Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 12 (15.6.1936)
- Date
- 1936-06-15
- Page
- Seite 264 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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264 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 12 Otto Schloß (Köln), Im Wartesaal Aus der Reichsausstellung jüd. Künstler im Berliner jüd. Museum ihnen ein luxuriöses und verschwenderisches Dasein und verschafft ihnen leicht Zugang zu den Kreisen höherer Aristokratie. In ihrem Besitz befinden sich nach Schätzung Dr. Ruppins ungefähr 80 Prozent der Böden im Galil, 50 Prozent des Boden im Süden des Landes und 85 Prozent des Bodens in Transjordanien. Das Memorandum, das im Jahre 1926 der Mandatskommission des Völkerbundes vom Waad Leumi vorgelegt wurde, schätzt den Großgrundbesitz in Erez Jisrael auf 4 702 000 Dunam. Viele Effendis, die in der Stadt leben, investieren ihr Geld im Handel und sind mit der Händler- und Wuchererschicht identisch. Zur Oberschicht des arabischen Jischuw im Lande gehört auch eine GrupDe Moslems, deren Angehörige im wesentlichen den „Obersten Mohammedanischen Rat" bilden. In den Händen dieser mächtigen und einflußreichen Gruppe befinden sich ansehnliche Geldsummen, die bei den Gläubigen gesammelt wurden. Über die Verwendung dieser Gelder, die zum Besitze der religiösen Institutionen (Wakf) gehören, legen die religiösen Führer, welche die Geschäfte des Wakf führen, keinerlei Rechenschaft ab. Eine dritte wichtige Gruppe der Oberschicht sind die Vertreter der freien Berufe und die Regierungsbeamten. Sie stehen den Effendis sehr nahe, leben im gleichen Milieu und sind häufig auch mit ihnen verwandt Sehr eng ist auch die Verbindung zwischen den Effendis und den religiösen Führern der Araber in Erez Jisrael. Auch der Klerus ist in hohem Maße von der Gnade der reichen Araber abhängig und auf Gedeih und Verderb mit ihnen verbunden. Die Interessen dieser beiden Gruppen sind identisch oder laufen zumindest parallel. Gerade jetzt, wo wir so viel vom Einfluß der jüdischen Alijah auf den arabischen Jischuw des Landes oder über das Verhältnis dieses Jischuw zum Zionismus reden, können wir ihn dennoch nicht als Einheit ansehen. Wir müssen die verschiedenen Gruppen in diesem Jischuw in Betracht ziehen, .und die Tatssache, daß. verschiedene Interessen in ihm vertreten sind, bedingt verschiedenartige Auswirkungen und als Folge davon auch verschiedene Formen der gegenseitigen Beziehungen. Was die Fellachen und Arbeiter angeht, die die Mehrheit des arabischen Jischuw bilden, so sind gerade sie es, die aus der jüdischen Ansiedlung Nutzen gezogen haben. Seitdem die Ansiedlung begonnen hat, hat die Berührung der Fellachen und Arbeiter niit den Juden und dem jüdischen Aufbauwerk eine Verbesserung des Lebensniveaus des arabischen Arbeiters bewirkt oder doch zumindest den Willen und das Streben danach bei ihm geweckt. Vor allem ist eine deutliche Verbesserung des Einkommens festzustellen. Im Vergleich zu früher wie auch zu den benachbarten Ländern ist der Arbeitslohn allgemein gestiegen. Auch dem arabischen Fellachen, den kleineren Grundbesitzern und den Landarbeitern brachte die jüdische Kolonisation nur Nutzen und Vorteil. Alte arabische Dörfer, deren Einwohner in den jüdischen Pflanzungen der Umgebung arbeiteten, wurden unmittelbar von modernen jüdischen Siedlungen beeinflußt, eigneten sich neue Arbeitsformen an und entwickelten neue Wirtschaftszweige. Die Feilachen, die sich mit Gemüse- und Obstbau und mit Geflügelzucht befaßten, fanden in den jüdischen Wohnvierteln und den we/iigen Zentren der Kolonisation einen Markt mit großer Kaufkraft für ihre Erzeugnisse. Die