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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1936-07-01 · 13 (1.7.1936) · p. Seite 288

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
12 (1936)
Issue
13 (1.7.1936)
Date
1936-07-01
Page
Seite 288 (sequence 2)
Language
German
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288 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 13 Auslegung des Bibehvortes. Ob er auch von den geistreichsten Männern konzipiert worden ist, so ist er doch weit entfernt von geistreichem Spiel, das sich an der Erprobung immer neuer Möglichkeiten in der Auswertung eines Schriftwortes erfreute. Nicht die (sicher auch oft unbewußt mitsprechende) Freude an der Vielfältigkeit der Möglichkeiten, die sich dabei ergeben, diktiert diese Bibelauslegung, sondern der ernste Wille, dem Bibelwort bis ins letzte gerecht zu werden und alles zu bieten, was eine Auslegung des heiligen Textes nur irgend zu leisten vermag. „Wende ihn wieder und wieder um, denn alles ist darin enthalten.'* Aber andererseits weiß jeder Midraschlehrer, daß er deutet. Die talmudische Periode besitzt von Anfang an — und je später desto ausgeprägter — ein echtes philologisches Verständnis für alte Texte; das zeigt sich bei ihrer nüchternen Bibelexegese, wird aber noch viel deutlicher an der Auslegung der Mischna durch die Gemara beider Talmude. Eine solche schlichte wörtliche Erklärung will aber der Midrasch gar nicht geben. Jedoch will er sie auch keineswegs verdrängen. Kennzeichen aller jüdischen Exegese ist vielmehr der Grundsatz, daß alle Auslegung den schlichten Wortsinn nicht aufheben kann (En mikra joze mide peschuto); dadurch unterscheidet sich die jüdische Exegese ja grundsätzlich von der Bibeldeutung des Paulus und der Kirchenväter. Am deutlichsten wird das vielleicht an einem Beispiel aus viel späterer Zeit, am Werke des großen Toßafisten Rabbi Samuel ben Meir, des Enkels Raschis: Dieser Mann, dem alle Schriftdeutungen des Talmuds für die religiöse Praxis und für die Erklärung des Talmuds unumstößlich feststehen, trägt kein Bedenken, in seinem Pentateuchkommentar den einfachen Wortsinn ohne Rücksicht auf diese Deutungen hervorzuheben. So weiß auch der echte Midrasch, daß es nur einen schlichten Wortsinn gibt, nur einen Peschat geben kann, und er will diesen Wortsinn durch seine agadische Erklärung weder aufheben noch als nebensächlich erscheinen lassen. Gerade dadurch aber, daß er den einfachen Wortsinn gar nicht aufheben kann, ist der Midrasch in seiner Alegorie viel weniger gebunden als etwa die christliche Alegoristik. Das Streben des Midrasch ist es vielmehr — und das muß man sich bei seiner Lektüre immer wieder vor Augen halten — das Letzte aus dem Bibelwort herauszuholen und seinen tiefen Gehalt völlig zu heben. Denn was zunächst als nebensächlich erscheinen möchte, kann in dem Gottesbuche ja nicht zufällig und nicht nebensächlich sein, auch hinter ihm steht ein Sinn, den es nur zu begreifen gilt. Um die Erfassung des Besonderen, was in dem beschlossen liegt, was als belanglos erscheint und doch von Gott so gewollt ist, müht sich darum der Midrasch. Daher ist aber Midrasch ursprünglich und im wahren Sinne nur bei der Bibel möglich, nicht bei irgendeinem anderen Werke, auch nicht gegenüber der mündlichen Lehre, deren Formulierung doch nun einmal Menschen geschaffen haben. Ob es ohne diese Voraussetzung möglich wäre, ehrlich das Bibelwort nach Art des Midrasch auszulegen, und welche Berechtigung eine solche Schriftdeutung für den hätte, dem die Bibel nicht im vollen Sinne ein göttliches, weil von Gott geoffenbartes, Buch ist, wage ich nicht zu entscheiden. Etwas ganz anderes aber ist es, den Midrasch selbst kritisch zu betrachten. Alle Arten der Literaturbetrachtung sind dann ihm gegenüber möglich, in formaler und weitgehend auch in inhaltlicher Beziehung. Aber es ist klar, daß nicht jede