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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1936-09-01 · 17 (1.9.1936) · p. Seite 366

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
12 (1936)
Issue
17 (1.9.1936)
Date
1936-09-01
Page
Seite 366 (sequence 4)
Language
German
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366 Bayerische Israelitische öemeindezeihm£ Mr. 17 Perserherrschaft über Ägypten (525—332 v. Chr.). Diese Juden hatte ihre eigenen Tempel und standen nur in losem Zusammenhang mit den Juden Palästinas. Sie scheinen später in Elephantine verfolgt und von dort vertrieben zu sein und dann im unzugänglichen Abessinien eine Zufluchtsstätte gefunden zu haben. Teile der Agau-Stämme, unter denen sie sich ansiedelten und in die sie aufgingen, wären also von ihnen zu einem primitiven Judentum bekehrt worden. Der Name Falaschä bedeutet „Auswanderer, Fremdlinge"; er scheint ursprünglich auf die jüdischen Flüchtlinge und dann erst auf die von ihnen bekehrten Stämme angewandt zu sein. Die Sprache der Falaschä ist ein Agau-Dialekt, aber ihre Heilige Schrift haben sie in der heiligen Sprache der christlichen Abessinier. Früher hatten die Falaschaä noch eingene Fürstentümer; jetzt sind sie in kleinen Siedlungen über das Land zerstreut. Ihre Zahl wird auf 50 000 bis 100 000 geschätzt. Das Christentum wurde im 4. Jahrhundert die Staatsreligion des herrschenden Volkes und ist es bis heute geblieben. Allem Ansturm der Mohammedaner seit dem 7. Jahrhundert hat es standgehalten. Dennoch hat der Islam dort zu Lande große Fortschritte gemacht; was er mit kriegerischen Mitteln nicht erreichen konnte, hat er teilweise in friedlicher Durchdringung erreicht. Gelegentlich finden Übertritte zum Islam auch aus wirtschaftlichen Gründen statt. So wurden z. B. in der jetzigen Colonia Eritrea Stämme aus dem Kulturlande in die Steppe abgedrängt. Dort brauchten sie das Kamel und mußten auch Kamelfleisch essen, was den abessinischen Christen verboten ist; so blieb ihnen nichts übrig, als Mohammedaner zu werden. Aber bei diesen jetzt islamischen Stämmen finden sich noch manche christliche Namen, wie „Gabe Jesu", „Pflanze Jesu". 2. Die Volksliteratur Ein besonderer Wind weht in die Volksliteratur. Da die heutigen Abessinier einen reichen Schatz an Sprichwörtern, Rätseln, Märchen, Fabeln und Liedern aller Art besitzen — die durch die Bemühungen von europäischen Gelehrten und Missionaren aufgezeichnet wurden —, so wird es früher nicht anders gewesen sein, als die Literaten des Landes diesen Dingen keine Aufmerksamkeit schenkten. Aus älterer Zeit sind nur noch einige Sprichwörter in der Ge'ez-Sprache und die altamharischen Kaiserlieder erhalten. Dazu kommt eine Sammlung von Hochzeitsliederh in der Harari-Sprache, die zwar mit dem Amharischen verwandt ist, aber seit Jahrhunderten ihren eigenen Weg gegangen ist, da die Einwohner von Harar Muslime geworden waren; diese Lieder sind etwa um 1700 mit arabischen Buchstaben aufgezeichnet worden. Ob nun ein Sprichwort, eine Erzählung oder ein Lied aus dem Süden oder dem Norden des Landes stammt, überall zeigt sich derselbe frohe Sinn, dieselbe humorvolle und öfter satirische Beobachtung des Lebens in der Natur oder in der menschlichen Gesellschaft, vor allem aber dieselbe Kampfeslust, Freude an blutigen Schlachten und Bewunderung kriegerischer Tugenden, stolze Freiheitsliebe und brennende Sucht nach Rache für erlittenes Unrecht. In den Liebesliedern und Klageliedern offenbart sich manchmal echtes und teilweise sogar zartes Gefühl. Ein Sprichwort lautet z. B.: „Ein Schaf, das fortgerannt — Ein Mensch, in Wut entbrannt." Hier wird ein Schaf, das in seiner kopflosen Angst nicht mehr aufzuhalten ist, mit einem jähzornigen Menschen verglichen. Ein anderes besagt: „Zum Klugen viel zu reden biaucht man nicht. Dem Löwen das Fleisch zu hacken braucht man nicht." Dem entspricht unser „Eulen nach Athen tragen" und das englische „carry coals to Newcastle". Praktische Lebensweisheit spricht sich in der folgenden Mahnung aus: „Uber Krieg berate dich nicht mit dem Furchtsamen, über Almosen nicht mit dem Geizigen, über Arbeit nicht dem Faulen, über Keuschheit nicht mit dem Ehebrecher!" Unter den Erzählungen sind besonders die Tierfabeln beliebt. Der Schakal vertritt dort die Rolle unseres