Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 16 (15.8.1936)
- Date
- 1936-08-15
- Page
- Seite 348 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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348 Bayerische Israelitische Gemeindezejtung v Nr. 16 Jüdische Künsfler in München Zur Ausstellung des Jüdischen Kulturbundes Eine Anzahl von 'Wenken Münchener jüdischer Künstler, die schon aiuf dler Reächsausstelung jüdischer Künstler in Berlin und zusammen mit Werken Nürnberger Künstler in Nürnberg gezeigt worden waren, wurden nun in einer vom Jüdischen Kulturbund in Bayern veranstalteten Ausstellung auch denn Münchener Publikum zugänglich gemacht. Gewiß hatte diese (kleine Schau (es waren -nicht einmal alle im "München lebenden jüdschen Künstler vertreten]) nicht viel von dem Reiz dler groißen Kunstausstellungen, der in der Vielfältigkeit des Gesamtbildes, fiim Nebeneinander verschiedener Temperamente und Auffassungen liegt. Aber auch diese wemiigen .Kunstwerke waren geeignet, vor dem Beschauer das Problem des jüdischen Kunstschaffens als eine der ernsten und großen Aufgaben dieser schweren Zeit aufzurollen. DeT an sich nicht sehr geeignete Bibliothieksaal der Gemeinde war durch helle Bespannung der Wärode in) einen überraschend lichten und freundlichen Ausstellungsraum umgewandelt, in •dem die geschickt verteilten' Werke gut zur Wirkung kamen.. Schon der erste flüchtige Überblick ließ einige Erscheinungen beherrschenid hervortreten: Da war die stille und1 großzügige Kunst von Rudolf Ernst, das. eindringliche Selbstbildnis in ganzer Figur, die weiträumigen Landschaften!, 'die Puppenbil- •der in der geheimnisvollen Lebendigkeit ihrer ZauberweJt — alle diese Gemälde in einer zarten Farbigkeit, dlie zuweilen mit «der kraftvollen Form nicht ganz in Einklang steht. Schlachte, sinnerfüllte Formgestaltung zeichnet auch Emsts Holzschnitte aus -und kommt vor allem ikunsthandwerklich in Hofomalerei und Glasbild zu schönster Auswertung. Die Gemälde, Radierungen und Holzschnitte von Marie Luise Koba tragen 'dlie Zeichen des Ringens der Künstlerin Ulm die Gestaltung ihrer 'Stoffe an sich. Von solcher starken geistigen Spannung erfüllt ist ein Bild „Mutter und Kind"; fern von äußerlicher Thematik gewinnt in diesen Figuren jüdische Wesensart Gestalt. Gelöster sind andere Bilder, Landschaften und ein duftiges Blumen-Stilleben. — Wie schon bei der Berliner Ausstellung ist die 'große Überraschung die Plastik Elisabeth Springers. Gleich der meisterhaften Gruppe von „Mutter und Kind", welche in Berlin stärksten Eindruck machte und vom Berliner Jüdischen Museum angekauft wurde, ist auch einen Rückgang zu verzeichnen haben. Können die Verhältnisse, wie sie jetzt 'bestehen, deutlicher veranschaulicht werden als durch eine Tabelle, die der Verfasser Seite 32 aufstellt? Während die Judenheit Hollands 5m Jahre 1930 einen Prozentsatz von 1,41 der Gesamtbevölkerung ausmachte, wohnten in den Ortschaften! von höchstens 500 Einwohnern nur 0,01% Juden, in den Ortschaften von 501—1000 Einwohnern 0,03% Juden, dn den Ortschaften von 1001—2000 Einwohnern 0,05% Juden, in den Ortschaften von 2001—5000 Einwohnern 0,13%, in «den Ortschaften von 5001—10 000 Einwohnern 0,26% Juden, in den Ortschaften von 10 001—20 000 Einwohnern 0,45 Prozent, in den Ortschaften von 20 001—50 000 Einwohnern 034%, in den Ortschaften von 50 001—100000 Einwohnern 0,78% Juden. Hingegen beträgt dieser Prozentsatz in größeren Städten im Durchschnitt 4,19, in Amsterdam selbst 10%. Wahrlich recht ungünstige Verhältnisse, die darauf hinweisen, daß den jüdischen Gemeinschaften der Großstädte, die durch Geburtenrückgang und Mischehe Einbuße erleiden, das Reservoir genommen ist, das ihnen Auffrischung verschaffen könnte, und •daß auch 'die kleinen Gemeinden, die schon jetzt vielfach schwer zu kämpfen haben, einer noch schwereren Zukunft entgegengehen. Wir übergehen den dritten Abschnitt, der «dlie Verteilung der Juden nach Geschlechtern" und Altersstufen behandelt, und wenden uns dem vierten Abschnitt zu, der die Eheverhältniisse der jüdischen Bevölkerung darstellt. Hier nehmen wir, im Einklang mit Beobachtungen auch in anderen Ländern, wahr, diaß sowohl jüdische Männer als auch Frauen