Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 12 (15.6.1936)
- Date
- 1936-06-15
- Page
- Seite 267 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 12 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 267 über eignem Genius. Geistesglut, die nicht gegen sich selber umzuschlagen weiß, ist in meinen Augen allenfalls angeborene Gewandtheit ohne Ausgleich und Gewähr. Die ihr allein entspringenden Werke sind merkwürdig aus Gold und Plunder gemengt: obschon sie vollauf mit blendendem Gesims beschwert sind, lockert die Zeit demnächst den Ton, und er zerstiebt; von vielen Gedichten bleiben uns nur gezählte Verse. Hierdurch ist selbst der Begriff des Gedichtes nach und nach verkümmert. Mit dem kränkenden Vorwurf der Ziererei, Sprödheit, Dunkelheit hat eine unwirsche Kritik nur nach Kräften die Wirkungen eines erhabenen innern Ringens aufs äußerste beschränkt und von Grund aus argwillige Geister enthüllt. Wer auch immer willens ist, vor der Öffentlichkeit über eines andern Werke zu reden, verpflichtet sich, voll und ganz die nötige Kraft aufzubringen, um sie zu begreifen, oder mindestens die Bedingungen und Zwänge anzugeben, die sich der Dichter auferlegt oder die sich ihm aufgedrängt haben: dann fände man, Klarheit, Schlichtheit und Fülle entwüchsen durchgehends der Verwendung bestehender und vertrauter Begriffe und Formen: der Leser erkennt sich in ihnen wieder, bisweilen verschönt. Gelegentlich aber weisen die Gegenteile dieser Züge auf Ziele hößerer Stufe. Unter den großen Menschen, die die Feder geführt haben, verschaffen uns die einen gerade dadurch Genugtuung, daß sie uns die Vollkommenheit dessen, was wir sind, mitteilen; andere plagen sich, uns zu dem emporzuführen, was wir mittels der Erkenntnis sein dürften, wäre sie, sei es umfassender, sei es fügsamer, sei es loser betreffs der Gepflogenheiten und alles dessen, was das weitestgreifende Zusammenspiel unserer geistigen Kräfte hemmt. II. Philosophie der Halbgebildeten. Die summarische Musterung unserer „Philosophen" soll sich in einem Zwiegespräch vollziehen. A. : „Aber was verlangen Sie Großes von unsern Philosophen? Man hat sie früher doch nie so ganz ernst genommen. Und ich finde, sie haben nicht an Ernst gewonnen, seitdem auf ihnen der nicht immer unbegründete Verdacht des Intellektualismus ruht, der sie manchmal gefährlich, manchmal verdächtig erscheinen läßt." B. : „Gehört das mit zum philosophischen Handwerk, sich gegenseitig als lächerlich, gefährlich, verdächtig zu bezeichnen?" A. : „Ach wissen Sie, ich halte gar nichts von Philosophen, aber alles von der Philosophie." B. : „Dieser Ausspruch, recht verstanden, ließe wieder Hoffnung schöpfen. Wir haben in der Tat zu viel Philosophen und zu wenig Philosophie. Über die Tatsache, daß Philosophie sogenannte existentielle Entscheidung für eine Person ist, vergißt man die andere, daß Philosophie auch Studium einer Sache ist. Wir haben aber eine ausgesprochene Scheu vor jeder an der Sache orientierten Philosophie, ob es nun die des Aristoteles, die des Aquinaten, des Cusaners, Descartes selbst die eines so ausgesprochenen Denkers wie die von Leibniz ist. Vergleichen Sie damit die Popularität so subjektiver Philosophen wie Schopenhauer und Nietzsche." A.: „Ich kann Ihnen darin nicht unrecht geben. Die Kluft zwischen sachlich orientiertem Wissen und dem, was sich Philosophie oder Weltanschauung nennt, nimmt immer beängstigendere Formen an. Gestand mir doch neulich ein junger Freund, daß er als Gymnasiast zwar noch seinen Atlanten aufgeschlagen habe, wenn er von einem ihm unbekannten Ort gelesen habe. Als Gymnasiast habe er auch noch Lexika und Nachschlagewerke benutzt. Gleich am Anfang seines Studiums aber habe er Nietzsche .erlebt', und seitdem habe er sich ängstlich vor derartigen Methoden gehütet, um nur gar nicht vor sich selbst in den Verdacht des Intellektualismus und des toten Buchwissens zu kommen. Nehmen sie hinzu, daß seine akademischen Lehrer zwar nicht an derartige Grundsätze glauben — dazu sind sie nicht naiv genug —, daß sie aber wohl derartige