schlauen Fuchses. Und wenn die Leute hören, wie schlau der Schakal die anderen Tiere betrügt, so sind sie innerlich froh, daß sie selber nicht so dumm sind wie die betrogenen Tiere. Die Geschichte von den Trauben, die zu sauer sind, ist hier aber etwas anders gewendet als bei uns: „Einmal ging ein Hund bei Nacht aus dem Hause seines Herrn; da traf er eine Hyäne. Die wollte ihn fangen und bewirkte, daß er weglief. Als der Hund in die Tür seines Herrn hineinkroch, packte die Hyäne seinen Schwanz, biß ihn ab und behielt ihn im Maule. Nachdem der Hund nun hineingekommen war, drehte er sich um und stellte sich ihr gegenüber. Die Hyäne rief ihm zu: „Komm doch heraus und hole deinen Schwanz!" Der Hund antwortete: „Er gefiel mir doch gar nicht; er diente zu nichts, und ich will gar nicht, daß er immer so steil hinter mir steht;.nimm ihn nur mit!" — So erzählt man. Im niederdeutschen Sprichwort heißt es: „Mi is he all to lang waren, sed de Wulf; da harrn se em den Steert afschaten." 3. Immanuel Kant und Abessinien Der Königsberger Philosoph schrieb in seinem 1802 erschienenen Buche „Physische Geographie" über Abessinien: In den niedrigen Gegenden des Landes und an den Küsten des rothen Meers bey Suaken, ist die Hitze ganz unerhört heftig, in den anderen gebirgigten Gegenden aber so mäßig, wie in Italien oder Griechenland. Man sieht hier auf den Bergen entweder niehmals, oder selten Schnee. Der Regen, der hier in den Monaten Juny, July und August, wie aus Kannen herabstürzet, ist mit schrecklichem Donnerwetter verbunden, und giebt dem Nil seinen Zuwachs. Das Land ist so gebirgigt und rauh wie die Schweitz. Es giebt hier allerley seltsame Figuren und Gestalten von Bergen. Dieses Land hat ohne Zweifel edle Metalle, aber die Einwohner suchen sie nicht, damit der Türken Geitz dadurch nicht angereitzt werde. Albuquerque, der aus Portugal an den König von Abessinien geschickt war, gab den Rath, um der Türken Macht zu schwächen, den Nil anderwärts hinzuleilen, oder wenigstens sein Wasser durch viele seitwärts geleitete Bäche, so zu vermindern, daß die Überschwemmung in Ägypten nicht die zur Fruchtbarkeit nötige Höhe erreichen möchte. Denn, sobald der Nil Abyssinien verlassen hat, nimmt er weiter keinen Strom mehr in sich auf, und es sind viele Ströme in Äthiopien, die das Meer nicht erreichen, so wie in der großen Tatarey, ingleichen in Persien, in dem sie in verschiedenen Ästen sich im Lande verlieren. Unter den Gewächsen des Landes, darunter es die meisten europäischen giebt, merken wir nur das Kraut Asazan, welches, wenn es die Schlange'berührt, sie dumm macht, und wer nur die Wurzel desselben gegessen hat, bleibt vor ihrem Biß den Tag über gesichert. Die äthiopischen Ochsen übertreffen die unsrigen über die Hälfte an Größe. Die Pferde sind hier mutig und schön. Schafe, deren Schwanz wohl zehn bis vierzig Pfund wiegt, sind gemein. Das Zebra, das hier Zekora heißt, der Kamelopard oder die Giraffe, die von Ludolph so hoch beschrieben wird, daß ein Mensch von gemeiner Größe ihr nur bis an die Knie reicht, und jemand, der zu Pferde ist, unter ihrem Bauche durchreiten kann. Das Land hat unzählig viele Affen, davon die Benennung mag hergekommen seyn: Schlauer Affenland; da kann die Fabel des Herodot, daß daselbst der Tisch der Sonne alle Morgen auf freyem Felde mit gebratenem Wildprete besetzt, anzutreffen wäre, von welchem das Volk glaube, es komme von selbst hinauf, Anlaß gegeben haben, ein Land von erdichteter Bequemlichkeit und Schönheit, Schlaraffenland zu nennen. Unter den Vögeln merke ich nur den Pipi, der diesen Nahmen von seinem Geschreye hat, welches er, sobald er einen Menschen merkt, und ein wildes Tier, oder eine Schlange zugleich gewahr wird, von sich giebt, indem er den Menschen gerade an den Ort führt, wo er sich selbst befindet. Sie haben keine zahmen Gänse. Was die Araber von ihrem Vogel Ruch oder Rock für Fabeln erzählen, und einige Reisende bestätigen, das gehört unter die Merkwürdigkeiten des Schlaraffenlandes. Die Heuschrecken sind hier groß, schädlich, aber gesund, und angenehm zu essen. Ludolph behauptet, daß Johannes, der Täufer, ingleichen die Kinder Israel in der Wüste dergleichen gegessen. Kein Gemeindemitglied ohne die blaue Karte für Hilfe und Aufbau

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