ich warte, warte, daß jemand käme, dem ich Glück wünschen könnte; alle sind Brüder uinid doch sind alle fremd. Da gehe ich schließlich auf den nächsten Menschen zu, reiche ihm die Hand und sage: „Alles Gute im neuen Jahr!" Und der Fremde versteht wohl, denn er scheint nicht erstaunt, sondern erwidert den Glückwunsch und ich gehe weiter, wie befreit, und dennoch wieder mit dem wehmütigen Gefühl, 'der Fremde könnte den aus der Masse ihm zugewehten Gruß bereits vergessen haben. — Dann die belebten Straßen. Ich suche nach Feier, bis mir klar wird, daß ich sie doch nur in mir selbst finden kann; im Augenblick dieser Erkenntnis tue ich das einzig Richtige: ich eile in mein Zimmer, das wenigstens einige Züge des Zuhause trägt, und bereite mir selbst einen stillen, nachdenklichen Abend. Eine kleine Sentimentalität ist in dem Dunkel dieses Feierabends kaum zu vermeiden und ich muß mich ihrer nicht schämen, denn sie ist menschlich und darum wohlbegründet und gut, wenn man noch den Zauber eines jüdischen Festes fühlen kann. Im Gottesdienst des ersten Rosch-Haschonoh-Tages geschieht mir ein freundliches Wunder: während ich andächtig den Gebeten und Gesängen folge, hebt sich plötzlich aus der großen fremden Menge der Gemeinde der Kopf einer Frau ins Licht, die mir gegenüber auf der anderen Tempelseite ihren Platz hat. Aus der Entfernung gesehen ähnelt diese Frau in überraschender Weise meiner Mutter, die, wie ich weiß, zur Wachtel, Neujahrswünsche Photo Abraham gleichen Zeit dem heimischen Gottesdienst beiwohnt. Vielleicht ist diese Ähnlichkeit gar nicht wirklich vorhanden, vielleicht sind es nur meine ständig heimwärts gerichteten Gedanken, die sie im Verein mit dem milden, gedämpften Licht des Gotteshauses hervorzaubern. Aber das ist unwichtig, ich trage kein Verlangen, es genau festzustellen, denn ich habe Angst vor einer Enttäuschung. So, wie es ist, ist es herrlich und der Tag erhält eine Weihe, die wie ein Geschenk vom Himmel fällt. In Gedanken küsse ich das Bild meiner Mutter in der fremden Frau und danke ihr, daß sie da ist. Und als ich den Tempel verlasse, scheint die Sonne hell und meine Feierstimmung ist vom Licht dieses Tages überflutet, das sie in inniger Verbundenheit trägt bis in die Stunden des Abends hinein, bis. in die Nacht und den nächsten Tag — leise schimmernd auf dem Weg der ganzen Festeswoche und einen kleinen Glanz spielend noch auf die ernsten Tore zum Jörn Kippur. Hilde Marx. Aus der Gemeinde München Zionistische Ortsgruppe München Vortrag Dr. Hans Friedenthal zur aktuellen Palästina-Politik Auf der Rückkehr von der Züricher Tagung des Zionistischen Aktions-Comites, an der er als Delegierter der deutschen Zionismen teilgenommen hatte, berührte Dr. Hans Friedenthal München und sprach hier in einer Mitglieder-Versammlung der Zionistischen Ortsgruppe. Der Redner entrollte zu Beginn ein umfassendes Bild von ,der Entwicklung der Ereignisse in Palästina und den damit zusammenhängenden politischen Fragen. In überzeugender Weise charakterisierte er die schwankende Haltung der englischen Mandats-Regierung, die zum großen Teil an der Entwicklung verantwortlich zu machen ist, und analysierte die Kräfte im arabischen Lager. Mit aller Deutlichkeit aber wies Dr. Friedenthal darauf hin* daß der entscheidende Faktor für eine Änderung der gegenwärtigen Situation weder bei den Engländern noch bei den Arabern liege, sondern beim jüdischen Volk. Die von den ver- Kein Gemeindemitglied ohne die blaue Karte für Hilfe und Aufbau