Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 15 (1.8.1936)
- Date
- 1936-08-01
- Page
- Seite 330 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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330 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 15. geheimsten Schächten zu schürfen, und wir wissen von vielzuviel Leid." Fast vierzigjährig, veröffentlichte er sein erstes Drama „Der Graf von Charolais", nach einem altenglischen Stück von Massinger und Field, die als Erben Shakespeares für die Erben der Königin Elisabeth dichteten. Die Geschichte von dem jun- *gen Grafen, der den in den Schuldturm geworfenen Leichnam seines Vaters nicht auslösen kann, bis er vom erschütterten Gerichtspräsidenten die Summe erhält und die schöne Tochter obendrein, ist dramaturgisch wie charaktermäßig kaum verbunden mit der ganz anderen, späteren Geschichte von der grausigen Rache dieses Grafen an seiner untreuen Frau. Aber dies zwiegespaltene, uneinheitliche Stück in gefühls- und gedankentiefen Versen von herrlichem Glanz zündete damals nach der realistischen Dramatik wie Zauberfeuer. Am nächsten steht uns, geht uns Juden hier eine Szene, die einen Vorklang, ja vielleicht den Aufbruch bedeutet zu Beer- Hofmanns wirklich eigenem, einzigartigem Schaffen. Es ist die Szene, in welcher der rote Itzig das Leid des mittelalterlichen Juden aufdeckt in Worten, wie sie, trotz des Mauscheldeutsch, so herzzerreißend und dichterisch weder vorher noch nachher gefunden und geformt wurden. In diesen Schrei schrillt die Frage nach dem Sinn des ewigen Leids, das von Gott über das von ihm gewählte Volk verhängt ist. Und alles weitere Dasein und Dichten Beer-Hofmanns dient nun dem leidenschaftlichen Suchen nach der Antwort auf diese Frage, der dramatischen Gestaltung des jüdischen Schicksals in der immerwährenden tragischen Auseinandersetzung zwischen dem jüdischen Menschen und Gott. Dies dichterische Suchen verdichtete sich, in einem Zeitraum von 30 Jahren bisher in zwei Dramen, von denen das erste „Jaakobs Traum", geschrieben 1909—1915, nur das Vorspiel ist zu der Trilogie „Die Historie von König David". Der erste Teil, „Der junge David", wurde nach wiederum fast 20 Jahren, 1933, vollendet; „König David" und „Davids Tod" stehen noch aus. „Historie" nennt Beer-Hofmann mit Recht sein Hauptwerk, denn es ist kein Drama im üblichen Sinn, sondern Geschichte, in weitestem Umfang und innerstem Gehalt jüdische Geschichte, eine dichterische Erörterung der Tragödie des Judentums: erst in der Legende vom Stammvater, der, oft im Gegensatz zur Bibel, gereinigt und veredelt dargestellt, aus Jaakob zu Jisro- El, zum Kämpfer mit Gott, zum Kämpfer für Gott wird, — dann in der Chronik von David, der, erwählt wider Willen wie sein Ahn, in unablässigem politischen und seelischen Kampf, während des schmerzlichsten Augenblicks, da seine geliebte Frau starb, zum König erhöht wird, im Auftrag Gottes durch den Mund seiner Urgroßmutter Ruth. Gleich phantastisch wie dem dichterischen Wort, in schweren, edlen Blankversen und liedhaften Gebilden, hat sich Beer- Hofmann hingegeben der Idee des Judentums und der jüdischen Geschichte. Nicht nur in den Ereignissen selbst, sondern gleicherweise in ausführlichen szenischen Bemerkungen und in Anmerkungen gibt er sorgfältigste kulturgeschichtliche Einzelheiten, auch über Landschaft, Bräuche, Kleidung, Hausrat, getreu nach historischen und wissenschaftlichen Quellen aller Zeiten. Wie der Talmud lehrhafte und erzählende Ausdeutung der Schrift, so sind Beer-Hofmanns Stücke ein dramatisches Auslegen, Weiterformen der Bibel: vom Bühnenbild, in dem der vorzügliche Regisseur wirklich das Bildhafte vorherrschen läßt, bis zu den Seelenzuständen und Besonderheiten der Personen, deren „Der junge David" allein etwa hundert aufweist. Während „Jaakobs Traum", nach der realistischen Eingangsszene, in der Edom, der weltfrohe, wilde Jäger, erfährt, warum der suchende, fragende und deshalb gottnähere Jaakob den Segen empfing, immer größer ins Symbolhaft-Monumentale