Grundsätze dulden und mit ihnen poussieren — dafür sind sie gedankenlos und charakterlos genug. Und dann machen Sie sich ein Bild, in welch geistiger Verfassung viele heute unsere Hochschule verlassen. Ich rede gar nicht einmal von den Verlegenheits- und Brotstudenten, sondern von denen, auf die es wirklich ankommt. Unsere jungen Leute haben oft unter persönlichem Einsatz entscheidende Wendungen im Politischen miterlebt, stärker als je vorher eine Generation, darüber hinaus Alf reil Hotelier &Co. ■■■■ Bankgeschäft M ö n ch e n ^^^1 Neuhauserstr.11 jj^H^I Telefon 11496 u. 13554 (Psdiorrbräu-Bierhallen) haben sie persönliche Krisen aller Art mit durchgemacht, eine geistige Welt von Jahrtausenden ist ihnen fragwürdig geworden, ein bißchen viel, wenn man es so hört. Was ihnen aber fehlt, ist: sie haben sich nicht alle an einer sachlichen nüchterntrockenen Arbeit geistig die Zähne ausgebissen, sich nicht genug das notdürftige Handwerkszeug geistiger Arbeit angeeignet, nicht genügend gelernt, einen historischen oder philosophischen Text kunstgerecht zu interpretieren. Und das ist ein bißchen wenig, wenn man es so recht bedenkt." B.: „Was Sie da vom geistigen Zustand Vieler unserer jungen Generation erzählen, ist das nicht die typische Eigenart des Halbgebildeten? Diese Schnellfertigkeit und Leichtfertigkeit im Urteilen und diese gedankenlose Faulheit und Nachlässigkeit in der Begründung des Urteils? Dieses ständige Überwiegen des Gefühlsmäßigen vor der Vernunft der Tatsachen? Dieser eitle Kult des Subjektiven und diese geschwätzige Verantwortungslosigkeit vor der Welt des Objektiven, die gewiß manchmal unbequem, aber gerade in ihrer unbekümmerten und unerweichlichen Eckigkeit geradezu majestätisch ist? Dieses ständige Betonen der sogenannten Wahrhaftigkeit, das schon längst eintönig geworden wäre, wenn es sich nicht merkwürdigerweise oft an die jeweilige Konjunktur angepaßt hätte, und dieses geringschätzige geflissentliche Ubersehen der Wahrheit, sei es auch nur als eines möglichen Ideals?" A. : „Sind wir beide da nicht etwas ungerecht? Haben wir es selbst nicht früher als eine Erlösung begrüßt, als man versprach, uns nicht mehr die Philosophie, sondern das Philosophieren beizubringen? Welchem von unsern Lehrern gaben wir den Vorzug, dem, der uns an Hand einer vielleicht ehrwürdigen, aber unleugbar trockenen Methode und Tradition zu schulen versuchte, oder dem, der um sich die Atmosphäre des Genialen und Persönlichen zu verbreiten verstand? Haben wir den Hochmut der Geistigen vergessen, der so manche Reaktion hervorrufen mußte? Das Problem der Halbbildung sehe ich selbstverständlich auch in seiner ganzen Schwere und Fragwürdigkeit. Aber ist es bei dem heutigen Stand unserer Technik nicht eine Art notwendiges Übel? Ich gebe zu, es ist peinlich, wenn Unterprimaner als Übermenschen, Dienstmädchen als blonde Bestien, Generaldirektoren als Immoralisten und pensionierte Landpfarrer als Antichristen auftreten. Aber was wollen Sie dagegen tun?" B. : „Ich finde, irgend etwas ist da nicht in Ordnung. Entweder waren wir damals von allen guten Geistern verlassen, als wir in der Lebensphilosophie die entscheidende Wendung sahen und das bedingte und einseitige Erlebnis verabsolutierten — oder wir haben heute kein Recht, die Einseitigkeit jeder sogenannten Lebensphilosophie zu tadeln." A.: „Ich finde, Sie übertreiben, wie gewöhnlich. Schließlich ist die Frage der Halbbildung nicht unsere Angelegenheit, sondern die der staatlichen Kulturpolitik. Denn das Gefährliche der Halbbildung besteht nicht darin, daß sie die wahre Bildung diskreditiert, sondern daß sie langsam die Grundlagen der gesellschaftlichen Ordnung untergräbt. Es fängt damit an, daß sich zunächst jeder seine eigene Religion zurechtmacht. Gewiß eine bloße Redensart, die den Mangel an Religion verdecken soll. Dieser sogenannten persönlichen Religion folgt die persönliche Philosophie und dieser die persönliche Moral auf dem Fuße. Mit dieser verlieren aber alle Elemente, auf denen die staatliche MAGISTER KIRSCH der gute Likör, Magister München VII