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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1936-07-01 · 13 (1.7.1936) · p. Seite 287

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
12 (1936)
Issue
13 (1.7.1936)
Date
1936-07-01
Page
Seite 287 (sequence 1)
Language
German
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fltorfftid^ un& öt$ Btiban&tä ^ayctifrfjec Ifcaeßtiföet gtemdnti m Erscheint am 1. u. 15. jeden Monats.—Verlag: B.Heller, München, Plinganserstr. 64. Fernruf 73 6 65. Postscheck München 39 87, Herausgeber: Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden. Bezugspreis RM. —.60 pro Vierteljahr, RM. 2.40 für das Jahr. Anzeigenpreis: Geschäftsanzeigen nach aufliegendem Tarif. Kleine Anzeigen und Stellenmarkt ermäßigter Sondertarif. XII. Jahrgang München, 1. Juli 1936 Nummer 13 Inhalt: Die Motive des Midrasch — Gespräch über einen Palästina-Roman — Aus der Geschichte der hebräischen Sprachwissenschaft — Aus der Gemeinde München — Reichsbund jüd. Frontsoldaten Ortsgruppe München — Zionistische Ortsgruppe München — Aus bayerischen Gemeinden — Aus dem Reiche — Jüdischer Turnu. Sportverein — Makkabi München (Jüdischer Turnu. Sportverein) — Bücherschau — Amtlicher Anzeiger: Bekanntmachung der Isr. Kultusgemeinde München über die Einzahlung für Betstühle in der Hauptsynagoge für das Mietjahr 1936/37 — Personalia — Kalendarium u. Gebetszeiten f. München Die Motive des Midrasch Von Rabbiner Dr. Bruno Finkelscherer Zu Ehren des 6 0. Geburtstags von Professor Isaak Heinemann Aus den verschiedensten Gründen steht heute im Mittelpunkt jeder jüdischen Bildungsarbeit die Bibel. Aber diese Beschäftigung mit der Bibel, dem jüdischsten aller Bücher, erfolgt keineswegs stets in jüdischer Weise. Denn der Weg zur Bibel führt bei den meisten über die Werke nichtjüdischer Erklärer, die günstigsten Falls ausgesprochen christlich gefärbt sind, oft genug aber nur „wissenschaftlich" versuchen, alles Altisraelitische durch neue Bewertungsmaßstäbe herabzusetzen; auf jeden Fall stehen sie der jüdischen Betrachtungsweise und der Welt des Judentums oft wenig verständnisvoll gegenüber. Die wenigen Werke jüdischer Erklärer der Gegenwart, oft nur kleine Aufsätze, über die entlegensten Zeitschriften aller Sprachen verstreut, vermögen uns allein noch nicht einen wahrhaft jüdischen Zugang zur ganzen Schrift zu bahnen. So gibt es keinen anderen Weg, denn auf die jüdische Bibelerklärung vergangener Zeiten zurückzugreifen, auf Werke, die ja zum Teil einem einheitlichen jüdischen Milieu entstammen. Während aber die Werke der spanischen und auch der südfranzösischen Schule durch ihren weiten Blick und ihren geradezu modernen Geist, die sie uns sonst so anziehend erscheinen lassen, das einseitig Nur-Jüdische manchmal in den Hintergrund treten lassen, haben die Nordfranzosen, vor allem Raschi, sich ihre besondere Beliebtheit bei den jüdischen Lesern aller Zeiten vornehmlich dadurch erworben, daß sie immer wieder auf eine der eigenartigsten jüdischen Erscheinungen zurückgegriffen haben: auf den Midrasch. So ist auch in der Gegenwart, die Rückkehr zum Jüdischen am besten gewährleistet, wenn wir, sei es mittelbar durch Raschi, sei es unmittelbar, auf die alten Midraschim zurückgehen. Allein dem stehen große Schwierigkeiten entgegen. Sie liegen nicht nur im sprachlichen Gewand: In den Midraschsammlungen herrschen die aramäischen Stücke vor, wie wir sie ja auch in ähnlicher Weise bei den erzählenden Partien des babylonischen Talmuds finden (es handelt sich jedoch meist um einen anderen aramäischen Dialekt). Darum vermögen auch die fast durchweg vorliegenden, freilich nicht immer zuverlässigen, Übersetzungen uns nicht über die eigentlichen Schwierigkeiten hinwegzuhelfen. Denn diese sind sachlicher Natur: Der Midrasch ist kein Buch, das für den Leser — und damit für die Nachwelt „verfaßt" wäre. Die Midraschim sind vielmehr Sammlungen recht verschiedenartiger Elemente, sie sind die Zusammenstellung der Gedankengänge religiöser Vorträge, durch die gelehrte Prediger und Redner einem meist ungelehrten Publikum — ungelehrt wenigstens für die jüdischen Bildungsmaßstäbe vergangener Zeiten — das Bibelwort nahebringen wollten. So spiegelt der Midrasch nicht nur die Eigenart einer großen Zahl von Rednerpersönlichkeiten wieder, sondern auch die verschiedensten Besonderheiten des anonym gebliebenen Publikums. Darüber hinaus ist uns die ganze Betrachtungsweise des Midrasch zunächst fremdartig. Soll er uns aber nicht ein Kuriosum sein, sondern für unser eigenes Bibelverständnis uns Nutzen bringen, so müssen wir durch das Verständnis für seine Merkwürdigkeiten hindurch zu dem Sinn zu gelangen versuchen, den jene Erklärungen für alle Zeiten behalten. Wie gesagt ist der Midrasch seinem Ursprung nach eine Art Predigt. Nur predigend wird man ihm also wirklich gerecht. Es ist keine stilistische Besonderheit der jüdischen Predigt, sondern innerlich begründet, daß sie erst dann wirklich jüdisch ist, wenn sie zu ihrer Grundlage neben der Bibel auch das midraschische Schrifttum macht. Es ist recht bezeichnend, daß auch jene Strömungen innerhalb des Judentums des vorigen Jahrhunderts, für die der Talmud kaum mehr Autorität besaß, sich doch nicht vom Midrasch loszulösen vermochten, schon weil nur durch ihn ein Vortrag wirklich jüdisch wird. Auch wo der Midrasch uns außerhalb von Predigt und religiösem Vortrag begegnet, kommen wir seinem Verständnis immer am nächsten, wenn er uns nach Art der Predigt entgegengebracht wird. Dieser Umstand enthebt uns aber nicht der Verpflichtung, uns näher mit dem Wesen des Midrasch zu befassen und uns mit seinen Methoden vertraut zu machen. Denn nur wenn wir den Midrasch aus seinen Motiven verstehen, werden wir ihn wirklich verstehen; nur dann kann er für uns seine Fremdartigkeit verlieren. Das gilt in besonderem Maße von all denen, die, gleichviel an welchem Orte und in welcher Form, den Versuch unternehmen, Worte aus dem midraschischen Schrifttum anderen mitzuteilen. Der agadische Midrasch — der halachische Midrasch muß mit völlig anderem Maßstab gemessen werden, obwohl beide derselben Wurzel entsprossen sind — ist also seinem Ursprünge nach eine durchaus ernst gemeinte Predigt, ernst gemeint nicht nur — wie jede Predigt — in der Tendenz, sondern auch in der

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