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Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern · 1936-07-15 · 7 (15.7.1936) · p. Seite 20

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Journal
Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
Volume
1936
Issue
7 (15.7.1936)
Date
1936-07-15
Page
Seite 20 (sequence 2)
Language
German
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20 Mitteilungen des Jüdischen Lehrer Vereins für Bayern Nr. 7 letat ist es Zeit für Pelz-Umarbeitung und Anfertigung nach neuesten Modellen S. Odtausk} & Ca. Neuhauser Strasse 29 den konnte und nun erwuchs der Schule die Frage nach der Stoffauswahl. Nach welchen Grundsätzen sollte der Stoff ausgewählt werden, was war wesentlich und was konnte weggelassen werden? Um diese Fragen entspann sich ein heftiger Kampf, dessen einzelne Phasen hier nicht aufgezeigt werden sollen. Wer die Geschichtsbücher der verschiedenen Schultypen in ihren aufeinanderfolgenden Auflagen etwa 12—15 Jahre zurückverfolgt, kann sich leicht selbst ein Bild von der Vielgestaltigkeit machen. Versucht man diesen Reichtum etwas zu ordnen, so wird man finden, daß sehr oft zwei oder drei Prinzipien zugleich für die Stoffauswahl maßgebend waren, daß man aber trotzdem die einzelnen Prinzipien in verschiedene Gruppen einteilen kann. Neben der althergebrachten Stoffauswahl je nach Alter und Bildungsgrad der Schüler und nach dem Zwecke der Schule finden sich Prinzipien, die aus dem Gebiete, der Geschichte selbst genommen sind und die am besten durch Gegenüberstellung zweier sich befehdender Begriffe beleuchtet werden (Weltgeschichte — deutsche Geschichte, äußere Geschichte — innere Geschichte, Wirtschaftsgeschichte — Ideengeschichte). Eine weitere Möglichkeit der Stoffauswahl wird durch die Methode des Geschichtsunterrichts bestimmt. Hier finden wir quellenmäßiges Eindringen in einzelne Epochen neben großangelegten Uberblicken über weite Zeiträume, liebevolles Versenken in die Vergangenheit neben straffer Gegenwartsbezogenheit Die Prinzipien ließen sich noch beliebig vermehren; das ist hier aber gleichgültig. Wichtig ist nur das Ergebnis! Angesichts all dieser Mannigfaltigkeit brach sich die Erkenntnis Bahn, daß Geschichte kein festgelegter Stoff ist, der gedächtnismäßig einzuprägen ist, sondern man erkannte, daß die Geschichte aus Ausschnitten aus der Vergangenheit besteht, die man beliebig beleuchten und im selben Lehrgang sogar vollständig verschieden belandeln kann, wenn man nur klare Entwicklungslinien zieht, in die sich das Einzelwissen der Schüler selbstverständlich einordnet. Diese Erkenntnisse sind für uns wichtig, wenn wir uns heute überlegen, wie wir den Geschichtsunterricht an der jüdischen Volksschule gestalten wollen. Nach welchen Grundsätzen wollen wir unseren Stoff auswählen und welche Entwicklungsreihe wollen wir vor dem Auge unserer Schüler aufbauen? Ich meine, maßgebend sollen für uns zwei Gesichtspunkte sein: 1. Der Geschichtsunterricht soll einer der Stützpfeiler sein für die Einheitlichkeit des Wissens, das wir übermitteln wollen; 2. der Geschichtsunterricht soll den Schülern jene Kenntnisse vermitteln, deren sie in dem Lebensraum, in den sie gestellt sind, bedürfen. Wenden wir uns zunächst dem ersten Gesichtspunkte zu. Die Kinder hören in der Religionsstunde so vieles von der Geerren-Sport-Handschuhe Echt Kalbleder, handgenäht, nur weiß 2.95 RM Echt Schweinsleder, „ nur grau 7.95 RM Nappa-Leder, braun u. grau 4.75,5.25,5.50 Wasch- und Wildleder 6.— und 7.