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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1936-06-15 · 12 (15.6.1936) · p. Seite 268

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
12 (1936)
Issue
12 (15.6.1936)
Date
1936-06-15
Page
Seite 268 (sequence 6)
Language
German
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268 Bayerische Israelitische Geimemdezedtung Nr. 12 ist es Zeit für Pelz-Umarbeitung und Anfertigung nach neuesten Modellen S. Orlj;iiiskY & €o. Neuhauser-StraBe 29 Ordnung aufbaut, wie Ehe, Familie, Volk, Gehorsam, Treue ihren Sinn, weil jeder in der allgemeinen Anarchie des Denkens und Meinens etwas anderes darunter versteht. Überhaupt bin ich der Ansicht, daß die sogenannte Krise, über die wir soviel philosophische Bücher und Leitartikel schreiben und lesen, in erster Linie eine moralische Krise ist. Und ich sehe den Ausweg auch in erster Linie im Willen zu einer neuen Ordnung, einer neuen Disziplin auch bei uns so undisziplinierten Philosophen." B.: „Ganz kann ich dem nicht zustimmen. Der Wille zur Ordnung wird es nicht allein schaffen, wenn nicht der besinnliche und planende Verstand hinzutritt. Was unsere Halbbildung anbetrifft, so sehe ich das Gefährliche nicht darin, daß sie nach unten weiterschreitet, breitere Schichten, sagen wir in der Arbeiterschaft oder auch im Bauerntum, erfaßt. Das ist ein vielleicht bedauerlicher, aber trotzdem natürlicher Vorgang, dessen Schäden durch gute Volksbildungsarbeit überwunden werden können, soweit sie nicht schon von vornherein an den gesunden Instinkten unsers Volkstums und seiner unverbrauchten Kraft zur ständigen Erneuerung ihre Grenzen finden. Viel gefährlicher ist die Halbbildung, die nach oben ansteigt, die jetzt Schichten ergreift, die verpflichtet wären, sich durch Leistung und Haltung den wirklich Gebildeten zuzugesellen. Die Halbbildung des Bauers und Arbeiters ist oft nur Drang nach wirklicher, echter Bildung und fast immer optimistisch zu beurteilen; die des Handlungsgehilfen mag vielleicht wie die vieler Großstädter schon eher auf die Nerven fallen; der halbgebildete Hausknecht im Goldenen Löwen oder der halbgebildete Barbier mag eine, komische, wenn auch harmlose Erscheinung sein, am traurigsten, am beschämendsten und am hoffnungslosesten ist die Halbbildung so manches Studenten und sogenannten Akademikers. Hier kann auch meines Erachtens eine bloße äußere Disziplinierung, eine Ordnung nur um der Ordnung willen, nicht helfen. Wenn man nicht verstehen will, daß im Geistigen selbst die Disziplin liegen muß, im ständigen Kampf, in bohrender Auseinandersetzung mit einer Sache nur Um dieser Sache willen, dann fügen wir zu dem alten Gerede nur ein neues Gerede hinzu. Auch bloße Kulturkritik und Zeitkritik bringt uns nicht weiter, wenn sie uns nicht den Aufschwung gibt, uns nun wirklich den großen Meistern des menschlichen Geistes, denen unsers Volkes an erster Stelle, zu nähern, an ihnen uns zu formen und zu wachsen. Und ich wünschte, daß auch unser heutiges teils kritisches, teils launisches Gespräch nichts anderes sei als ein Hinweis auf diejenigen, mit denen es sich in der Philosophie wahrhaft lohnt, einen fruchtbringenden Dialog des Geistes zu halten." Jüdische Erlebnisbücher und Lebensbeschreibungen Der irrtümliche Ausspruch eines jüdischen' Literarhistori'kers: „Die jüdische Literatur besitze leider nur sehr wenige Memoirenwerke" hat sich zäh erhalten. Das jüdische Schrifttum ist 'in Wahrheit besonders reich an Selbstbekenntnissen: in allem Landessprachen, in denen Juden nur schreiben, finden sich solche, aus allen Berufen und Altersgruppen. Nut tritt iddese besondere Form literarischer Darstellungen verhältnismäßig spät auf, das Erlebnis- und Bekenmtnisbuch nicht vor der Zeit Mendelssohns. Erst die Zeit, in der Menschen In kleinen engen Verhältnissen, die ihnen wenig äußere Eindrücke vermittelten, mit dem neuerwachten Interesse sich ihrer eigenen1 Entwicklung zuwandten, ist die Zeit