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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1936-06-15 · 12 (15.6.1936) · p. Seite 266

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
12 (1936)
Issue
12 (15.6.1936)
Date
1936-06-15
Page
Seite 266 (sequence 4)
Language
German
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266! Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 12 Blaue Karte für Hilfe und Aufbau. Je größer die Not, desto stärker die Verpflichtung zur gegenseitigen Hilfe. Nur mit der Blauen Karte können die Äufgaben der Alters Versorgung, Berufsumschichtung u. Auswanderung : erfüllt werden. Kein Mitglied unserer Gemeinde ohne blaue Karte! Wir helfen uns selbst, wenn wir die blaue Karte erwerben. Vom Untergang der Kunst des Lesens und über die Philosophie der Halbgebildeten In den folgenden voneinander unabhängigen Aufsätzen ist ein zunächst nicht „jüdisch" anmutendes Thema überlegen und frei von allen Tendenzen oder Schulmeistereien behandelt. Auch in unserem innerjüdischen Kreis besteht eine dem richtig verstandenen Geist unseres uralten Stammes entgegengesetzte fortschreitende Abneigung gegen anstrengendes Nachdenken und schwere, weit ausholende Explikationen. Das Bild, die Illustration, Kino und Rundfunk, Blickfang, Kurzgeschichte, Anregung und Sensation haben Jung und Alt verwöhnt, so daß nur wenige unter uns folgerichtigen, aber verwickelten Gedankengängen zugänglich sind oder gar „die Anstrengung des Begriffes" (nach einem Hegel'schen Ausdruck), also die Konzentriertheit eines scharf begrifflichen und logischen Denkens auf sich nehmen wollen. „Schwere" Abhandlungen oder Vorträge werden respektvoll gemieden. Man verzichtet auf Langwieriges, ist der Leidenschaft für den Geist völlig entfremdet und zuckt über philosophische Ableitungen die Achsel. Die Kunst des Lesens und die Kraft des Philosophierens sind abhanden gekommen; man überläßt sie den „Fachleuten". In dem folgenden ersten Aufsatz (entnommen einer Abhandlung „Mallarme" in der „Neuen Rundschau" im S. Fischer-Verlag) spricht zunächst kein Geringerer als der französische Dichter Paul V a I e r y, den R. M. Rilke übersetzt hat, von dem Untergang der Kunst des Lesens; der zweite Aufsatz über die Philosophie der Halbgebildeten ergänzt die exklusive Untersuchung Valerys auf lichtvollste Art. Für unsere jüdische Bildung, für das Lesen jüdischer Zeitungen und das Anhören von Vorträgen und Predigten fällt von diesen gelassenen Untersuchungen viel Licht auf die Gründe unserer Ungeduld und Genügsamkeit in geistigen Dingen. I. Vom Untergang der Kunst des Lesens. Von Paul Valery. Die Leichtigkeit des Lesens hat sich im Schrifttum eingebürgert, seitdem die allgemeine Hast und die Blätter, die diese Bewegung beschleunigen oder anspornen, .zur Herrschaft gelangt sind. Jedermann strebt danach, nur das zu lesen, was jedermann hätte schreiben können. Im übrigen fordere man, da es sich im Schrifttum schließlich darum handelt, Ergötzung und Zeitvertreib zu verschaffen, nur keine Mühe, berufe man sich ja nicht auf den Willen: hier siegt der vielleicht kindliche Glaube, Vergnügen und Anstrengung schlössen einander aus. Was mich betrifft, so bekenne ich, daß ich fast nichts an einem Buch gewinne, das mir keinen Widerstand entgegensetzt. Vom Leser zu fordern, er solle seine Geisteskräfte anspannen und nur nach einer recht mühseligen Sammlung in den vollen Besitz übergehen; den Anspruch zu erheben, ihn aus dem Nehmenden, der er zu sein hofft, halbwegs zum Schöpfer zu gestalten — aber das hieße doch, die Gewohnheit, die Trägheit und jedes mangelhafte Verständnis verletzen. Die Kunst, mit Muße und in Abgeschiedenheit zu lesen und dabei wohlweislich die Unterscheidungen zu treffen, eine Kunst, die ehedem der Zähigkeit und dem Eifer des Schriftstellers dank einer gleichwertigen Gespanntheit und Geduld entsprach, geht verloren; sie ist verloren. Einst kündigte ein Leser, dem an Hand der schwer zugänglichen Schriften eines Tacitus oder Thucydides von Kindheit an eingeschärft wurde, er solle die Zeile weder verschlingen noch erraten und den Satz, die Seite nicht ohne Durchdringung des Inhalts überfliegen, den Verfassern einen Beteiligten an, der es wert war, daß man die Ausdrücke gegeneinander abwäge und die Abhängigkeit in der Gliederung eines Gedankens ordne. Politik und Romane haben diesen Leser aus der Welt geschafft. Die Suche nach der unmittelbaren Wirkung und dem raschen Reiz hat aus der Sprache jede Bemühung um den Zierat getilgt und aus dem Lesen jenes gespannte Verweilen des Blickes. Fortan weidet sich das Auge an einem Verbrechen, einem Unfall und enteilt. Der Verstand verliert sich in einer Unzahl von Bildern, die ihn entzücken; er frönt den erstaunlichen Wirkungen der Gesetzlosigkeit. Wird der Traum (oder die reine Erinnerung) zum Muster erkoren, dann treten die Dauer, das Denken hinter dem Augenblick zurück. Mehr als dreißig Jahre lang war er (Mallarme) Zeuge oder Dulder für den Gedanken der Vollkommenheit. Diese Leidenschaft für den Geist erkiest sich fürder fast keine Opfer. Der Verzicht auf Langwieriges kennzeichnet einen Abschnitt im Weltenlauf. Werke, die ungezählte Zeit erfordern, und solche, die angesichts der Jahrhunderte geschaffen werden, unternimmt man neuerdings nicht mehr. Das Zeitalter des Vorläufigen ist angebrochen: da mag man jene Gegenstände der Beschauuung nicht mehr ausreifen lassen, die die Seele unerschöpflich findet und von denen sie immerfort eingenommen werden kann. Die Zeitspanne einer Verwunderung ist nunmehr die Einheit unsrer Zeitrechnung. Aber die Bemühung um die Auslese kostet ein volles Leben; und der eigenwillige Verzicht auf alle Vorteile der Leichtigkeit, auf alle Wirkungen, die in den Schwächen des Lesers wurzeln, in seiner Eilfertigkeit, Unbedachtsamkeit, Einfalt, kann unversehens dazu führen, daß man ins Unerreichbare entrückt. Ist man zu sich selbst allzu hart, so läuft man Gefahr, es vollends für die Leserschaft zu werden. Wer sich beispielsweise hergibt, im gleichen Werk die für die Dichtung wesentlichen Werte des unmittelbaren Verführerischen mit einem köstlichen gedanklichen Mark als Rückhalt für den Geist zu paaren, bei dem dieser ohne Verdruß eine Zeitlang verweile, der verscherzt sich nicht minder die Aussichten, seiner Arbeit je ein Ende zu setzen, als die, gelesen zu werden. ■ Das menschlich schönste Streben will Verworrenheit in sich zur Klarheit und Möglichkeit zur Fähigkeit wandeln; das ist das wirkliche Wunder. Gern höre ich von Unerbittlichkeit gegen-

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