Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 15 (1.8.1936)
- Date
- 1936-08-01
- Page
- Seite 329 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 15 Bayerische Israelitische Gemeindezedtung 329 Verheissung des Volksreit nach Schmach Von der neuen seit zwei Jahren erscheinenden deutschen Bibelübersetzung, die wir der Berliner jüd. Gemeinde verdanken, ist soeben (im Verlag von J. Kauffmann, Frankfurt/M., und gleichzeitig als Veröffentlichung der Jüd. Buchvereinigung in Berlin) der dritte Band erschienen. Er enthält die drei Propheten Jeschajahu, Jirmejahu und Jeheskel sowie die sog. 12 „kleinen" Propheten (Tre-asar). Die Ubersetzung von Jeschajahu und Jeheskel stammt von Max Wiener, Jirmejahu und sieben der kleinen Propheten (Hoschea, Obadja, Micha, Nahum, Habakkuk, Zefanja, Secharja) von Harry Torczyner, die fünf übrigen kleinen Propheten von SeTigmannPick (Joel). Dienemann (Arnos), Elias Auerbach (Jona und Haggai) und Ludwig Levy (Maleachi). Die vereinheitlichende Redaktion besorgte wieder Torczyner. Die maßvolle Wortwahl und der Verzicht, sich im ganzen vom Geläufigen und Hergebrachten im deutschen Ausdruck sehr weit zu entfernen, machen diese neue Bibelübersetzung bei aller Selbständigkeit der tausendfältigen Entscheidungen, vor die sich Ubersetzer und Redaktor gesetzt sahen, zu der verhältnismäßig am glattesten lesbaren deutschen Laienbibel für uns. Als kleine Leseprobe aus dem soeben ausgegebenen dritten Band wählen wir die berühmten Jesaija-Verse 54, 1—10, aus dem Zyklus der herrlichen Trost-Haftaroth an den Sabbaten, die auf den 9. Aw folgen. Die religiöse Kraft und klassische Schönheit kann nur der hebräische Urtext selbst, verlautbart im ..Trop" unserer Synagogen, wiedergeben. Kindlose, juble, Die nicht geboren, Brich aus in Jubel, jauchze, Die nicht gekreisst, Denn mehr sind der Verwaisten Kinder Als der Vermählten, Spricht der Ewige. Spann weit den Raum deines Zeltes Und die Behänge Deiner Wohnstatt, Man spanne, Spare nicht, Lang mache deine Stricke Und deine Pflöcke ramme! ifums und der Erhöhung und Schande Denn rechts und links hin brichst du aus» Dein Same, er beerbt die Völker, Verheerte Städte werden sie besiedeln. Nicht fürchte! Wirst ia nicht zuschanden. Sei nicht beschämt! Du wirst ja nicht erblassen. Denn deines Maidtums Schmach wirst du vergessen, Und deines Witwenstandes Schimpf nicht mehr gedenken; Denn Gatte ist dein Schöpfer dir, Der Ewige der Scharen ist sein Name, Und dein Erlöser ist der Heilige Jisraels, Der ganzen Erde Gott ist er geheißen. Denn wie ein Weib, Verstoßen und verstörter Seele, Ruft dich der Ewige, Wie Weib der Jugendzeit, Da sie verschmäht war, Spricht dein Gott. In schwachem Schelten Hab ich dich verlassen, In starker Liebe Hol ich dich heim. In Zorneszucken Barg ich mein Antlitz Ein Nu vor dir; In ew'ger Treue Lieb ich dich, Spricht dein Erlöser, Der Ewige. Wie Noahs Wasser ist mir dies. Wo ich geschworen, daß nicht mehr Die Wasser Noahs fluten ob der Erde. So schwöre ich, dir nimmermehr zu zürnen, Noch dich zu schelten. Denn sei es, daß die Berge weichen, Die Hügel wanken, Doch meine Treue weicht nicht von dir. Und meines Heiles Bündnis wankt nicht. Spricht dein Erbarmer, Der Ewige. Richard Beer-Hofmann Zu seinem 70. Geburtstag Von Kurt Pinthus Als Max Reinhardt im Sommer 1920 die ersten Salzburger Festspiele in Anwesenheit vieler Künstler, Politiker, Wissenschaftler, Geistlicher und Finanzleute aus aller Welt mit Hofmannsthals „Jedermann"-Spiel eröffnete, da betrachteten und achteten wir Jüngeren die stille Gestalt Richard Beer-Hofmanns, dessen bärtiges, gütiges Gesicht von sehr leuchtenden Augen beherrscht wird, als einen bei Lebzeiten unter uns wandelnden Klassiker. Aber Beer-Hofmann — damals und immer von tiefer Dankbarkeit für Reinhardt erfüllt, weil der junge Theaterdirektor 1905 sein Erstlingsdrama „Der Graf von Charolais" und darin unvergeßbar selber die Figur des roten Itzig gespielt hatte — überlebte mit seinem Schaffen die in jenen Jahren besonders stürmische Dichtung der Jüngeren. Während fast alles, womit diese Werdenden begannen, frühzeitig abstarb, ist das zeitabgewandte, überzeitliche dramatische Werk des Siebzigjährigen noch immer in lebendigem Werden; es ist — für uns Juden — heute lebendiger denn je. Dennoch ist aus dem langen Leben und Schaffen des in selbstgewählter Einsamkeit zu Wien wohnenden Beer-Hofmann bisher nichts anderes bekannt geworden als drei Dramen. Will man genau sein, so ist hinzuzufügen, daß er vor diesen Dramen ein Bändchen psychologisch feiner Novellen veröffentlicht hat, dazu die Erzählung „Der Tod Georgs": Traum, Ahnen, Phantasieren eines zarten Menschen über den Tod eines anderen, weit und tief in fernste Bezirke der Seelen und menschlicher Kulturen schweifend, ein geistiges Gespinst von unwirklichem Schimmer. Jeder Jude, der Dichtung liebt, wird immer wieder das „Schlaflied für Mirjam" sich aufsagen, mit der unsterbliches Judentum unsterblich besingenden "Strophe: Ufer nur sind wir, und tief in uns rinnt Blut von Gewes'nem, — zu Kommenden rollt's, Blut unsrer Väter voll Unruh' und Stolz. In uns sind Alle. Wer fühlt sich allein? Du bist ihr Leben — ihr Leben ist dein. Dies ist der Trost für das Grundgefühl all seiner Dichtung: die leidvolle Einsamkeit des einzelnen, dem er in seiner „Gedenkrede auf Wolfgang Amade Mozart" 1906 Ausdruck gibt in dem Satz: „Zu sehr hat man uns gelehrt, in unsres Wesens Kein Gemeindemitglied ohne die blaue Karte für Hilfe und Aufbau