durchschnittlich in höherem Alter heiraten als Nichtjuden, was naturgemäß für die Ehefruchtbarkeit von ungünstigem Einfluß sein muß. Wordas ausgestellte „Schlafende Mädchen" von ergreifender Innerlichkeit und Verhaltenheit. Hier ist noch Großes zu erwarten. Was diese drei Künstler verbindet, ist der Ernst und die Verantwortung, in 'denen die. Auseinandersetzung mit den künstlerischen Problemen erfolgt unld die sicher noch reiche Früchte tragen werdem Daneben freut man sich an der kräftigem Farb'iigikeit dler bayerischen und Münchener Landschaften von Dr. Robert Sänger. Franz Emanuel Heich t bringt in seinen Landschaften die Technik von Aquarell und Holzschnitt zu1 feinster Wirkung. Die Aquarelle von Ludwig .'Bloch fangen die Atmosphäre des Hamburger Hafens oder eines Rummelplatzes durch wirkungsvollen Ausschnitt und stitmmunlgshafte Tonigkeit ein. Die Blldhauerin Alice Goldstern gilbt mit einem Porträtkopf eine Probe ihres Schaffens, Agnes UHmann-Speyer zeigt eine Terrakotta-Plastik „Kuh mit Kalb", von inniger Empfindung erfüllt., aber etwas unruhig iim. Umriß. Diese Andeutungen mögen genügen, um die jüdische Öffentlichkeit wieder einmal an Uwe Verpflichtung den jüdischen Bildner gegenüber zu erinnern. Sie gehören zu den Gruppen, die von (den Ereignissen dler Zeit am schwersten betroffen sind. Aber es handelt sich nicht nur um eine Frage der materiellen Existenz. Das Schaffen des jüdischen Künstlers in dieser Zeit ist, abgeschnitten vom 'künstleröschem Geschehen der Umwelt, eine opfervolle Arbelt. Der Künstler braucht dabei Resonanz, er braucht ein Publikum, eine Gemeinschaft, aus der und für die er schafft. Umgekehrt aber verzichtet die Gemeinschaft, welche diese künstlerischen Werte übersieht und vernachlässigt, auf wichtige gemeinschaftsbildende und damit die seelische Not der Zeit lindernde Kräfte. Der beschämend schwache Besuch der Ausstellung zeigt, daß hier noch viel zu 'tun ist. Es ist Aufgabe der jüdischen Institutionen, die Verbindung zwischen den jüdischen bildenden Künstlern und dem jüdischen Publikum herzustellen. Die bisherigen Ansätze 'dazu 'genügen nicht. Eime großzügige Propaganda könnte vieles erreichen. Mancher würde z. B. Werke jüdischer Künstler als Geschenk verwenden, wenn.. er daran erinnert würde. Die Ausstellung sollte wenigstens für den klei-? nen Kreis der bisher Interessierten ein Ansporn sein, seine Kräfte für diese Aufgabe einzusetzen. Dr. Richard Eisen. auf diese spätere Heirat zurückzuführen ist, ob etwa auf die Tatsache, daß die Juden im Handel wie in freien Berufen einen höheren Prozentsatz ausmachen, läßt sich, wie der Verfasser bemerkt, statistisch nicht feststellen. Vom religiösen Standpunkt interessiert, daß noch im Jahre 1915 fast alle rein jüdischen Eheschließungen, genauer 92,2 Prozent .derselben, durch efine nach jüdischem Ritus erfolgende Trauung begleitet wurden. Wir sagen hierbei ausdrücklich, alle rein jüdischen Ehen, schließen also die Mischehen aus, die einen hohen und von Jahr zu Jahr steigenden Prozentsatz ausmachen. Der Verfasser stellt fest, daß in Amsterdam — für das Reich fehlen die diesbezüglichen Angaben, sie .dürften aber ähnliche sein — in den Jahren 1901 bis 1905 auf 1000 rein jüdische Ehen 128 Mischheiraten kamen, und daß 'diese letztere Zahl für die Jahre 1931 bis 1934 auf 406 angeschwollen ist. Mit anderen Worten, fast jede dritte Ehe, bei welcher Juden beteiligt sind, stellt eine Mischehe dar, die sich übrigens, wie Boekman an anderer Stelle berichtet, durch eine besonders geringe Fruchtbarkeit auszeichnet und in viel größerem Maße als die rein jüdische Ehe (hier 1926 bis 1933: 7,13%) die Tendenz zur Ehescheidung aufweist (1926 bis 1933: 14,66%). Der fünfte Abschnitt beschäftigt sich mit den Geburtsziffern, wobei gezeigt wird, daß eigentlich in allen Kreisen der Bevölkerung ein ständiger Rückgang der Ehefruchtbarkeit wahrzunehmen ist, der allerdings bei der Juidenheit am stärksten in Erscheinung tritt. Was die Geburtenzahl selbst anlangt, so hat eine im Jahre 1930 erfolgte Betrachtung aller Ehen, die zwischen 1906 und 1910 geschlossen worden sind, ergeben, daß die jüdische Familie im Durchschnitt fast zwei Kinder weniger aufweist als sie nach dem Gesamtdurchschniitt bei allen Ehen