Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 17 (1.9.1936)
- Date
- 1936-09-01
- Page
- Seite 363 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2727810-2728050-2728067--10780-2744158- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Ifojyccifrtjc Jfcoditifdjc «Bcmeinficjcihing i!lac$tfc^^ und fleö Ütetfamtitä ifoöetifdjw 3fcoßhtifrf|et(Semdnößn Erscheint am 1. u. 15. jeden Monats.—Verlag: B.Heller, München« Plinganserstr. 64. Fernruf 73 6 65. Postscheck München 39 87, Herausgeber: Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden. Bezugspreis RM. —.60 pro Vierteljahr, RM. 2.40 für das Jahr. Anzeigenpreis: Geschäftsanzeigen nach aufliegendem Tarif. Kleine Anzeigen und Stellenmarkt ermäßigter Sondertarif. XII. Jahrgang München, 1. September 1936 Nummer 17 DB Inhalt: Die Bedeutung der Philosophie Heinrich Rickerts für die geistige Lage der Juden in Deutschland — Schicksal in Zahlen — Uber die Religionen und die Volksliteratur in Abessinien — Jüdisches Schicksal im Spiegel der Literatur — Aus der Gemeinde München — Aus bayerischen Gemeinden — Jüdischer Turn- und Sportverein München e. V. „Jtus" — Bücherschau — Jüdischer Kulturbund in Bayern (Ortsgruppe München) — Personalia —Amtlicher Anzeiger: Bekanntmachungen der Isr. Kultusgemeinde München: Bekanntmachung über Glückwunschablösung 1936 — Bekanntmachung über Vermietung von Synagogenbetstühlen in der Hauptsynagoge — Bekanntmachung über Vermietung von Synagoge'nbetstühlen in der Synagoge Reichenbachstraße. Die Bedeutung der Philosophie Heinrich Rickerts für die geistige Lage der Juden in Deutschland Es ist ein Wagnis, in diesen Blättern einem so „unpopulären" und exklusiven Gelehrten wie den jüngst verstorbenen Heidelberger Philosophen Heinrich Rikkert einem größeren Leserkreis näher zu bringen. Seine Heidelberger und Freiburger Vorlesungen haben viele Juden der letzten Generation in Deutschland gehört, vor allem das eigenartige, nicht in das Fachgebiet Rickerts fallende Kolleg über Goethes Faust (im Jahr 1932 in einem fast 600seitigen Werk als Buch veröffentlicht). Rickert machte den Götzen Leichtverständlichkeit, Zeitgemäßheit und Lebensbezogenheit nicht die geringste Konzession. Im Folgenden schreibt ein Schüler des Dahingeschiedenen, B.enno Silberschmidt, der sich durch seine 1931 erschienene rechtsphilosophische Arbeit „Rechtssatz und Rechtsbegriff" (Internationale Zeitschrift für Theorie des Rechts, Jahrg. 1930/31, S. 123—206) legitimiert hat, über das hohe, jeder Art von Nützlichkeit entfernte Wissenschaftsethos seines Lehrers. Man kann sich im Grunde kein aktuelleres Thema für den jüdischen Kreis vorstellen. Denn nur in der strengen Schule geschärften unablässigen geordneten Denkens können wir uns stark erhalten; für diese „unpraktische" Schulung sind wir von den Vätern her auch besonders disponiert. Es wäre bedenklich, wenn wir diese schon im letzten Jahrhundert zusehends verminderte Fähigkeit unseres Stammes jetzt unter dem Einfluß unseres Schicksals und der . allgemeinen Andersbewertung kritischen logischen Denkens weiter vernachlässigen wollten. (Red.) Durch die Geschehnisse der letzten Jahre hervorgerufen zeigt sich bei einem großen Teil der deutschen Juden das Bestreben, einen inneren Halt zu erkämpfen, der es erlaubt, den äußeren Launen des Schicksals eine innere gefestigte Anschauung entgegenzusetzen. Die jahrzehntelang gerade in weiten Kreisen der so vielen akademisch gebildeten deutschen Juden bewußt oder unbewußt herrschend gewesene Verehrung einer „monistischen" Vernunft, der gegenüber die Religion der Väter ebenso wie alle Göttesreligiorien nur eine überwundene Vorstufe zu sein schien, hat sich als unbefriedigend und trügerisch herausgestellt. Der neue Weg, der einzuschlagen ist, ist für das Judentum ja durch die überlieferte Religion vorgezeichnet, aber durchaus nicht immer leicht für diejenigen, die durch strenge akademische Selbsterziehung gewohnt sind, alle auftauchenden Zweifel durch wissenschaftliche Beweise zu zerstreuen. Gerade im ständigen Konflikt des Geltungsanspruchs wissenschaftlicher Beweise und religiöser Lehren hatte sich jener Vernunftmonismus als scheinbare Lösung aufgedrängt. In der Abkehr von dieser Scheinlösung zeigt sich bei den deutschen Juden im besonderen Maß eine geistige Bewegung, die auch anderwärts in der Welt zu beobachten ist. Da dürfte es denn am Platze sein, eines Mannes zu gedenken, der nicht Jude war, der aber von der Logik und Erkenntnistheorie, also von den rationalsten Wissenschaften aus, als erster gezeigt hat, daß strenges und ehrliches wissenschaftliches Denken durchaus nicht notwendig mit dem Glauben an die Alleinherrschaft des Verstandes verbunden sein muß: Heinrich Rickert. In den letzten Julitagen erst kam die Nachricht, daß er die Augen für immer geschlossen hat. So mag es denn einem seiner Doktoren erlaubt sein kurz auf die Bedeutung der Rickertschen Lehren für unsere heutige geistige Lage hinzuweisen. Heinrich Rickert kam von der strengen Logik her und hat sich niemals von ihr entfernt. Seine Dissertation hatte den Titel: Zur Lehre von der Definition. Diese Grundhaltung Rik- .kerts auf dem Boden von Logik und Erkenntnistheorie muß man sich stets vor Augen halten, wenn man seine Schriften verstehen will, um nicht dem Mißverständnis derer zu verfallen, die eine Zeitlang Rickert für einen modischen Popular- : Philosophen hielten. Diesem Irrtum hat er allerdings selbst 1920 durch seine Kampfschrift gegen „Die Philosophie des Lebens" ein Ende gemacht. Rickert war in der Erkenntnistheorie Kantianer. Damit sind im wesentlichen zwei Hauptmomente seiner Philosophie bezeichnet: Einmal die restlose Ünterordnung des Materiellen unter das. Ideelle und dann die Uberzeugung, daß bei aller Mangelhaftigkeit des tatsächlichen Geschehens der Menschen doch die Ideen der Vollkommenheit gegeben sind,, also ein Hinausgehen über die Herrschaft des nur Tatsächlichen. Während aber vor Rickert gerade diese beiden Punkte der Kantischen Lehre zur Ausbidung einer rein intellektualistischen