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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1936-07-01 · 13 (1.7.1936) · p. Seite 289

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
12 (1936)
Issue
13 (1.7.1936)
Date
1936-07-01
Page
Seite 289 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 13 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 28Ö Ise H. Weinhold (Frankfurt a. M.), Der betrübte Bürger Aus der Reichsausstellung jüd. Künstler im Berliner jüd. Museum Liedes wie seiner einzelnen Sätze begegnen. Ganz andere Wege ist hingegen der Targum gegangen, der in zunächst freilich befremdlicher, aber sehr interessanter Weise z. B. das Hohe Lied wenigstens abschnittweise einheitlich bei seiner Übersetzung umdeutet. Dis Umdeutung wird aber, zumal bei den Salomonischen Büchern, nur verständlich, wenn man dabei die Motive des Midrasch beachtet. Hier genügt nämlich nicht das erwähnte allgemeine Prinzip, daß hinter jedem Worte der Heiligen Schrift ein besonderer Sinn gesehen werden muß. Gerade in der Frage der Motive suchte die letztvergangene Zeit ihre eigenen Gedanken im Midrasch wiederzufinden; so kam sie dazu, für viele Midraschim eine apologetische Tendenz zu behaupten und eine unmittelbare Beeinflussung durch die verschiedensten Gedanken der Umwelt anzunehmen. Es ist überall Heinemanns besonderes Verdienst, daß er durch scharfe Betonung der Unterschiede (wie natürlich auch'der Ubereinstimmungen) das Gebiet fremder Beeinflussung deutlich abgrenzt. Gerade im Unterschiede zur griechischen Auslegung des „göttlichen" Homer, die Heinemann durch jahrzehntelange Arbeiten auf dem Gebiete des Hellenismus wie wenige beherrscht, wird klar, daß die jüdische Erklärung, die uns im Midrasch begegnet, trotz mancher Ähnlichkeiten, grundsätzlich andere Wege geht. Im Midrasch fällt nämlich Erklärung und Weiterbildung zusammen. Der Midrasph spinnt die Gedanken der Bibel weiter und gerade, wo sie ihm zu alltäglich erscheinen, entfernt er sich am weitesten vom Wortlaute des Textes. Dieses „Weiterspinnen" — und hier wirken sich die „volkskünstlerischen Kräfte" des Judentums aus — unterscheidet sich jedoch von der Methode der Sage, da die Bibelerklärung, auch wo sie Welterklärung ist, immer an das Wort der göttlichen Schrift gebunden ist und sich gar nicht durch gekünstelte Umdeutungen vom Dienst am Wort befreien will. In einem Punkte äußert sich das Volksmäßige des Midrasch ganz besonders und dadurch steht er uns heute wieder näher: Obwohl er das Werk der Männer schärfster Logik ist, ist seine Allegoristik — anders als in anderen Kulturkreisen — nicht verstandesmäßige Erklärung und sie ist es um so weniger, je weniger „gewollt" die einzelnen Deutungen sind. So zeigt sich, wie eng verbunden die Rabbinen mit dem eigentlichen Leben des Volkes sind, ja, daß das Mittelalter durchaus im Recht war, wenn es in den Gedanken der Rabbinen neben der Bibel das ganze Leben des jüdischen Volkes erblickte. Prof. Dr. Heinemann 60 Jahre Der weit über die Grenzen seines Wirkungskreises bekannte Dozent am Bresläuer Rabbinerseminar, Prof. Dr. Heinemann, zu dessen Ehren wir den Aufsatz von Herrn Rabbiner Finkelscherer veröffentlichten, beging im Juni seinen 60. Geburtstag. Am 5. Juni 1876 wurde Prof. Heinemann in Frankfurt a. M. geboren und erhielt dort durch seinen von ihm in tiefer Ehrfurcht verehrten Vater, Dr. Heinrich Heinemann s. A., der Ehrendajan der Frankfurter Gemeinde war, schon in frühester Jugend seine jüdische Ausbildung. Nach Absolvierung