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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1936-06-01 · 11 (1.6.1936) · p. Seite 244

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
12 (1936)
Issue
11 (1.6.1936)
Date
1936-06-01
Page
Seite 244 (sequence 2)
Language
German
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244 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 11 die ihm den Gehorsam sichert. Wenn gegenüber der ägyptischen Lehre der Gotteskindschaft des Pharao (Nativismus) die babylonische Theokratie dem König die bloße Statthalterschaft Gottes (Adoptionismus) zuschreibt, so trägt hier wie da das Königtum einen substantiellen Heilscharakter in sich selbst. Es ist eine magische Kraft, die in beiden Fällen ihrem Träger die Autorität sichert. Der Mensch wird hier zu einem schlechthin Vollkommenen, trotz aller Bedingtheit von der göttlichen Charis her selbst ins Göttliche Gesteigerten. Der Midrasch hat das Wesen dieser Haltung gut erkannt, wenn er seinen Tadel und Unwillen über Pharao, Nebukadnezar und andere gleichgeartete Gestalten ausspricht, die sich vermessen, Gott zu gleichen (Ex. r. 8,3). Ihnen wird das Wesen der jüdischen Autorität durch die Charakteristik Mosches entgegengesetzt. Denn man spürt: Der heidnischen Bildautorität hat das Judentum einen grundsätzlich anderen Typus von Autorität entgegenzuhalten. Zunächst: Kein Mensch ist absolute Autorität. Niemand ist Musterbild. Es gibt keine paradeigmatische Verkörperung des Vollendeten. Niemand i s t das, was er sein soll. Jeder soll das werden, wozu er ist. Der Satz des Dekalogs: „Du sollst dir kein Bildnis machen" besagt auch: Du sollst dir von dir selbst kein Bildnis machen, dich nicht durch Erhebung in die Sphäre der Bildhaftigkeit vergöttlichen. Das Judentum macht ernst mit dem labilen Charakter des Charisma. Es gibt keinen statischen Heilsbesitz, kein ruhendes Charisma, kein Haben des „heiligen Geistes". Martin Bub er hat die hier beschlossene Entmagisierung des Glaubens in seinem Buche „Königtum Gottes" dargestellt (S. 145 ff.). Kein Mensch hat je den Punkt erreicht, an dem er kraft seines substantialen Gehaltes Nachfolge beanspruchen dürfte. Selbst die größten Gestalten der jüdischen Urgeschichte, die erstmalig die Struktur des jüdischen Geistes realisieren, gelten nicht als Bildautoritäten. „Es gibt keinen Menschen auf Erden, der so gerecht ist, daß er nur das Gute täte und nicht sündigte." Und im Buche Hiob heißt es: „Selbst seinen Gerechten traut er nicht, und die Himmel sind nicht rein in seinen Augen." (Vgl. hierzu Midrasch Tehilim zu 16, 3 und Raschi zu Gen. 28, 13.) Der Mensch ist niemals Autorität kraft seiner selbst, sondern nur kraft der Lehre, die er vertritt, und zwar als eine von Gott gegebene. Seine Autorität ist also nur eine relative, nie absolut erfüllte. Er verkündet das Wort Gottes, aber er repräsentiert es nicht. Sein Ich tritt, sofern es um Autorität geht, völlig zurück hinter die Botschaft, deren Überbringer er ist. Er mag daher noch so viel Lehre bereits in sich verkörpern, er darf niemals beanspruchen, daß seinem Selbst als solchem Ehre gezollt werde. Als Botschafter Gottes hat er für sich nichts zu fordern. Kennzeichnet den griechischen Helden die Selbstherrlichkeit der auctoritas, so den jüdischen Träger der Lehre die demütige Unterwerfung unter das Gebot Gottes, die Haltung der Anawah. Gott allein ist absolute Autorität. Das griechische Denken konnte sich an einer solchen autoritären Potenz nicht brechen, denn dort war die Gottheit bloß Macht, nicht fordernde Autorität. Auch an den Höhepunkten der griechischen Gottesvorstellung, wie in dem berühmten Worte der Ilias, mit dem Aristoteles seine Theologie beschließt: „Nicht gut ist die Vielherrschaft, einer soll Herrscher sein" (Ilias, II 204; Metaph. 10 a. E.) tritt nicht der eine fordernde Gott in die Blickrichtung des Menschen, sondern wird die bloß architektonische Spitze eines bildhaften und gestalteten Kosmos gedacht. Demgegenüber bedeutet die jüdische Anawah das ehrfürchtige Sichbeugen unter Gott, um ihm zu lauschen, seine Forderung zu hören. Denn Gott ist nicht bloße Schicksalsmachtj sondern sittliche Autorität. Auch der ägyptische Monotheismus des Amenophis IV. ist von wesenhaft anderen Motiven getragen als der jüdische (vgl. Erman, Ägyptische Religion und J. Hehn, Die biblische und die babylonische Gottesidee, S. 101, 383 ff.). Amenophis drängt die einzelnen Götter zurück, um einen farblosen, für Ägypten und seine Vasallenstaaten annehmbaren Sonnengott an die Stelle des alten Götterglaubens zu setzen. Sein Sonnenkult will international sein, daher abstrahiert er von den spezifisch ägyptischem Eigentümlichkeiten, aber er bleibt Naturkult. Der jüdische Monotheismus hingegen setzt dem bildhaften Naturkult die naturüberlegene Autorität des sittlichen Gebotes Gottes entgegen. Autorität ist also im Judentum weder der "heroische Mensch noch der mythische Gott, sondern die sittliche Forderung des eiften^emzigen Gottes.