der eigentlichem Meimoirenschireibung der Erlebnisbeschreibung. Für die deutsche Literatur sind es die Jahre nach dem dreißigjährigen Kriege bis zur französischen Revolution, die Jahre, wo sich aus kleinbürgerlichen Anfängen eine spezifisch 'bürgerliche Kultur entwickelt. Der Bürger der damaligen Epoche war nicht handelnd im politischen Geschehen, das dynastisch geführt war: -auch große, weltumspannende Handelsbeziehungen, wie die Bürger Englands undi Hollands knüpfte er nicht. Die Enge uinld zugleich Innerlichkeit jener kleinstädtischen Verhältnisse drückt sich in einer Literatur aus, die das Drama und das Epos als andern Ständen entsprechend ablehnt, die Innen'kunst der Lyrik und den psychologischen Entwdok-luinigsroman als sich gemäß empfindet, und selber in diesen Literaturigattunigen schafft: die religiöse Lyrik und die erbauliche Lebensbeschreibung. Der Jude nun. der mit der Zeit Mendelssohns in die euroipäische Kultur wieder eintritt, von der er, etwa seit der Renaissance, fast völlig abgeschlossen war, gehört durchweg der kleinbürgerlichen Schicht an, denn die wenigen, vielleicht als großbürgerlich anzusprechenden Hoffaktoren und A'rmeelieferajjten spielen in der Emanzipation gar keime Rolle. Ihr literarischer Ausdruck ist also der typisch kleinbürgerliche: autobiographisch und erbaulich. So halben wir immer wieder die ganze von uns »behandelte Zeitspanne hindurch die selbe Erscheinung des Juden — zunächst in Deutschland und im Elsaß, dann aber auch im Osten, und endlich in England' und Amerika — also entsprechend dem Wege der Emanzipation zur europäischen Kultur — der aus dem Ghetto loommt und seinen Weg schildern will, weil er fühlt, daß er in einem Menschenlieben — oft nur in einem Jahrzehnt — vom Mittelalter in die Neuzeit ging. Also in der Tat ein Wegstück, das zu beschreiben wert war! Es gibt nun eine so überreiche Fülle solcher Dokuimeinite, daß wir nur einzelne Typen hier nennen wollen. Wer sich weiter damit beschäftigen will, wird sehr leicht an Hand des hier genannten die ähnlMchen Werke auffinden können, um sie für sich zu lesen. Wir halben neuerdings in der Zusammenstellung von Hans Bach „Jüdische Memoiren aus drei Jahrhunderten" (Schocken-Bücherei Nr. 52/53) eine leicht zugängliche Auswahl mit näheren! Angaben über die Fundstellen. Am Anfanig steht das berühmte Werk des Salomon Maiimomi: Geschichte des eigenen Lebens. Dies Werk wurde zuerst in der Sammlung von Autobiographien veröffentlicht, diie Karl Philipp Moritz herausgab, z. T. weil sie psychologisch, z. T. weil sie schriftstellerisch (bedeutsam waren. Wir können hier noch deutlich die zwei Quellen unterscheidlen, aus dienen dann der moderne Roman — die literarische Form' dies 19. Jahrhunderts — entsteht. Die Autobiographie ist eine Vorform dieser Kunst, und Maimons Werk ist ein charakteristisches Dokument der Aufklärunig. Es ist darin der Weg eines Menschen aus Verdunkelung und Fesselung seiner eingeborenen Kräfte zur vollen Menschlichkeit gezeichnet. Als ein solches Dokument hat es denn auch seinen literarischen Weg gemacht, ist Madie geworden, hat soigar Goethes Anteilnahme gefunden. Für uns freilich hat es eine andere Bedeutung. Die eben geschilderte Form seines Erscheinens wie die seiner Wiedergeburt in der Neuherausgalbe durch Jakob Fromer, eines Ostjuden, der hundert Jahre nach Maimon nochmals denselben Weg geht, ist ein Stück jüdischer Eigengeschichte. Dieser Maimon (dien Namen erhielt er als Spitznamen, weil er sich mit dem Ketzer Maimonides befaßte) hatte sich so radikal von allem Herkommem und aller Tradition gelöst, sieb so „lediglich auf den Kopf 'gestellt", daß sich an ihm. diese verachtete, unterdrückte Gefühls- und Trieb weit rächte; die Ähnlichkeit zwischen den Bekenntnissen Maimoins und denen Rousseaus ist sehr stark. Als unentbehrliches Gegenstück müssen wir zwei sehr viel weniger berühmte. Lebensbeschreibungen hier betrachten!: die

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