— RM IACPP I fM-ID am Sattlerbergl JvwCr LV/ni\ Fürstenfelderstr.17 Tel. 11338 schichte der alten Welt. Sie kennen die Ägypter und ihre Pharaonen, die Babylonier in ihrem Land zwischen Euphrat und Tigris, die Perser, die Griechen und die Römer. Doch da der profane Geschichtsunterricht erst mit der deutschen Geschichte beginnt, bleibt dieses Wissen nur als Einzelwissen im Gedächtnis der Kinder haften und es fehlt, ihnen trotz vieler Einzelkenntnisse ein Einblick in das Geschehen der alten Welt. Und doch ist heute dieser Einblick so notwendig; denn die Kenntnis der jüdischen Geschichte steht heute im Mittelpunkt des gesamten jüdischen Bildungsstrebens, die jüdische Geschichte selbst aber spielt sich ab im Kampfe der großen Mächte der alten Welt. Daher meine Forderung: Die alte Geschichte in unserem Geschichtsstoff aufzunehmen. Doch in welchem Umfang? Zeigen wir in großen Linien das Reich der Ägypter und jenes der Babylonier und Assyrer, ihre Rivalität, ihren Untergang durch die persischen Könige, das Perserreich und sein Ausdehnungsstreben, seinen Zusammenprall mit der griechischen Welt, das griechische Weltreich und seine Ablösung durch das römische Weltreich und stellen wir das Ganze von dem Gesichtspunkte der jüdischen Geschichte aus dar: den Zusammenprall des jüdischen Volkes mit den jeweiligen Nachbarländern, die militärischen, die geistigen, die religiösen Kämpfe, bis schließlich diese Kämpfe mit der Zerstörung des zweiten Tempels und mit der Zerstreuung der Juden im römischen Weltreich enden. Damit findet auch unsere erste Geschichtsepoche mit der Zerstreuung der Juden ihr vollständig logisches Ende. Wie wollen wir unseren Stoff jetzt weiter gestalten? Wollen wir wie bisher die deutsche Geschichte des Mittelalters behandeln unter Berücksichtigung der Lage der Juden? Oder wollen wir versuchen, eine jüdische Geschichte des Mittelalters zu zeichnen? Ich meine, wir sollten die große Linie wie im Altertum beibehalten und das europäische Mittelalter als ein Ganzes darstellen und zwar aus folgenden Gründen: 1. Das Mittelalter der germanisch-römischen Völker ist eine Einheit, gleichartig in Staatsformen, sozialer Schichtung, wirtschaftlichen Verhältnissen. 2. Die geographischen Grundlagen sind gegeben. Denn für die Völkerwanderung, die man ja auch bis jetzt behandelt hat, ist schon die Kenntnis des ganzen Raumes notwendig. 3. Unsere Darstellung kann sich unmittelbar an die römische Geschichte anschließen, die Kinder werden verstehen, wie in das von den Römern verlassene Land neue Völkerscharen einströmen (die Völkerwanderung). 4. Wichtige Ausschnitte der mittelalterlichen Geschichte, für die unsere Schüler heute ein gesteigertes Interesse haben, wie die Araberfrage, die Arabergefahr und die Kreuzzüge lassen sich nur auf diesem Gesamthintergrund richtig darstellen. 5. Und schließlich gliedert sich die Geschichte der Juden in den Nachfolgerstaaten des römischen Reiches von selbst in die Darstellung ein. Wir können die Schicksale der Juden aufzeichnen, ihre kulturellen Leistungen, ihre Wanderungen unter den Völkern des Abendlandes. Der Blickpunkt, von dem aus wir dies ganze Geschehen betrachten und beleuchten, ist selbstverständlich Deutschland; denn von Deutschland geht der Impuls der gesamten Geschichte des Mittelalters aus. Die neuere Geschichte ist im Ganzen -wohl weniger reformbedürftig. Maßgebend sei für ihre Behandlung die Überlegung, daß, da wir nicht wissen, wo die Kinder, die wir hier vor uns haben, ihr Leben fortsetzen werden, wir die Pflicht haben, die Weltgeschichte im weitesten Rahmen vor ihnen aufzurollen. Aber man hüte sich vor dem Vielerlei. Der, Zeitraum zwischen 1600 und 1800 verführt den Geschichtslehrer so leicht dazu, bunte Ausschnitte aus dem vielfältigen Geschehen zu geben und dabei die Gesamtentwicklung außer Acht zu lassen. Wir müssen in großangelegten Längsschnitten die Entwicklung Deutschlands von der Reformation bis in unsere Tage hinein zeichnen. Dabei können wir vieles Nebensächliche stark kürzen, wie die dynastischen Wirren des 18. und die innerpoliti' sehen Kämpfe des 19. Jahrhunderts. Wichtig für unsere Kinder ist, daß sie in klaren Linien die Entwicklung kennen, die zur heutigen Lage geführt hat, damit sie das Leben, das um sie herpulsiert, verstehen.

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