Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 17 (1.9.1936)
- Date
- 1936-09-01
- Page
- Seite 364 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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364 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 17 Grundanschauung beigetragen haben, indem man versuchte, alles Denken in wissenschaftliches oder logisches Denken umzudeuten und indem man dieses wissenschaftliche Denken für wertfrei, jedes wertbezogene Denken aber für unwissenschaftlich hielt, hat Rickert gesehen, daß auch das wissenschaftliche Denken einen Wert bejaht, nämlich den der Wahrheit Damit war die Möglichkeit gegeben, auch andere Wertgebiete des Lebens, ohne sie in Wissenschaft umdeuten zu müssen, als selbständige Kulturfaktoren anzuerkennen. Von dieser Wertlehre aus hat Rickert seine geschichtslogischen Untersuchungen angestellt und zwar in einer Zeit, als Karl Lamprecht durch Einführung naturwissenschaftlicher Methoden die Geschichtsbetrachtung zur vermeintlich richtigen Wissenschaftlichkeit erheben wollte. In jener Zeit gab es nur ganz wenige, die sich eine Theorie der Wissenschaften anders denken konnten als unter der alleinigen Herrschaft des monistischen Verstandes. Rickerts geschichtslogische Untersuchungen führten zu seinem bekanntesten, aber auch gerade durch die Verkennung der logischen Grundlagen am meisten mißverstandenen Werk „Die Grenzen der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung". In diesem Werk beschäftigt er sich mit der logischen Eigenart der historischen und der naturwissenschaftlichen Forschungsmethode und mit ihrem Unterschied, den er In erster Linie auch darin sah, daß letztere allein sich nur nach dem Wahrheitswert richte, während erstere sich zwar ebenso nach dem Wahrheitswert richte, aber notwendig auch mit anderen Werten in Verbindung stehe. Vom gleichen Standpunkt aus behandelte er im „Gegenstand der Erkenntnis" die Theorie des Erkennens und im „System der Philosophie I" die Fragen einer Philosophie aller Kulturgebiete, also die Behandlung sämtlicher Wertgebiete unter dem Gesichtspunkt des Wahrheitswerts. Dabei hat er für die Philosophie die Forderung eines offenen Systems aufgestellt, also eines Systems, bei dem nicht wie beim Hegeischen gleich bei seiner Fertigstellung gewissermaßen alle Plätze besetzt sind, sondern eines solchen, das als Grundpfeiler nur einige festgefügte „Wegweiser" hat, so daß auch späterhin für neuartige Erkenntnisse Platz bleibt. Es ist natürlich hier nicht der Ort, auch nur auf die wichtigsten Ergebnisse und Anregungen einzugehen, die ein Universalgeist wie Rickert der Wissenschaft im allgemeinen und insbesondere seinen Fachgebieten gegeben hat. Für unsere gegenwärtige Lage ist gerade die Werttheorie von besonderer Wichtigkeit und deshalb soll es bei ihrer Erwähnung sein Bewenden haben. Während zu Beginn der Rickertschen Arbeiten, wie erwähnt, die wissenschaftliche Methode einem unbeschränkten Intellektualismus huldigte, wurde dieses nach einigen Jahrzehnten anders. Mit dem Schwinden des Glaubens an die Absolutheit des Verstandes verlor man beim Mangel auch jeder religiösen Überzeugung den Glauben an alles Absolute und stürzte sich einem hemmungslosen Irrationalismus odej Relativismus in die Arme. Eine oberflächlich betriebene Biologie unterstützte noch dieses Bestreben und man predigte nun das Gesetz des Auslebens der Persönlichkeit. Da paßte nun scheinbar ausgezeichnet auch die Werttheorie herein, die ja die Selbständigkeit aller Wertgebiete gezeigt habe. Man konnte nun jeder Persönlichkeit ein eigenes Wertgebiet zuordnen, indem sie nur ihren eigenen Gesetzen unterworfen leben konnte, ohne daß sie von einem anderen Menschen, der sein eigenes Wertgebiet habe, auch nur verstanden werden könnte. Und wo man auch nicht so weit ging, da erhob man mit Hilfe der materialistischen Geschichtsauffassung oder ähnlicher Lehren irgendeinen irdischen Tatsachenkreis zum höchsten Wertgebiet. Rickert machte diese neue Mode der Popularphilosophie so wenig mit, wie er die alte mitgemacht hatte. Er hatte den schrankenlosen Intellektualismus nicht bekämpft um sich subjektiver Ungebundenheit „erfreuen" zu können. Für ihn war es selbstverständlich, daß jedes Wertgebiet dem Menschen in Form eines Sollens entgegentritt und Pflichten begründet, ins- . besondere also für den Mann der Wissenschaft das Wertgebiet der Wahrheit. Rickert wies solchen relativistischen Umdeutungen der Werttheorie vor allem auf den schon den alten Griechen bekannten Satz hin, daß jede Lehre, welche das im Reich der empirischen Tatsachen geltende Kausalgesetz zu einem allgemein