- Alle sogenannte menschliche Autorität, und sei es selbst die des Propheten, hat daher ihre Grenze am Gottes wort. Es ist charakteristisch, daß im Sinne der Thora ein Prophet in dem Augenblick aufhört, Prophet zu sein, in dem er eine gegen das geoffenbarte göttliche Wort gerichtete Forderung erhebt. Selbst Zeichen und Wunder können seine Autorität nicht retten. Denn die Sendungsprophetie — und eine solche ist die jüdische Prophetie in ihrem Wesen — ist ja gebunden an die sie übersteigende Autorität ihres Auftraggebers Gott. (Über die verschiedenen Kategorien des „falschen" Propheten vgl. Mischnah, Sanh. XI, 5 und Talmud dass.) Damit ist ein wichtiges Moment für die Erkenntnis der Autorität im Judentum gewonnen. Aufgabe aller menschlichen Autoritäten kann es nur sein, in den Dienst des Gotteswortes zu treten, es zu verkünden, zu lehren und weiter zu pflanzen. Die Aufgabe der. Uberlieferung, nicht der autoritären Neuschöpfung des göttlichen Gebotes wird zum Signum der jüdischen Autoritätsleistung. Der Mensch empfängt die Bestimmung, Lehrer der Thora, nicht Meister einer Offenbarung zu werden. „Stellt viele Schüler auf", in diesem Programm der um Esra geschürten „Männer der großen Synode" prägt sich diese bedeutsame Tendenz in einer klaren Formel aus. Das Lehrer-Schüler-Verhältnis bezeichnet die jüdische Autoritätsstruktur, im Gegensatz zum Meister-Jünger-Verhältnis anderer Religionen. Dort wo Religionsstifter und Mystagogen glauben, persönliche Offenbarungen empfangen zu haben, bildet sich um die Gestalt des Erleuchteten eine Gemeinde von Adepten, die, gelöst von bisheriger Tradition nud der neuen Autorität hingegeben, eine neue Heilslehre zu erfahren hoffen. Das Judentum hat solche am Rande stehenden Figuren seiner Geistesgeschichte, die es in kaum nennenswerter Zahl aufweist, mit gesundem Instinkt rechtzeitig abgestoßen. Ihm geht es nie um neue Offenbarung, sondern um die Uberlieferung der alten. Das Wort Mosches „Denn dies Gebot, das ich dir heute gebiete, ist dir nicht verborgen und ist nicht fern, es ist nicht im Himmel, daß du sagest, wer steigt für uns in den Himmel hinauf und holt es uns, und macht es uns kund, daß wir es tun" (Deut. 30, 11, 12) wird in einer späteren Deutung als Protest gegen jeden etwaigen Anspruch einer neuen Offenbarung aufgefaßt. Es gebe keine Thora im Himmel mehr, die Offenbarung des Gesetzes ist ein für allemal geschehen. Von hier aus wird auch der patriarchalische Charakter der jüdischen Autoritätsstruktur sichtbar. Die Lehre ist Erbgut „Die Thora, die Mosche uns geboten, ist ein Erbgut der Gemeinde Jakobs". Überlieferung ist Vermächtnis. Als solches kommt sie von den Ahnen her. Das Lehrer-Schüler-Verhältnis steht ursprünglich in Personalunion mit der patriarchalischen Familienordnung. Der Vater ist der natürliche Lehrer des Kindes. „Du sollst sie (die Worte Gottes) deinen Kindern einschärfen." Die Autorität der Eltern ist so im wesentlichen Lehrerautorität. Nicht das Elterliche an sich bedeutet, so sehr es einen natürlichen Anspruch auf Ehrerweisung besitzt, bereits eine autoritäre Instanz. „Jeder ehrfürchte seinen Vater und seine Mutter, meine Sabbate hütet!", das bedeutet nach der traditionellen Erklärung: Der Gehorsam gegen die Eltern darf nur so weit gehen, als er nicht mit dem Willen Gottes in Konflikt steht. Wäre es etwa der Wunsch der Eltern, das Kind solle den Sabbat entweihen, so wird hier entschieden: Meine Sabbate hütet. Die Autorität der Eltern hat der Gottes zu weichen. Denn sie hat keine andere Sanktion als die des Lehrertums, sie zerbricht also im Widerspruch mit der Lehre. (Vgl. Joreh Deah § 240 und die dort im Pitche Teschubah § 13 angegebene Literatur. Bemerkenswert ist die dort am Ende getroffene Bestimmung: Ein Schüler, der in eine fremde Stadt ziehen will, in der er ein besseres Lehrhaus zu finden hofft, kann auch gegen den Willen des Vaters, der etwa irgendwelche Besorgnisse hegt, seinem eigenen Willen folgen .— Der Grund ist deutlich: Dort, wo die Lehre auf dem Spiele steht, erlischt die Autorität der Eltern.) Kein Mensch ist Bildautorität. Diesen Satz haben wir dem Autoritätsgefüge des Heidentums als die grundsätzliche jüdische Haltung entgegengestellt. Er findet seine überraschende Bestätigung durch den; Sachverhalt, daß selbst Gott, sofern es um seine autoritäre Beziehung zum Menschen geht, nicht Bildautorität in irgendwelchem Sinne ist. Selbst Gott ist nicht Paradeigma, Musterbild, sondern Lehrer.'Nicht das Bild eines Gottes lädt zur imitatio dei ein, sondern die Forderung Gottes er-

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