Mannheim
Compact Memory

Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1936-09-01 · 17 (1.9.1936) · p. Seite 365

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
12 (1936)
Issue
17 (1.9.1936)
Date
1936-09-01
Page
Seite 365 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2727810-2728050-2728067--10782-2744160
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 17 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 365 Einzelüberzeugungen bekehren zu wollen. Gerade Lask und Herrigel sind es, die von einer logischen Gesamttheorie aus, auch auf die benachbarten Gebiete der Religionsgeltungen stoßen und es bleibt abzuwarten, ob Rickert selbst nicht vielleicht in den letzten Jahren sein System der Philosophie ausdrücklich bis zu diesen Grenzfragen erweitert hatte. Aber auch wenn das nicht der Fall sein sollte, so hat die Rickertsche Lehre doch gerade für unsere Lage besonders wichtige Ergebnisse gezeitigt. Sie hat gezeigt, daß es ein wissenschaftlicher Fehler ist, zu glauben, wissenschaftliches Denken fordere den Glauben an die Alleinherrschaft des Verstandes. Er selbst hat, wie sein System der Philosophie zeigt, den Religionswert für den höchsten Wert angesehen und hat so den Weg gezeigt, wie man bei allem religiösen Glauben auch der Wissenschaft ihren Platz im System der Werte anweisen kann. So ist Rickerts Wertlehre in besonderem Maße geeignet, die Zwiespältigkeiten zu überwinden, in denen sich gerade die Juden in Deutschland großenteils gegenwärtig befinden. Weit darüber hinaus wird sie für alle Zeiten aber eine Möglichkeit der Lösung der Grenzkonflikte der verschiedenen Kulturgebiete, insbesondere zwischen Religion und Wissenschaft geben. Dr. phi.l. Benno Silberschmidt, Amtsgerichtsrat a.D. Schicksal in Zahlen Von Reinhold Herz (Berlin) Die Gemeinde Speyer, die als eine der ältesten jüdischen Gemeinden in Deutschland 1934 achthundertundfünfzig Jahre bestand, begeht demnächst die 1 0 0 - Jahr-Feier ihrer neuen Synagoge und der jüdischen Schule. Wir haben aus Anlaß des 850jährig.en Bestehens die wechselvolle Geschichte dieser alten Gemeinde ausführlich dargestellt. Aus Anlaß der 100-Jahr-Feier bringen wir heute einen kurzen soziologischen Abriß ihrer gegenwärtigen Gestalt, der über Speyer hinaus für die Situation und Entwicklung der kleineren jüdischen Gemeinde in Deutschland nur allzu typisch sein dürfte. Die Speyerer Gemeinde, die im Jahre 1836 mit einer Seelenzahl von 250 Menschen sich wieder eine eigene Synagoge und eine jüdische Schule errichtete, hat in ihrer neueren Geschichte die größte Seelenzahl im Jahre 1900 mit 520 Menschen erreicht. Seitdem ist die jüdische Bevölkerung bis 1925 auf 350, bis 1933 auf 270 und bis 1936 auf rund 190 Menschen gesunken. Der Bevölkerungsverlust von 1900 bis 1933 ist in erster Linie durch Binnenwanderung in Großstädte entstanden. Der Bevölkerungsverlust von 1933 bis 1936 rekrutiert sich aus: 1 Austritt, 11 Todesfälle, 36 Personen sind innerhalb Deutschlands abgewandert und zwar hauptsächlich in die beiden Großstädte Mannheim und* Frankfurt a. M. 48 Personen sind ausgewandert, wobei, wie in sehr vielen süddeutschen Gemeinden, die weitaus überwiegende Zahl auf die Vereinigten Staaten von Nordamerika entfällt und die Zuwanderung zu Verwandten charakteristisch ist. Dem Bev.