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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1936-08-15 · 16 (15.8.1936) · p. Seite 349

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
12 (1936)
Issue
16 (15.8.1936)
Date
1936-08-15
Page
Seite 349 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 16 Bayerisehfe I&ra^itisßhe: Gemeradezeituo^ i halben .müßte.; .Unter, diesen; Umständen; ist : e.skein; Wunder, daß die jüdischen Ehen auch den höchsten Prozentsatz an kinderlosen Ehen enthalten, etwa bei den genannten Jahrgängen 5,76. während der Durchschnittsprozentsatz. bed der GesairntbetvöHkerunig 4,61 ausmacht. Vom religiösen Standpunkt interessiert in diesem Abschnitt ganz besonders, daß 'die Zahl der nichtbesohnittenen Kinder, wenigstens in Amsterdam, wo man hierüber Ermittelungen anstellen konnte, von Jahr zu Jahr wächst »und iim Jahre 1934 fest 10 Prozenit betrug. Wie der Verfasser bemerkt, äst idlies vor allein auf 'die große Anzahl der •Mischehen zurückzuführen), die sogar nur insoweit bei der Frage der BesChneidung berücksichtigt wurden, als die Mutter eine Jüdin war. Im sechsten Abschnitt geht der Verfasser auf die Sterblichkeit ein, in betreff welcher neuere Beobachtungen lediglich für Amsterdam vorliegen. Noch im Jahre 1910 waren in dieser Hinsicht die Verhältnisse bei den Juden ganz ungewöhnlich günstig, aber bereits nach 1920 erfolgte ein Rückschlag und seit 1928 tritt sogar etwas ganz Ungewöhnliches, die meisten jüdischen Statistiker Überraschendes in Erscheinung: die Sterblichkeit unter Juden ist bei gewissen Altersgruppen nicht unerheblich höher als die bei anderen Bevölkerungskreisen. ................. m. . » Damit hätten wir einiges aus der Fülle des Materials mit-' geteilt, das uns. der Verfasser in seinem- Werke vor. Augen, führt. Düster sind die Schlußbetrachtungen, die rächt nur eine Reihe von soziallen und religiösen Probleimen aufwerten, .die für 'die vorgenommenen idemagrarMscheo Untersuchungen vom Bedeutung sind oder von Bedeutung sein könnten, sondern die auch hoch einmal aoi'f. die Stellung und auf die Zuiounft der holländischen Judenheit eingehen. Mit Recht hebt hierbei der Verfasser hervor, daß in bezug auf sie vor allem der Umfang der Geburten 'maßgebend ist, während die Frage der Sterblichkeit eine .geringere Bedeutung besitzt. Und der Geburtenrückgang dauert weiter an, so daß sich die holländische Judenheit dem Zeitpunkt nähern dürfte, wo die Zahl der Todesfälle die der Geburten übersteigt. Aber gerade. dieser Ernst der Situation vermehrt die Bedeutung eines solchen Werkes. Denn durch die Aufzeigung der Entwicklüngslinien und der Tendenzen werden vielleicht auch Wege deutlich gemacht, die Gemeinden und andere verantwortliche Stellen beschreiten können, um den Verhältnissen Rechnung zu tragen und zu versuchen, auf die Entwicklung einzuwirken. Dr. M. David. Leiden. ff Maurice Maeterlinck. Vor dem großen Schweigen (Titel des französischen Originals: Avant le Grand ISilence). Deujts'ch v. 0"pp elui-iB r o nik o w- <ski. Berlin ('S. Fischer Verlag) 1935. 175 Seiten. Preis: RM. 3.—, 'Leinen RM. 4.80. In diesen Tagen wird Maeterlinck 74 Jahre alt. Er 'bat 1911 dien Dichter-Nobelpreis 'bekommen und. war vor 30 Jahren der große Mode-Dichter in Deutschland. Das 1902 .geschriebene Drama „Monna Vanna" wiar das meist gespielte Repertoire- Stück vor einem Mensohenalter: bei Stollberg im Münichener Schauspielhaus ist es 'mehrere hundert-Male 'gespielt worden; Lilly Marbengs „Monna Vanna" war eine Glanzleistung der Schauspielkunst zu Beginn des Jahrhunderts. In dem Stück geht es um das Schicksal einer Fliorentinlischen Judith aus der Zeit der Gondottieri; der Dichter erzielte seine starken Effekte mit ähnlichen künstlerischen Mitteln wie in der Malerei etwa Arnold Böckiin oder Franz Stuck. Die Stücke Maeterlincks sind eindringliche Beispiele des Wechsels geistiger Moden. 