Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 12 (15.6.1936)
- Date
- 1936-06-15
- Page
- Seite 265 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2727810-2728050-2728062--10683-2744050- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 12 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 265 die seine Schätze mit modernen wirtschaftlichen Methoden erschließen wollen, und daß die Stärke und die Stellung des kulturellen Jischuw im Lande, außerhalb ihres eigenen Lagers, nach Möglichkeit geschwächt wird. Jede Hebung des kulturellen Niveaus im Lande gefährdet ihre Vorrechte. Sie befürchten, daß die Neuerungen der Juden den arabischen Massen als Vorbild dienen, und daß sie sich dadurch zur Befreiung von ihren bisherigen Lebensbedingungen aufraffen werden. Tatsächlich sind diese Kreise schon so mancher ihrer Positionen verlustig gegangen. Während des türkischen Regimes besetzten sie die Regierungsämter und stellten sogar eine gewisse politische Macht dar. In den Jahren nach der türkischen Revolution wurden aus ihren Reihen Abgeordnete in das türkische Parlament und in die Bezirksräte von Damaskus und Jerusalem gewählt. Ohne die Juden wäre selbst unter dem englischen Regime keine Änderung in ihrer Stellung eingetreten. Aber die Juden stellten eine Konkurrenzkraft dar, die ihrer Kontrolle nicht untersteht und geeignet ist, die arabischen Massen zu beeinflussen — und all das geschieht gegen ihren Willen. } Unter der Führung der reichen Grundbesitzer organisierten sich auch Araber mit einem höheren Kulturniveau, nämlich Angehörige der freien Berufe, Beamten, Journalisten usw. Diese Schicht ist praktisch die führende in der arabisch - nationalen Agitation. Abgesehen von der Tatsache, daß ihre Interessen mit denen der herrschenden arabischen Schicht im Einklang stehen, und daß sie sich selbst als ihnen zugehörig betrachten, fürchten diese Kreise die jüdische Konkurrenz in den Ämtern und freien Berufen, insbesondere im Rechtswesen und im Arztberuf, in denen die Juden am stärksten vertreten sind. Zum Schluß ist die Gruppe der Priester zu erwähnen. Der „Oberste Moslemische Rat" führte eine unmittelbare religiöse Agitation in der Angelegenheit der Klagemauer. Diese Gruppe stellt eine ungeheure Kraft in der arabischen Bewegung dar, deren Anteil an der Schürung der Unruhen in Erez Jisrael in einem Memorandum der Histadruth an parlamentarische Kreise in London beleuchtet worden ist. Der „Oberste Moslemische Rat" wurde vor mehreren Jahren von der britischen Verwaltung gegründet; ihm wurde die Leitung des Wakf und der Wohlfahrtsfonds, die Aufsicht über die Moscheen, religiöse Gerichte und das Schulwesen anvertraut. Ursprünglich war dieser Rat als eine gewählte Instanz gedacht. Aber die Wahlen wurden von der Regierung suspendiert, und der jetzige Rat ist als provisorische Instanz vom High Commissioner ernannt worden. So ist der Rat also nicht aus allgemeinen Wahlen hervorgegangen und untersteht daher keiner öffentlichen, unabhängigen Kontrolle. Ebensowenig ist er verpflichtet, der Öffentlichkeit Rechenschaftsberichte über seine finanziellen Transaktionen zu geben. Es versteht sich von selbst, daß er die Interessen der Großgrundbesitzer wahrnimmt, die mit seinen Mitgliedern wirtschaftlich, gesellschaftlich und familiär verbunden sind. Die Ursache des Einflusses all dieser Kreise auf die Massen ist nicht schwer zu verstehen — wenn man bedenkt, was oben über den halbfeudalen Charakter der arabischen Gesellschaft gesagt worden ist: Bei den Beduinen sind die Scheichs die Herren und Herrscher. Auch bei den Fellachen ist der Scheich oder der Muchtar derjenige, der den Charakter des ganzen Dorfes bestimmt und