aufwächst, bis zur Szene des Kampfes mit Gott, der hier ein innerer Kampf ist, wird im „Jungen David" ein ungeheures kulturgeschichtliches und politisches Gemälde des damaligen Palästina ausgebreitet. MAGISTER KIRSCH der gute Likör, Magister München VII In der geistigen Vertiefung, in der nach innen strebenden Menschengestaltung, in der Aufwühlung des Problematischen, sind Beer-Hofmanns Stücke Kunstwerke hoher Bedeutung und Deutung, ebenso aber auch durch Verse reinster Form, klarster Foimulierung Kunstwerke im Sinne des Handwerks, der Klein- und Feinarbeit. Aber diese kunstreichen Mosaiken zerfallen nie zu Kunstgewerbe, weil ein bindender, mitreißender Strom sie durchschwingt aus der Tiefe des Geschehens, der Menschen, des Gefühls und Gedankens: ein Strom jüdischer Substanz, der Beer-Hofmanns Werken das eigentliche Leben gibt, — und den heutigen Juden Leben zu geben vermag. „Was wählt er uns und fragt nicht, ob wir wollen?" — dies uralte jüdische Problem läßt Jaakob wie David mit Gott hadern, gleich den späteren Propheten, über ihr Erwähltsein, das sie als Leid, als Last empfinden. Beide fühlen sich geschlagen und verraten, und erst wenn die Auseinandersetzung mit Gott bis zum Letzten, zum tiefsten Fragen, zum schwersten Ofper, in Jaakob durch das Wort, in David durch die Tat, vorgedrungen ist, erkennen beide, daß dies Leid die Bestätigung des Segens, des Bundes, bedeutet. Schon in „Jaakob", besonders aber in „David", hier in jedem Bild von der ersten bis zur letzten Szene, wird die . Treue, die Treue des Menschen zur Kreatur, mit Mitmenschen, zu Gott, das Lösungs- und Erlösungsmotiv. „Treu und Glauben", zwei Worte nur, — „doch auf ihnen steht die Welt", bekennt David. Und in „Jaakob" ertönt auf die verzweifelte „alte Frage": „Was tat ich?" der Trost: „Hab mit Gott Geduld". So wird David zum Erfüller des Traums, den Jaakob, den das jüdische Volk träumt, daß Israel „Leid mit Seinem Worte lösend — hier Sein ewiger Mund und ewiger Anwalt werde". Beer-Hofmann geht in seinen biblischen Dramen so sehr den äußeren dramatischen Situationen aus dem Wege, daß er etwa absichtlich die Gegenüberstellung Sauls und Davids vermeidet. Ihm liegt daran, die innere Tragik zu gestalten, die oft in der gedanklichen Auseinandersetzung und im gefühlshaft Lyrischen, also im eigentlichen Undramatischen zu Wort wird. Aber gerade das in diesem Sinn Undramatische bedeutet das dichterisch Wertvollste in Beer-Hofmanns Werk. So wandelt sich vielmals der dramatische Blankvers zum lyrischen Gedicht, zum-pathetischen Hymnus, bisweilen wirklich zum herrlichen, himmlischen Lied, wenn in „Jaakob" Quell und Stein singen, wenn Ruth den Segen über David spricht. Auch der noch unveröffentlichte „König David" beginnt mit einem Lied, nämlich mit dem von einem jungen Hirten besungenen 23. Psalm „Der Herr ist mein Hirte", in dem es heißt: Vorm Angesicht derer, Die — Herr — mich bedrängen — Hast du meinen Tisch mir Gerüstet, mit öl mir Gesalbet das Haupt, und Mein Becher — wie köstlich! Vom Wein fließt er über. Diesen Psalm darf Beer-Hofmann auf sich selbst beziehen. Und wir dürfen dem Siebzigjährigen wünschen, ihm möge vergönnt sein, daß sein Becher, sein Werk, erfüllt werde mit der Vollendung seiner „Historie von König David", die aus tiefstem Gefühl und höchster dichterischer Begabung immer wieder Antwort gibt auf die Fragen seiner zu Symbolen der jüdischen Geschichte gewordenen biblischen Gestalten. Religiös-Liberales Judentum in der Weif Von Dr. Wolfgang Matzdorff, Frankfurt a. M. Aus Holland und Indien, aus Deutschland und Australien, aus Amerika, Kanada und Frankreich waren in den Tagen vom 10. bis 13. Juli Vertreter des religiös-fortschrittlichen Judentums nach London gekommen, um mit englischen Gesinnungsfreunden die 10. Jahrestagung der World Union for Progressive Judaism zu begehen. War es ein Zufall oder symptomatisch, daß die Vertreter aus Deutschland das stärkste Kontingent der auswärtigen Delegierten. stellten — wir müssen nach Abschluß der Tagung feststellen, daß die praktisch wich-