Erweiterung der Absatzmöglichkeiten förderte die Entwicklung und Mannigfaltigkeit ihrer Wirtschaft. Manche jüdischen Kreditanstalten begannen sogar arabischen Landwirten und Dorfgemeinden Darlehen zu gewähren. Es wird behauptet, daß ein anderer Faktor — der der Förderung des jüdischen Bauwesens — in die Lebensinteressen der Bevölkerungsmassen eingreift, und daß gerade er imstande sei, die Fellachen zum Anschluß an die militante arabische Bewegung zu veranlassen, und daß er sozusagen der Faktor des Bodens sei. Das Ergebnis der jüdischen Bodenpolitik kann — soweit sie Fellachen betrifft — folgendermaßen zusammengefaßt werden: Die Aufteilung von Bodenflächen, die eine Aufteilung des für die jüdische Ansiedlung erforderlichen Landerwerbs ist, zieht eine Konzentrierung von arabischen Fellachen auf kleineren Bodenflächen nach sich. Sie gibt dem Fellachen die notwendigen Mittel in die Hand, seine Landwirtschaft nach einem rationalisierten System auf einer kleineren Bodenfläche zu betreiben. Das bedeutet einerseits eine Modernisierung der arabischen Landwirtschaft und die Hebung des Kultur- und Lebensstandards des Arabers, andererseits — die Übertragung des restlichen brachliegenden Bodens zugunsten der jüdischen Aufbauarbeit. Aus all dem ergibt sich, daß den Massen der Araber Palästinas aus der jüdischen Einwanderung und Kolonisation nicht nur kein Schaden erwachsen ist, sondern daß sie im Gegenteil großen Nutzen aus ihr gezogen haben. Wie bereits oben erwähnt, wurden keine arabischen Landwirte von ihrem Boden vertrieben, vielmehr eröffnete sich ihnen ein großer Markt für den Verkauf ihrer Erzeugnisse. Der Lebensstandard der arabischen Arbeiter ist beträchtlich gestiegen, was dem Vorbild der Organisierung und dem besseren Lohn, dessen Höhe durch die neuen jüdischen Einwanderer bestimmt wurde, zu verdanken ist. Es kann also nicht wundernehmen, daß unter diesen Bedingungen der Widerstand der arabischen Massen gegen die jüdische Kolonisation im allgemeinen schwächer wurde und sogar schon deutliche Zeichen von Kraftlosigkeit aufwies. Als einziges Mittel, eine Gärung hervorzurufen, die darauf gerichtet ist, die Entwicklung einer gegenseitigen Verständigung zwischen Juden und Arabern zu verhindern, blieb die Schürung des religiösen Fanatismus im Zusammenhang mit der Frage der Klagemauer.* Die Menschen, die aus diesem Streit Nutzen gezogen haben, sind gerade diejenigen, die immer bereit sind, sich jedes wirklichen oder künstlichen Streites zu ihrem Vorteil zu bedienen — das heißt die höheren Kreise der arabischen Gesellschaft, welche die Großgrundbesitzer, die Angehörigen der freien Berufe und den Klerus umfassen. Dazu kommen auch noch die Beduinen, deren Haß auf jede feste Ansiedlung so alt ist wie die Zivilisation selbst. Die Beduinen freuen sich über jede Gelegenheit zu Raub und Plünderung und brauchen dazu keine besonderen Beweggründe — sei es religiöser oder politischer Natur. Welches sind aber die Faktoren, die die Auflehnung der Effendis, Großgrundbesitzer und Wucherer gegen das jüdische Aufbauwerk bestimmen? Es ist klar, daß auch sie aus der jüdischen Einwanderung Nutzen ziehen, da die Steigerung der Bodenpreise und die Zunahme des allgemeinen Reichtums im Lande ihnen zweifellos zugute kommt. Andererseits ist es wichtig für sie, daß die breiten Massen der Fellachen, die ihren Boden pachten, nach wie vor im gleichen Zustand bleiben wie bisher, daß die Tore des Landes denen verschlossen bleiben, * Der Aufsatz ist 1930 geschrieben. In die nächsten sechs Jahre fiel die große jüdische Einwanderung. Vom wirtschaftlichen Vorteil oder Nachteil aus läßt sich heute das Problem nicht mehr ansehen. (Red.)