die Macht hat, Streitigkeiten zu verhindern oder zu entfesseln. Die Bodenpächter sind von den Großgrundbesitzern nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch und geistig abhängig, ebenso wie in den Städten die adligen Familien entscheidenden Einfluß ausüben. Die „Ulema", die mohammedanisch-religiöse Führerschaft, übt einen sehr starken Einfluß auf die ungebildeten, fanatischen und leichtgläubigen Massen der Einwohner aus. Dies alles ist eben die Ursache dafür, daß das Recht, im Namen der ganzen arabischen Bevölkerung mit Forderungen aufzutreten, nur einer bestimmten Anzahl von Menschen zusteht. Das sind Menschen, die zur selben Zeit, in der sie Unruhe stiften und demokratische Rechte und Selbstverwaltung im nationalen Maßstab fordern, zu allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln greifen, um das Wahlrecht der großen Mehrheit der arabischen Bevölkerung zu "beeinträchtigen. In den meisten arabischen Stadtverwaltungen mit überwiegend arabischer Mehrheit liegt die Leitung in den Händen von sehr wenig Personen. Wenn wir die Entwicklung der arabischen Bewegung in Erez Jisrael in den letzten Jahrzehnten verfolgen, sehen wir, daß ihre Tendenz sich von Zeit zu Zeit ändert. Dazu führt einerseits der ständige Konflikt zwischen der mohammedanischen Mehrheit und dem kleinen, aber aktiven Teil der christlichen Araber. Der Kampf der christlich-arabischen Gruppe um ihren gesellschaftlichen und politischen Aufstieg, um Posten in höheren Regierungsämtern und um einen starken Einfluß auf die offiziellen Kreise ist geeignet, eine Scheidewand zwischen ihr und den Mohammedanern zu errichten. Als zweiter Faktor haben die ständigen Konflikte zwischen gewissen adligen Familien in den Städten und der gegenseitige Haß unter den Stammeshäuptlingen zu gelten. Zu diesen Faktoren gesellt sich noch der wirtschaftliche Einfluß der jüdischen Einwanderung und die unter dem britischen Regime eingetretene Wandlung in der Verwaltung des Landes. — All das führte im Laufe der gegenwärtigen Epoche zu einer allmählichen Zersplitterung der politischen Gruppierung der Araber. Es ist aber meiner Meinung nach wichtig, zwischen einer abstrakten Analyse und einem aktuellen politischen Aktionsprogramm zu unterscheiden. Ein jüdisch-arabisches Ubereinkommen in Erez Jisrael ist von vitaler Bedeutung für unser Werk. Ungeachtet unserer Formulierungen, die dem gesellschaftlichen Charakter der arabischpolitischen Bewegung entsprechen, muß man den Weg zu einem derartigen Übereinkommen bahnen. Doch ungeachtet der dringenden Erfordernisse des Augenblicks ist eine Untersuchung der gesellschaftlichen Kräfte, die in der arabischen Bevölkerung Palästinas wirken, unbedingt notwendig. Nur im Lichte einer solchen Untersuchung werden wir imstande sein, eine richtige Politik zu treiben und die endgültige Lösung des Problems der Beziehungen zwischen Juden und Arabern in Erez Jisrael zu finden. Die Schilderung Arlosoroffs — vor 6 Jahren erschienen — ist heute noch wichtig, wenn auch der Kampf nach der neuen Einwanderung seit 1933 in ein neues Stadium getreten ist. Mit dem niederen Niveau der Fellachen und den wirtschaftlichen Vorteilen, die die Araber durch die Juden haben, dürfen wir heute nicht mehr argumentieren; das wäre eine gefährliche Selbsttäuschung, vor der gerade die Juden in Deutschland aufs ernsteste zu warnen legitimiert sein dürften. (Red.) Blaue Karte für Hilfe u. Aufbau. Wir machen darauf aufmerksam, daß alle Gemeindemitglieder, die noch keine blaue Karte besitzen, in den nächsten Tagen besucht werden. Wir bitten jeden Einzelnen dringend, eine Karte zu erwerben und einen den Verhältnissen entsprechenden Beitrag zu zeichnen.