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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1936-09-15 · 18 (15.9.1936) · p. Seite 385

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
12 (1936)
Issue
18 (15.9.1936)
Date
1936-09-15
Page
Seite 385 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 18 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 385 unser Zuspitzen aller Kleinigkeiten zu Weltanschauungen, unser ewiges Streiten tum Nichtigkeiten, während wir alle von derselben Gefahr 'bedroht sind. Unsere Väter lebten in noch größerer Not als wir, aber sie waren im sich gefestigt, sie wußten, warn im sie litten, sie waren einig im Ideale der Zukunft, sie leibten ihr schlichtes Leben, ohne zu klügeln, Jude-sein und Mensch-sein waren für sie elementare Begriffe, und sie gingen den Weg der Geschichte, den Weg der Vorsehung. Wir Mügeln zuviel, wir philosophieren zuviel über den Sinn des Judentums, und — kommen doch zu keinem Resultat. Uns fehlt der Mut des Leidens, der Stolz der Armut, Eigenschaften, die unseren Vorfahren natürlich waren. Wir steigern .manche Episoidien zu Katastrophen, und das ist ungesund'. Gewiß bedeutet die Existenz jedes Juden, wie der Talmud sich ausdrückt, häufig die Erhaltung einer ganzen Welt, und unsere heilige Pflicht ist es, zu helfen und zu retten, wo und wie wir können. Aber es sind im Laufe der Geschichte Millionen tragischer Judenschicksale vorübergegangen, und das Judentum ist geblieben. Das Judentum äst ein Ewigkeitselement, für das wir leiben und leiden. Wir sind nur stark, solange wir daran glauben. Wir wollen den alten erprobten und doch ewig neuen jüdischen Weg gehen. Wenn mani einen neuen Weg gehen will, muß man nicht nur die Schwierigkeit des Weges prüfen, sondern auch sich selbst, seine Stärke. Wie bei jeder Operation, so spielt auch bei jeder geschichtlichen Krise die Stärke des Herzens, die Kraft des Duldens eine 'große Rolle. Das Herz der Judenheit ist die tiefe Religiosität, die schlichte Frömmigkeit, aus der alles Hoffen und alles Oberwinden kommt, „Schilton-has e c h e 1 w e t o r a t h - h a -1 e v" (Herrschaft des Verstandes unter Leitung des Herzens). Der Jude muß wieder geschichtlich denken lernen, weil in seiner Geschichte der Schlüssel seines Daseins ruht. Er muß aus dem Schicksal der Vergangenheit die Zuversicht .für die Zukunft schöpfen. Nur der religiöse Idealismus hat die Judlen durch alle Drangsale der Zeit erhalten, nur er wird auch uns erhalt e n. Rosch-Haschana bedeutet Le b e n s e r n e u e r u m g, sittliche N e U'g e b u r t. Neues Leben heißt: aus dem alten Kräften Neues gestalten, — neu in der Form, alt im Geiste. Sittliche Neugeburt heißt: eine neue Auflage eines bewährten Buches schaffen, mit Ausmerzung des Falschen, mit Hinzufügung von Neuheiten, die Erlebnisse und Erkenntnisse gezeitigt haben. Die Natur ist die alte, und1 sie erneuert sich doch mit jedem Tage. Und auch der Mensch soll sich ewig erneuern', fortschreiten, Verfehltes ausschalten, Gesundes, Frisches in sich' aufnehmen. Das geistig-sittliche Leben hat andere Gesetze als die Natur, aber es ist Natur in anderer Form: eine höhere Wertung der Erscheinungen, ein Hineintragen vom Sinn und Zweck ins Leben. Die wahre Sittlichkeit im jüdischen Geiste will nicht das Leben verscheuchen, sondern vertiefen, veredeln. Ein Weiterbauen des jüdischen Ethos will nicht das alte Gebäude zerstören, sondern stützen, schmücken und für die Gegenwart wohnlich machen. Daß alle Menschen einen Bund bilden, um dem Göttlichen durch wahre Menschlichkeit zu dienen, ist der tiefste Ausdruck unseres Neujahrsfestes'. Haf das Judentum in Deutschland eine wirkliche Umkehr vollzogen? Von Studienrat a. D. Dr. Willy C o h n, Breslau. In den ehrfurchtgebietenden Tagen, .am Neujahrsfest und am Jörn Kippur, sind wir gewöhnt, ein jeder für sich, uns die Frage vorzulegen, ob wir in dem vergangenen Jahr vor uns bestanden haben oder ob wir an das neue Jahr .mit Willen herantreten müssen, unser Leben gänzlich anders aufzubauen. Diese Frage, die wir uns als einzelne pflichtmäßig stellen müssen, sie wollen wir für das Judentum1 in Deutschland aufwerfen und zu beantworten sucheni. — Als 'die aufwühlenden Ereignisse des Jahres 1933 über das Judentum in Deutsohlainid kamen, hatten manche von uns die Hoffnung, daß, abgesehen von allen irate- Jom-Kippur Photo Abraham Aus einem italien. Machsor (Firenze 1734) riellen Umschichtungen und dergl. die jüdischen Menschen erkennen würden, daß der Weg, den sie bisher gegangen waren, daß der Weg ihrer Lebensgestaltung ein falscher war, daß sie nun versuchen würden, zu einem wirklichen intensiven Judentum zurückzukehren. Drei Jahre bemühen sich die jüdischen Zeitungen in oft gewiß bahnbrechender und neuartiger Weise, diesen Kampf um die jüdischen Seelen zu 'führen. Seit drei Jahren ziehen jüdische Redner durch die deutschen Lande, versuchen jede kleine und Kleinstgemeinde zu erfassen, sagen den Juden* aller Orte und zu jeder Stunde immer wieder: „Laßt das, was Euch früher wichtig erschienen ist, werdet wirklich aufrechte in Eurem Glauben und Eurem Volkstum verankerte Menschen!" Wir wollen in diesen Tagen rückhaltlos die Frage zu beantworten versuchen, ob der Erfolg dem Einsatz der Energien entsprach, ob das Judentum Teschuwah r= Umkehr vollzogen hat. Nein, die Fra.ge ist mit aller Entschiedenheit z u v e r n ein e n. Wohl sind unsere Vortragssäle manchmal voll, ©anz besonders, wenn ein Redner erscheint, dessen Name bekannit ist. Wohl wenden unsere jüdischen Zeitungen abonniert, wahrscheinlich werden sie sogar gelesen. Aber, es ist nur ein gewisser Kreis, den wir erfassen. Es fällt auf, daß in den Großgemeinden zu den Vorträgen und Veranstaltungen immer wieder die gleiche Schicht erscheint. Es spielt uns dieses das trügerische Bild vor, daß alle an unserem Leben Anteil nehmen. Aber was will es sagen, wenn in einer Gemeinde, die etwa 10000 oder 17 000 Seelen umfaßt, ein Saal mit 300

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