eines Frankfurter Gymnasiums, das er 1893 mit dem Reifezeugnis verließ, hörte er an den altertumswissenschaftlichen Fakultäten in Straßburg, Göttingen und Berlin. Besonders herzlich war er seit seiner Göttinger Zeit mit seinem Lehrer, Wilamowitz-Möllendorf, verbunden, bei dem er auch seine Dissertation „Studia Solonea" im Jahre 1897, also als 21jähriger, schrieb. Während seiner Frankfurter Zeit übten insbesondere die damaligen Gemeinderabbiner Dr. Marcus Horovitz und Dr. Nechemja Nobel einen erheblichen Einfluß auf die Bildung seiner jüdischen Weltanschauung aus. Er übernahm nach Ablegung seiner pädagogischen Examina die Leitung der von seinem verewigten Vater gegründeten Privatschule, an der er bis zu seiner Berufung an das Breslauer Rabbinerseminar tätig war. In die Frankfurter Zeit fällt ein Teil seiner literarischen Tätigkeit. Außer seinen wissenschaftlichen Beiträgen in der Zeitschrift für klassische Philologie „Hermes" widmete Prof. Heinemann sich besonders der Erforschung jüdisch-hellenistischer Literatur. Seit dem Jahre 1910 arbeitete er an den „Schriften der jüdisch-hellenistischen Literatur", in denen er die von Prof. Dr. Leopold Cohn begonnene Übersetzung der Werke Philos mitverfaßte, nach dessen Tode zu Ende führte und herausgab. Seine Mitarbeit am „Jeschurun" und an der Festschrift für Hermann Cohen „Judaica" galt insbesondere der Behandlung jüdisch-hellenistischer Themen. Nachdem im Jahre 1919 Dr. S. Horovitz das Amt des Seminarrabbiners am Breslauer Seminar übernommen hatte, wurde Prof. Dr. Heinemann auf Grund seiner Forschertätigkeit als Nachfolger in den Disziplinen, die bisher Dr. Horovitz innehatte, berufen. Schon in der Frankfurter Zeit hatte er der „Monatsschrift für die Wissenschaft des Judentums" seine Beiträge zur Verfügung gestellt. Bald nach dem Tode von Professor Dr. Brann bestellte ihn die Gesellschaft im Jahre 1921 zum Schriftleiter dieser Zeitschrift. Im gleichen Jahre erschien der erste Teil von Poseidonios' metaphysischen Schriften; der zweite folgte 1928. Aus seiner Feder stammen die wissenschaftlichen Beiträge zu den Jahresberichten des Rabbinerseminars: 1921 „Die griechische Quelle der Weisheit Salomos"; 1926 „Die Lehre von der Zweckbestimmung des Menschen im griechischen Altertum und im jüdischen Mittelalter"; 1929 erscheint in der Festschrift anläßlich des 75jährigen Bestehens des hiesigen Rabbinerseminars der erste Teil seines drei Teile umfassenden Werkes „Philons griechische und jüdische Bildung". Im gleichen Jahre erscheint der zweite Teil als Beilage des Seminarberichtes. 1932 liegt das gesamte Werk vor (Verlag M. u. H. Marcus, Breslau). Seine neueste Arbeit, „Altjüdische Allegoristik" erschien in diesem Jahre als Beilage des Seminarberichtes. Zu erwähnen sind noch seine jüdisch-hellenistisch-wissenschaftlichen Beiträge in der Pauly-Wissowaschen „Realenzyklopädie der klassischen Altertumswissenschaft"; außerdem seine im „Morgen" und im Philoverlag veröffentlichten Aufsätze und Arbeiten „Vom jüdischen Geist", senie Festvorträge und Predigten. Heinemanns wissenschaftliche Tätigkeit und Bedeutung brachte ihm im Jahre 1928 eine Berufung als Honorarprofessor für hellenistische Kultur an die Breslauer Universität. Am Breslauer Rabbinerseminar, seiner Wirkungsstätte, liest er neben den jüdischen Philosophen des Mittelalters Midrascheinführung, jüdisch-mittelalterliche Frömmigkeits- und Lebenstypen, Talmud, hebräische Gramatik und Homiletik.

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