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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1936-06-15 · 12 (15.6.1936) · p. Seite 269

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
12 (1936)
Issue
12 (15.6.1936)
Date
1936-06-15
Page
Seite 269 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 12 Bayerische Israelitische Gemeindezeatung 269 der Henriette Herz und die Geschichte des Dienstlabems des M a j o r B u r g. Henriette Herz ist ungefähr eine Zeitgenossin des unglücklichen1 Maimon: Tochter eines in Bertin niedergelassenen spaniolischen Arztes. Ihr Weg vom Ghetto zur modernen Kultur war nicht so steil, wenn auch immerhin steil 'genug, denn: es handelt 'sich ja um eine Frau, die vorher noch Gattungswesen (wie 'es die oft zitierten Memoiren der etwa ein halbes Jahrhundert früher lebenden Glücke! von Hameln zeigen) nun plötzlich als Individuum idam Leben gegenübersteht: Henriette Herz ward als unreifes Krad in der alten Weise verheiratet, wie auch ihre Jugendfreundinnen, .die Töchter Mendelssohns; als ganz junge Frau aber soll sie ein Leben führen, das in der Tradition der jüdischen Frau ohne Beispiel ist, und für das ihr auch der Gatte keine Weisung igeben kann. Denn dieser Marcus Herz, der sidh sel'bst, ähnlich wie Mendelssohn, aus 'drückender, geistiger und materieller Enge zur intellektuellen und bürgerlichen Freiheit emporgearbeitet hat, er tat es als Mensch, die Frau aber soll diesen Weg nicht nur als Mensch, sie soll ahn auch als Frau gehen — eine Aufgabe, der weder Henriette Herz, noch eine ihrer bedeutenderen Schicksalsgenossinnen gewachsen gewesen ist: sie alle brauchten doch Halt an einer gegebenen Form, die das Judentum ihnen gerade als Frauen nicht gab, und fanden ihn im Christentum, vor allem in der deutschchristMchen Umgebung. Die volle Freiheit der Persönlichkeit, das Ideal der deutschen Klassik, erreichte eine Caroline Schelling, aber keine der jüdischen Frauen ihres Kreises, Zusammen mit Rahe'ls und Dorothea Mendelssohns Brieten enthalten die Erinnerungen der Henriette Herz mehr, als die Schilderung eines Lebenslaufes: sie zeigen die Problematik der Übergangszeit und die Kompromißform, in der dieser Übergang vollzogen wurde. Die Geschichte des Dienstlebens des Major Burg gehört geistesgeschichtlich einer früheren Epoche an als die Bekenntnisse Maimons und von Henriette Herz: hier tritt das „Erlebnis" und „Individuum" zurück, es ist (scheinbar) Objekt, an dem sich ein Geschehen vollzieht. Nur ist es nicht mehr die mittelalterliche Seelenhaltung etwa der Glückel vom Hameln/, die sich als Kind verheiraten läßt und das als gegeben hinnimmt, wogegen eine Henriette Herz als individuelle Persönlichkeit rebelliert, sondern die Haltung eines pietistisch Frommen, idessen Leben zwar nicht von ihm selber „autonom" gestaltet wird so wie es die nach-kantische Ethik verlangt, der aber -diese Führung auch nicht im Sinne eines Frommen der vor-mendelssohnschen Zeit (etwa eines Jose! von Rosheim) der traditionellen jüdischen Form überläßt, sondern als Kind einer späteren Zeit das Dienstreglement für einen preußischen Offizier an dessen Stelle setzt. Man hat >die Tatsache, daß jener Offizier des Biedermeier in der jüdischen Gemeinschaft blieb, für ein positives Bekenntnis 'zum Judentum genommen, was es aber im Grunde nicht ist: 'für ihn ist 'freilich die Taufe unmöglich, weil sie ein lügenhaftes Bekennen verlangen würde. Aber das Judentum war ihm aufgelöst und aufgegangen in der Erfüllung seiner Berufspflichten. Nachdem einmal die Juden auch den Offiziersberuf ergreifen konnten, lag ihre spezifische Haltung in der