'Sucht man nach dem Bleibenden in dem. großen Maeterlinokscheni Ge9amtwerk, das in neun Bänden, die Oppeln-Bronikowski bei Bugen Diederichs in deutscher Sprache herauisgalb, so liegt es in den naturphilosophischen Werken. „Das Leben der Bienen" (1901) und „Die Weisheit der Bimmen" (1907) sind noch dichterisch verklärte, echt romantische Venmensch- •lichungen der 'Naturkräfte. Naturgefühl und romantische Kümmernis um die Naturentfremduuig des heutigem Menschen und um seine Verstrickung in sinnlose .Leidenschaften 'führen den Dichter zur immer .tieferen Ergründung. der Natur. Im Alter wurde er zum (gelehrten Naturforscher und zum ernsten Entomologen. Sein 1930 erschienenes „Leben der Ameisen" gilt als eine naturwissenschaftliche Leistung von Rang und hält sich fern von ider Naturschwärmerei des viel älteren „Leibens der Bienen". Ein umfassendes Beobachtungsmaterial wird hier geordnet »und in 'künstlerischer Form gestaltet. Im „Schatz der Armen" (vor über 00 Jahren) hat der Dichter — in der Art Rilkes — die erhabensten Gedanken „vom tiefen Leben" und vom Tod ausgesprochen. Und jetzt nachdem die Jahre längst vorbei sind, wo ein neues Buch Maeterlincks ein Ereignis war, spricht er sein letztes Wort über Leben und Tod. Der gedankenschwere Inhalt dieser Prosaelegieh von tiefster Resignation steht mit der Welt von heute im seltsamsten Kontrast; uim so empfänglicher trifft er auf unseren engeren .jüdischen Kreis in Deutschiland.. Es 'ist das Werk eines Enttäuschten am Abend eines mit Erfolg .und Ruhm gesegneten Lebens. Im Alter, so stellt er fest, Vor der großen Stille" verkalkt das Unterbewußtsein wie der Körper und wird undurchlässig. Das Alter macht empfirtdungsärmer, es 'bleibt oft nichts als das Denken: Alles schwindet, magert ab, stirbt allmählich ab. Und er fragt sich schmerzlich: Wozu habe ich gelebt? Um mit Milliarden von Vor-, Mit- und Nachlebenden ein unnützes Glied in einer endlosen und zwecklosen Kette zu bilden? Maeterlinck wiederholt du. seinem Alter manchmal nur Sätze, die schon Marc Aurel oder Antoninus Pius oder Seneca ausgesprochen haben. „Man lernt" leichter sterben als leben. Sterben lernen heißt den Tod nicht mehr fürchten lernen. Denken wir doch manchmal an das Glück, tot zu sein!" Er schließt eine seiner Betrachtungen mit den Versen 'Shakespeares über das menschliche Löben: 's ist eine Mär, erzählt von einem Tollen „Voll Klang und Raserei und nichts bedeutend." Sehen wir einmal hier ab von dem anziehenden und großen literarischen Phänomen „Maeterlinck", lassen wir auch das Problem beiseite, welche (sicher große) Rolle Maeterlincks Altersweisheit „Avant le grand silence" in der klassischen Literatur über den Tod von der Antike (Kohelet!) bis in die Neuzeit einnimmt, so ist der Wahrheitsgehalt seiner Tcdesgedamken durch die Ausdruckskraft eines gepreßten, nmdüsterten Gemüts ein unmittelbar ergreifender. Man empfindet angesichts dieser philosophischen Elegien jede Kritik, auch alle so genannten „tröstlichen Gedanken" und religionsvergleichenden Randbemerkungen über den Tod und die Unsterblichkeit als unangemessen. Unseren lächerlichen Bilderkult etwa trifft Maeterlinck mit folgenden Sätzen ins Herz: „Ein Bildnis bedeutet Abwesenheit und Gegenwart, Freude und Leid", sagt Pascal. Für mich, wenn, es sieh uim einen verstorbenen Freund handeilt, bedeutet es nur Abwesenheit. Das Bild, das in mir ruht, 'genügt mir. Der Lebende erträgt das Bildnis, aber der Tote fürchtet es. Statt meinem Gedächtnis nachzuhelfen, stört und lähmt es, läßt es erstarren und tötet es. An Stelle eines Gemäldes oder eines Lichtbildes ein Name an der Wand, im Stein gemeißelt, und die Erinnerung erwacht, tritt frei aus dem Dunkel, und) für einen Augenblick ist kein Unterschied mehr zwischen Leben und Tod. Ein anderer Gedanike des pessimistischen, hell sehenden Greises: „Besäße der Mensch einen weniger verschüchterten Verstand, so hätte die Menschheit längst aufgehört zu leben; denn wahrscheinlich hätte sie das Leben, wie es uns aufgezwungen wird, nicht angenommen." Kein Gemeindemitglied ohne die blaue Karte für Hilfe und Aufbau

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