Mannheim
Compact Memory

Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1936-09-15 · 18 (15.9.1936) · p. Seite 384

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
12 (1936)
Issue
18 (15.9.1936)
Date
1936-09-15
Page
Seite 384 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2727810-2728050-2728068--10802-2744181
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

384 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 18 RoSch-HaSChOIlO Photo Abraham Aus einem Italien. Machsor (Firenze 1734) Wäre nicht auf den unseligen Krieg die noch unseligere Iniflationszeit mit ihrer furchtbaren Verwirrung, mit ihrer Materialisierung allen Lebens gefolgt, wir hätten vielleicht auf dem Wege langsamer Entwicklung eine gesunde Lösung gefunden. War hätten uns sozial und geistig geändert. Wir wären zum Handwerk und zum Ackerbau als Lebensfundament zurückgekehrt. Wir hätten unser richtiges Gebiet erkannt, und es hätten sich wieder Ansätze aur.unsereim Urfeld, auf dem ethisch-religiösen Gebiet gezeigt. Nun aber waren die zarten Keime durch den Reif der brutalen Tatsachen schnell getötet nackte Existenzfragen und Geltungsbedürfnis verdrängten «Hie höchsten Probleme d'es Innen- und Zukunftlebens. Mit der Entwertung des Geldes 'ging oft eine Entwertung aller Ideale Hand in Hand'. Und als die Inflation aufhörte, mußten wir äußerlich und innerlich von neuem anfangen. Das alte Leiben war beinahe vergessen und es war wie im Materiellen, auch im IdleaJ-en: die Menschen hatten verlernt, die Werte richtig einzuschätzen. Man sah nicht ein, daß die inneren und äußeren Verheerungen des Krieges nur durch einen gründlichen Lebenswandel, nicht aber durch Täuschungen überwunden/ werden können. Echte Leistungen und treue Hingabe an das Wohl der Gesamtheit, in unseren Reihen wahrlich nicht selten, kamen dem Judentum nicht zugute. Dem Judentum, seiner religiösen und profanen alten Kultur, war man — auch bei sonstigen liebenswerten menschlichen Eigenschaften — entfremdet. Die Kluft zwischen den Generationen wurde tiefer, die Differenz zwischen den Richtungen stärker. Zu einem neuen jüdischen Leben konnten wir nicht gelangen, weil die Grundlage fehlte. Wonach sehnten wir uns? Nach Wahrheit und Klarheit, aber die lagen fern, überall Verwirrung, Kampf, Hingabe an die Außenwelt.' So fand uns die Umwälzung. Viele ahnten, daß das Hervorheben der Gegensätze zum Judentum in Winklichlkieit der Gegensatz zum Alten war, der nur hier am sichtbarsten war. Viele glaubten, es sei Episode, etwas Vorübergehendes. Sie erkannten nicht, daß die Judenfrage etwas Ewiges ist, (das weder formalrechtlich durch Schablonen noch durch humane Sentenzen gelöst werden kann. Sie hatten zu lange geträumt, und sie erwachten nicht zur Erkenntnis, sondern zur Verzweiflung. Ein ewiges Bangen, ein Fürchten vor den Erscheinungen, die tief ins Leben griffen, ließen bei den meisten nichts Tiefes aufkommen. Wie soll man den Weg zur Zukunft finden, wenn schon die ersten Schritte auf so große Hindernisse stoßen? Und doch ging in vielen von uns etwas Großes auf. Das jüdische Schicksal, die jüdische Geschichte erwachte und offenbarte sich «mis in ihrer tragischen Größe. Wir fingen an, zu begreifen, daß es um Großes, um das Ganze geht, daß gegenüber diesem Gewaltigen alles Kleinliche schwindet. Wir sahen, daß es eine große Judenfrage gibt, — für die ganze Judenheit, vielleicht für die ganze Menschheit, und daß man mit kleinen Mitteln ihr tnicht beikarnmt. Zionismus und Assimilation, Konservatismus und Liberalismus, — was bedeuten sie gegenüber dem Ganzen! Alle Probleme verstummen, wo es sich um Sein oder Nichtsein von Judenheit und Judentum handelt. Wir sind erwacht! Wozu? Zum konsequenten Denken? Nein. Zum (konsequenten Handeln? Noch weniger. Wohl aber zum Schauen, zum Beobachten, zur Selbstprüfung. Richtiges Handeln, das 'hängt nicht von uns ab, 'auch gedankliche Lösungen hängen von Faktoren ab, die wir nicht meistern können. Aber das richtige Sehen, ohne rosige und! ohne schwarze Brille, das haben wir gelernt, und das ist der Anfang allen Fortschrittes. Und wir schauen heute nicht nur um uns, sondern auch in uns, wir sehen, wo unsere Stärke und wo unsere Schwäche ruht. Unsere Stärke ist nicht die große wirtschaftliche Bedeutung, — die ist geschwunden. Auch nicht mehr das ruhige Schaffen auf allen Gebieten des Wissens, — es ist heute unmöglich geworden. Unsere eigentliche Stärke ist das Jüdische in uns, die Erkenntnis der wahren Quelle unseres Schaffens, die Einsicht, daß wir Juden, treue, feste, gläubige, hoffende Juden sein müssen, wenn wir nicht untergehen wollen. Die Verinnerlichiung, die Rückkehr zum Seelischen war ort im Laufe der Geschichte ein Produkt bitterer Not. Unsere Geistesgeschichte zeigt ams eine Drehbühne, ein ewiges Aufblühen von irgend einer Seite, — das war unsere Rettung. Nach der Zerstörung des Staates entfaltete sich der Talmudisrnus, später sehen wir in Arabien ein Aufblühen der jüdischen Religionsphilosophie, in Spanien eine neue hebräische Poesie, in Palästina und Italien die Entstehung der Kabbala, noch später im europäischen Osten den Chassidismus und die Haskala. Mögen diese Blüten vorübergehend gewesen sein, sie waren doch neue Wege, die weiter führten, und sie haben neben dem Vergänglichen auch Dauerndes geschaffen. Auch wir müssen wieder schöpferisch werden, — das waren wir seit mehr als einem halben Jahrhundert nicht mehr. Wir habenunsere Kräfte auf vielen Gebieten selbstlos hingegeben, gingen verschwenderisch mit dem geistigen Gut um. Wir müssen die noch gebliebenen schwachen Kräfte für uns selbst verwerten, für unser jüdisches Leben. Das bedeutet nicht Abwendung von der Kultur, sondern richtige Anwendung. Wir müssen unsere Geisteswelt ausbauen und für alle fruchtbar machen. Nicht das Morsche wegräumen — das besorgt das Leben besser als wir —, sondern bauen, gestalten, für uns und das Volk, für Gegenwart und Zukunft. Wir sind ein Häuflein unter den Juden der Welt. Aber wir haben im Mittelalter und-auch später rabbinische Größen von Weltruhm aufzuweisen und wir haben im vorigen Jahrhundert eine neue jüdische Wissenschaft aufgebaut. Wir müssen mehr Leben ins Jüdische, mehr Jüdisches ins Leben hineintragen. Keine neue Religionsformen, um die sich ja doch nur die Theologen kümmern, sondern eine Reform des Lebens, wie es Leopold Zunz wollte. Und unsere Schwäche? Es ist der übertriebene Individualismus, unsere Uneinigkeit auch in Zeiten schwerster Not,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.