philosophischen, auch für den Bereich der ideellen Bedeutungsgebilde gültigen Grundsatz erheben will, sich selbst aufhebt; denn wenn die naturgesetzliche Notwendigkeit auch letzte Instanz im Kampf der geistigen Sinngefüge ist, dann ist das scheinbar Richtige genau so. kausalnotwendig und damit genau so berechtigt wie das scheinbar Falsche. Wer also eine solche relativistische Theorie überzeugungsgemäß vertritt, der handelt genau so kausalnotwendig, wie derjenige der sie bekämpft. Irgendeine allgemein gültige Entscheidung in einem solchen Streit wäre nicht möglich, da jeder „Schiedsrichter" auch nur unter dem selbstverständlichen Zwang der in seiner Person zusammenlaufenden Kausalreihen handelte. Rickert sah aber auch, daß tatsächlich jeder, der die Richtigkeit einer Naturgesetzlichkeit als allgemeinster philosophischer Theorie behauptet, ganz unbewußt doch die absolute Gültigkeit der Wahrheit für sich in Anspruch nimmt, da für einen folgerichtigen Relativisten der absolutistische Gegensatz von richtig und falsch, wahr und unwahr, durch den einen Begriff der Naturnotwendigkeit ersetzt sein müßte. Mit dieser Erkenntnis hat aber die Behauptung der Allherrschaft der Naturgesetzlichkeit ihre Richtigkeit und damit auch ihren Schrecken verloren. Es leuchtet ohne weiteres ein, welche ungeheuere Bedeutung alle diese Fragen für die geistigen Probleme des Judentums in Deutschland haben. Nicht nur die Frage, ob ehrliche Wissenschaft und Offenbarungsglaube Todfeinde sind, läßt sich von dieser Ansicht her klar verneinen, sondern auch alle Fragen der Kulturpolitik im allgemeinen und der Pädagogik im besonderen werden damit einer materialistischen und allzu realistischen Auffassung entzogen. Zur Verteidigung der relativen Maßstäbe in der Philosophie wurde in neuerer Zeit gegen Rickert vor allem eingewendet, er sei eben unbewußt Rationalist geblieben und seine Philosophie sei weiter nichts als der typische Ausdruck der in seiner Jugend um ihn herrschend gewesenen Kulturepoche. Solche Einwendungen konnten Rickert nicht treffen. Er ist in dem Sinn völlig bewußt Rationalist gewesen, daß für ihn wissenschaftlich denken und streng sich nach den Gesetzen der Wahrheit richten, dasselbe blieb. Das hat er ausdrücklich in den „Grenzen der naturwiss. Begriffsb." 3. Aufl. 1921, S. 551, Anm. 1 betont. Was aber den anderen Einwand betrifft, so war er viel zu sehr mit dem historischen Denken vertraut, um nicht zu wissen, daß jeder Mensch und auch jeder Philosoph mit seinem Werk zeitbedingt ist. Andererseits wußte er aber auch, daß eine solche rein historische Feststellung über die Leistung des Einzelnen unter der ewigen Idee der Vollkommenheit gar nichts aussagt; denn trotz der Zeitbedingtheit kann jeder an der Verwirklichung einer in ihrem letzten Ziel unerreichbaren Idee mitwirken. So wenig also z. B. große mathematische Entdeckungen in ihrem Wert sachlich dadurch beeinflußt werden, daß man sie historisch als typischen Ausdruck einer intellektualistischen Epoche, oder große künstlerische Leistungen dadurch, daß man sie historisch als typischen Ausdruck einer allzu phantasiebegabten Epoche bezeichnet, ebensowenig werden philosophische Leistungen in ihrem sachlichen Wert dadurch gewürdigt, daß man sie als typischen Ausdruck einer bestimmten Kulturepoche bezeichnet. Selbst wenn also die erwähnte Kritik an Rickert historisch gesehen richtig wäre, so zeigen damit die betreffenden Kritiker nur, daß sie für den sachlichen Gehalt des philosophischen Werks Rickerts kein Interesse oder keinen Blick haben. Heinrich Rickert hat keine eigentliche philosophische „Schule" hinterlassen und auch dies wird ihm vielfach zum Vorwurf gemacht; aber das entsprach nicht seinem Wissenschaftsideal. Er wollte seine Schüler dazu erziehen, die Probleme wissenschaftlicher Philosophie zu sehen; er freute sich aber dann besonders, wie er häufig in persönlichen Gesprächen zum Ausdruck brachte, wenn die Schüler weiterhin selbständige Bahnen gingen, auch wenn sie sich dabei in der Wahl des Weges von dem seinen entfernten. Und so sieht man denn in den Einzeluntersuchungen seiner Schüler der verschiedensten Richtungen, sei es, daß sie sich-wie Glockner und Kroner Hegel zuwendeten oder wie Herrigel und Rickerts im Weltkrieg gefallener Lieblingsschüler Lask — der übrigens wie Kroner einer jüdischen Familie entstammte — die logischen und erkenntnistheoretischen Untersuchungen Rickerts weiter führten, so sehr die Züge der Rickertschen Denkweise, daß man weiß: Rickert hat sein Lehrziel erreicht; er hat seine Schüler zu der Wissenschaft erzogen, die ihm als Ideal vorschwebte, ohne sie zu seinen