Betrachtungsweise dem Midrasch auch wirklich gerecht wird. Wertvolle Ergbenisse verspricht z. B. noch die volkskundliche Bearbeitung des Stoffes, die in letzter Zeit energisch in Angriff genommen worden ist. Aber man muß sich dabei darüber klar werden, welche Rolle der Midrasch im Judentum spielt, es ist nötig, daß man ihn richtig einordnet. Denn Midrasch ist nicht Sage. Dem Manne, der einen großen Teil des midraschischen Stoffes als Sagen der Juden bezeichnete, Micha Josef bin Gorion (Berdyczewski), hat nicht umsonst in vielen Punkten Achad Haam seine unjüdische-Art vorgeworfen. Leider wird auch im Hebräischen vielfach heute „midrasch" für „Sage" gebraucht — ein völlig entsprechendes Wort für „Sage" besitzt das Hebräische bezeichnenderweise nicht. Jedoch ist es bisher nur in geringem Umfange gelungen, dem Midrasch in seiner Methode und seinen Motiven wirklich gerecht zu werden und so bedeutet es ein Ereignis, wenn eine neue Arbeit die Maßstäbe der Midraschbehandlung, wenn auch nur auf einem eng begrenzten Gebiete, festlegt. Das hat durch seine Schrift „Altjüdische Allegoristik"1 in endgültiger Weise Isaak Heine mann geleistet, dessen 60. Geburtstag in diesen Tagen keineswegs nur die gelehrte Welt gefeiert hat. Diese durchaus wissenschaftliche Arbeit, im wesentlichen aus Vorlesungen am Jüdisch-theologischen Seminar in Breslau erwachsen, untersucht alle Einzelfragen, die mit der übertragenen Auffassung des Bibelwortes durch den Midrasch im allgemeinen und mit seiner Allegoristik im besonderen zusammenhängen, und kommt dabei z.T.-zur Bestätigung bereits vermuteter Tatsachen, teils aber auch zu bisher unbeachteten Ergebnissen. Es ist hier nicht möglich, all diese neuen Ergebnisse aufzuzählen, deren Bedeutung nur an Hand der Texte ganz klar gemacht werden könnte; doch sei auf einige Punkte besonders hingewiesen. Heinemann prüft zunächst die Begriffe und zwar sowohl in der gegenwärtigen Wissenschaft (die in diesem Punkte leider manchmal nicht präzis genug ist) wie in der Sprache des Midrasch selbst und grenzt den Begriff der Allegoristik, der jetzt oft viel zu weit gefaßt wird, im allgemeinen und besonders im Hinblick auf den Midrasch eindeutig ab. Nach einer ausführlichen Besprechung der Vorstufen der Allegoristik, behandelt er ihr Wesen selbst und spricht abschließend über ihre Motive. Dabei kommt er auch auf die' Frage zu sprechen, ob man innerhalb des talmudisch-midraschischen Schrifttums in dem Maße von Allegoristenschulen sprechen darf, wie man das bisher — offenbar übertreibend — zu tun pflegte. Sehr wesentlich für das Verständnis des Midrasch ist die Beobachtung, daß jede Deutung des Midrasch eine Einheit für sich bildet. Bei der Entstehung aus der Predigt ist das zwar leicht begreiflich, doch muß es, zumal uns die Sammlungen ja als ganze Bücher vorliegen, etwa ausdrücklich betont werden, daß so auch das Hohe Lied keine einheitliche Umdeutung durch den Midrasch erfährt, sondern daß auch in den Weisheitsdichtungen und Hymnen, die Heinemann besonders ausführlich bespricht, jeder Ausspruch im Midrasch ein selbständiges Ganze bildet, so daß wir den verschiedensten allegorischen Deutungen des Hohen 1 „A11 j ü d i s c h e Allegoristik" von Isaak Heinemann. 88 Seiten. Breslau 1936 (Wissenschaftliche Beilage zum Bericht des Jüd.-theolog. Seminars in Breslau für das Jahr 1935). Mit dem Aufsatz von Herrn Rabb. Bruno Finkelscherer ehren wir Herrn Prof. Heinemann zu seinem 60. Geburtstag. Eine fachliche Besprechung seiner Arbeit „Altjüd. Allegoristik" soll später in diesen Blättern folgen. Blaue Karte für Hilfe u. Aufbau. Wir machen darauf aufmerksam, daß alle Gemeindemitglieder, die noch keine blaue Karte besitzen, in den nächsten Tagen besucht werden. Wir bitten jeden Einzelnen dringend, eine Karte zu erwerben und einen den Verhältnissen entsprechenden Beitrag zu zeichnen.

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