ölkerungsverlust von 96 Personen 'steht eine Zunahme durch 3 Geburten und 9 Zuzüge gegenüber. — Die wirtschaftliche Entwicklung wird charakterisiert durch 10 Fälle von Geschäftsübergabe (Verkauf oder Vermietung) und durch die Senkung des Gemeindeetats von 15 000 auf 10 000 Mk. Auch dieser Etat kann bereits nur noch durch freiwillige Selbstbesteuerung einiger weniger Gemeindemitglieder aufrecht erhalten werden. Nach dem heutigen Stand zeigt die Altersgliederung der Gemeinde mit 50 Prozent der Bevölkerung zwischen 40—60 Jahren und 20 Prozent über 60 Jahren eine überdurchschnittliche Überalterung. In der beruflichen Struktur überwog bisher der Einzelhandel vorherrschend in der Textilbranche. Dieses berufliche Gepräge löst sich auf und der Zwischenhandel wird bestimmend. Die soziale Stuktur zeigt trotz der Uberalterung nur noch etwa 50 im Erwerbsleben stehende Personen. Die Form der Selbständigkeit überwiegt noch. Das kulturelle Leben verliert durch die Abwanderung der tragenden Menschen dauernd an Selbständigkeit. Es wird hauptsächlich durch überörtliche Quellen gespeist: Jüd. Zeitung und Buch, auswärtige Redner und Teilnahme am kulturellen Leben der benachbarten Großgemeinde Mannheim. Das gesellschaftliche Leben ist durch das Fehlen eines gemeindlichen Zusammenkunftsraumes völlig gehemmt, seitdem vor einigen Monaten die jüd. Schule in dem einzigen Gemeinderaum untergebracht werden mußte. — So bleibt der Gottesdienst in der Synagoge als alleinige Form eines regelmäßigen Gemeinschaftslebens. Für die Zukunft sind in der Bevölkerungsbewegung bereits einige klare Entwicklungstendenzen festzustellen. Etwa 20 weitere Personen d. h. etwa 10 Prozent der Gemeinde bereiten noch ihre Auswanderung vor. Nach diesem erneuten Wanderungsverlust besonders von jüngeren Menschen und jungen Ehepaaren wird die jüdische Schue, die jetzt noch 17 Kinder umfaßt, durch den Mangel an Jugendlichen selbst bei Einbeziehung der umliegenden Landgemeinden nur noch wenige Jahre bestehen können. — Die Seelenzahl der Gemeinde scheint sich unter Berücksichtigung der durch die Uberalterung entstehenden Immobilität und eines der Altersgliederung entsprechenden Sterbeverlustes für eine Reihe von Jahren auf etwa 130—150 Menschen neu zu stabilisieren. über die Religionen und die Volksliterafur in Abessinien Immanuel Kant und Abessinien Die ersten beiden Abschnitte sind dem Buch von Prof. Dr. Enno Littmann „Abessinien" (Hamburg 1936) entnommen. Prof. Littmann, der beste Kenner des Landes und der alten äthiopischen Sprache, hat Abessinien vor Jahren bereist und die Ergebnisse der damaligen Deutschen Aksum-Expedition (Bd. I—IV; Berlin 1913) ausführlich dargestellt. Neuerdings hat er das anschaulichste und zuverlässigste' Bild von dem Land, seinem Volk und seiner Geschichte gegeben. 1. Die Religionen Die Religionen dieser verschiedenen Völker sind auch sehr verschieden; es gibt Christen, Mohammedaner, Juden und Heiden. Das Heidentum war die Religion der Ureinwohner und der ältesten Einwanderer; es hat sich bei den Negerstämmen und bei einem Teil der Gall gehalten. Von einem italienischen Offizier wurde mir vor 20 Jahren das folgende Erlebnis erzählt. Ein Italiener reiste zu den Kunama, einem Negerstamme, der den Baja benachbart ist, und wollte unter anderem auch etwas über deren Religion erfahren. Die Leute könnten ihm keine Auskunft geben; dann fragte er sie nacheinander, ob sie Christen, Mohammedaner, Juden seien, und jedesmal wurde die Frage verneint. Schließlich sagten die Kunama: „Wir sind wie ihr Italiener; wir haben überhaupt keine Religion." Inzwischen werden die Leute durch die italienischen Missionare eines anderen belehrt worden sein. Das Judentum ist uralt in Abessinien; seine Bekenner werden dort Falaschä genannt. Sie sind aber der Rasse nach keine Juden, sondern „Hamiten", die wahrscheinlich schon in vorchristlicher Zeit von jüdischen „Missionaren" für das Judentum gewonnen wurden. Diese Missionare scheinen Flüchtlinge aus Oberägypten gewesen zu sein. Dort, in Elephantine, befand sich eine jüdische Militärkolonie zur Zeit der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.