Berufstüchtigkeit. Gottes Willen gehorchen hieß jetzt der Beruf sauf gäbe leiben. So ist diese überaus naiv und kunstlos geschriebene, und gerade durch das Fehlen jeder künstlerischen Absicht so überzeugend wirkende Autobiographie ein seltenes Denkmal Jener oft gezeichneten innerweltlichen Frömmigkeit; Benjamin Franklins klassische Autdbiognaiphie kann man neben ihr nennen wie Rousseau neben Maimon. Die gleiche Ethik des kategorischen Imperativ zeigt — weit weniger naiv und mit ganz erstaunlichem psychologischen Verständnis — die Lebensgeschichte der Fanny Lewäld, die nicht zufällig 'gerade in Königsberg ein bis zwei Jahrzehnte nach Kants Tode heranwächst. Hier ist die Lösung vom alten traditionsgebundenen Leben bereits in der Generation der Eltern erfolgt, die nun im strengen kantischen Pflichtbegriff ihren ethischen Halt finden. Die Verehrung der deutschen Klassiker, besonders Schillers, beruht weniger auf ihrer künstlerischen Bedeutung, als auf der ihrem Werk zugrunde liegenden Ethik, und zwar eben der Kants. Der Wunsch, sioh in einem nach diesen Begriffen geregelten bürgerlichen Leben zu bewähren, ist Ziel .der Erziehung wie der Selbsterziehung. Alles Irrationale wird durch Bewußtmachen unschädlichgemacht: was einen Sommerliche Kombination: Straffalaine, das ideale Sakko aus reinwollenem Trikot. 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Diese scheinbare Überschätzung der Schulung des Verstandes und 'des Willens versteht .man richtig, wenn man an die dumpf abergläubische Haltung vieler geistig erst halsbemanzipierter Juden dieser Überganigsiahre denkt. Geschildert sind diese Verhältnisse aus den verschiedensten Gegenden Deutschlands u. a. bei Moritz Lazarus aus der Provinz Posen, bei Steinthal aus Mitteldeutschland, besonders lebendig hei A. Heyraaran aus der Mark Brandenburg: Unbildung, besonders der Frauen, bei treuem gemütvollen Festhalten an der Überlieferung, ohne daß freilich unterschieden werden kann, was echt und was von außen an herkömmlichen Vorstellungen übernommen war.; So kann es kommen, 'daß eine berühmte, in Amerika niedergeschriebene Autobiographie einer ostjüdischen Frau ihren Weg vom 'Ghetto „ins Land der Verheißung" nennt, weil Amerika, das Land der 'unbegrenzten Bildungsmöglichkeiten, ihr den Weg zum vollen Menschentum freigibt I Bildung ist hier weit mehr als nur Ausbildung der intellektuellen! und allenfalls ästhetischen selbst denkenden Persönlichkeit, sondern der Weg.zur eigenen Mitwirkung an dem göttlichen Weltplan. Sehr ■ starK wirkt hier, und je mehr wir in die.zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts kommen, auch im ostjüdischen Schrifttum, etwa Mendeles, die Religiosität der Aufklärungszeit nach. Das Fragwürdige dieser Hältung sehen wir heute mit Uberschärfe. Denn wer idie ratio so stark bejaht, schätzt alle nicht-rationalen Werte, wie Gefühl, Tradition, Harmonie, zu gering ein, wer das Individuum, die freie autonome Persönlichkeit zur vollsten menschlichen Entwicklung hinausführen will, hat wenig Sinn für -die Werte der alten Gemeinschaft. Das stört uns heutige Leser besonders an den Autobiographien, die Ostjuden in Amerika und England niederschrieben. Und ist doch andererseits so gut zu verstehen! Erst eine noch spätere Generation, die sich vom den Ideen der Aufklärungszeit darum leichter frei Und jetzt! Besichtigen Sie bitte anverbindlich unsere Sommer- Neuheiten Kleider, Sport-Kostüme, Trachten-Kostüme, Gabardine-Mäntel, Complets, Blusen, Strickwaren LEO OPPENHEIMER, MÜNCHEN Fachgeschäft für Damenbekleidung Dachauerstraße 9 (neben Cafe* Rheinland)

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