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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1936-07-01 · 13 (1.7.1936) · p. Seite 290

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
12 (1936)
Issue
13 (1.7.1936)
Date
1936-07-01
Page
Seite 290 (sequence 4)
Language
German
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290 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 13 Blaue Karte für Hilfe und Aufbau. Je größer die Not, desto stärker die Verpflichtung zur gegenseitigen Hilfe. Nur mit der Blauen Karte können die Äufgaben der Altersversorgung, Berufsumschichtung u. Auswanderung erfüllt werden. Kein Mitglied unserer Gemeinde ohne blaue Karte! Wir helfen uns selbst, wenn wir die blaue Karte erwerben. Gespräch über einen Palasfina-Roman (Margarete Moses, Diesen und auch Jenen hat Gott gemacht. Brandus-Verlag, Berlin 1936.) Das schlanke grüne Buch mit den lebendigen Wallenbergschen Palästina-Zeichnungen auf der Umschlagseite wanderte von Hand zu Hand in der kleinen Fremdenpension im Tale zwischen den Bergen. Juden aus aller Welt hatten sich hier zusammen gefunden; Juden auf der Wanderschaft zwischen der alten Heimat und einer neuen Heimat — Menschen, noch mit allen Sorgen des Aufbruchs und schon mit allen Sorgen des Neubeginns belastet, hatten hier für einen kurzen Augenblick Rast gemacht — das uralte „Fest des Auszugs" wollten sie miteinander begehen. Da hatte Irgendwer dies Buch mitgebracht; und nun riß es Einer dem Andern fast aus der Hand. Tagelang bildete es den Inhalt mannigfacher Gespräche; obwohl — oder vielleicht grade weil — die Urteile darüber weit auseinandergingen. „Ich muß wirklich sagen", meinte die berufstätige Frau (sie sagte es wirklich ungern: denn erstens war sie noch immer keine Zionistin, und dann hielt sie eigentlich nichts von Romanen — und schon gar nichts von Frauen-Romanen!), „ich muß wirklich sagen: seit langer Zeit hab ich in der täglichen Hätz des Lebens kein Buch mit solcher Spannung in einem Zuge hintereinander ausgelesen — in einem Zuge „in des Wortes wörtlichster Bedeutung" — im Schnellzuge Berlin-München wars. In Halle begann ich zu lesen — und in München las ich die letzte Seite. Und ich hab keine Ahnung, ob es draußen regnete, ob die Sonne schien — ich war ganz weit fort, mitten drin in diesen merkwürdigen Kwuzoth, mit allen diesen jungen Menschen____" „Waren Sie's wirklich?" widersprach die braungebrannte Ghaluzah, die uns die schönen Palästina-Nigunim gesungen hatte „waren Sie wirklich dort? Ich bin nun schon etliche Jahre im Emek und würde mich nicht getrauen, ein Bild — ein künstlerisches Bild — von dem flutenden, sich von Jahr zu Jahr wandelnden Gebilde, einer Kwuzah zu geben. Ich hab das Buch freilich noch nicht gelesen... „Lesen Sie's erst, junges Blut!" rief der Professor, der mit seiner goldenen Brille und seinem langen Barte wie ein Patriarch unter den ratlosen jungen Menschen saß. Und dann: Erinnern Sie sich aus Ihrer noch nicht weit zurückliegenden Schulzeit vielleicht noch eines gewissen Friedrich Schiller? Bialik liebte ihn so sehr, daß er seinen Wilhelm Teil ins Hebräische übertrug.,. Der Mann hat niemals die Schweiz mit Augen gesehen; und doch hat er ein Gedicht geschrieben, das wie keins 'die Luft der Alpen atmet und ein Drama, das den Schweizern zum Nationaldrama geworden ist... Ich hab das Buch von Margarete Moses mit dem schönen Titel-Worte aus dem Pre- MAGISTER KIRSCH der gute Likör, Magister München VII diger Salomos auch gelesen — heute Nacht las ichs von Anfang bis zu Ende. Und ich muß sagen: wenn ich auch von der Liebesgeschichte nicht viel verstehe — dafür bin ich wohl doch zu alt geworden — Eins steht mir fest: An zwei wichtige Probleme des neuen großen Aufbauwerks ist eine mutige Frau hier mit offenen Augen herangetreten und hat uns alle zum Nachdenken und zur Besinnung gebracht — an die Gestaltung von Lieb und Ehe in dieser neuen Lebensform der Kwuzah, einer Arbeitsgenossenschaft, die auch zugleich eine Kameradschaft von jungen blutvollen Menschen darstellt, und an das Problem der religiösen Sitte unter den jungen Arbeitern im Heiligen Lande, das uns alle beschäftigt, die wir in unseren eigenen Häusern die alten Sitten einpflanzten und pflegten wie einen Baum, dessen Früchte wir und unsere Kinder in diesem und in jenem Leben genießen werden____" „Der Professor hat mir aus der Seele gesprochen!" warf die blasse Frau ein, deren Kinder bereits seit einigen Jahren im Lande Israel arbeiteten. „Wer da weiß, mit welcher Sorge wir unsere behüteten Töchter in das neue Leben entließen... dem wird diese offene und mutige Stimme wohltuen. Denn sie beschönigt nichts und verheimlicht nichts von den Wirren, die manchem jungen Paare dort wie hier aufbewahrt sind; aber sie zeigt uns doch, daß sich ein neues Ehe-Ideal dort zu formen beginnt — eine neue Form mit dem alten Inhalt, der unser eigenes Leben beglückte und das unserer Mütter vor uns — sind nicht die neuen Schläuche mit altem Weine uns schon von unseren Weisen ans Herz gelegt worden?" „Mir kommt es freilich vor," meinte der Skeptiker, der wie bei jedem Gespräche unter Juden auch hier nicht fehlen durfte — „mir kommt es freilich vor, als habe sich Margarete Moses die Knoten, die sie so geschickt zu knüpfen weiß, doch etwas allzu rasch wieder zu lösen unterfangen. Nicht jede Riwkah findet nach der ersten Enttäuschung am untauglichen Objekt so rasch den Dr. Eick, der ihr die Hälfte der Seele bedeutet. Und vielleicht findet auch nicht jeder junge Rabbi dort in den Siedlungen so rasch williges Gehör und tätige Mitarbeit, Gefolgschaft bei den jungen Arbeitern..., zumal wenn er, wie der Held dieses Buches, „nur" predigt und nicht auch zugleich in Feld und Pardess mitarbeitet im Schweiße seines Angesichtes, wie es ja die strenge Forderung des Kibbuz verlangt... Das würde ich vielleicht der Verfasserin entgegenhalten, wenn sie mir in die Quere käme. Aber besiegen, kampflos besiegen würde sie mich durch einzelne Szenen, die nun wirklich einen Hauch der Luft dieses einzigen Landes eingefangen haben und wieder ausströmen wie einen seltenen Wohlgeruch. Da ist etwa der Traum des jungen Weibes am Chamsin-Tage in der frühen Nachmittagsstunde... wie sich da Landschaft und Musik vermählen — ein kleiner Mozart mit der Hirtenflöte im Lande Israel..., das werde ich nicht so bald vergessen. „Unser skeptischer Freund wird poetisch — was soll das heißen?" schmunzelte der Professor. „Es scheint, daß der Hauptzweck des Buches sich auch an ihm verwirklicht hat:

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